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Eine Hirnthrombose hat ihr Leben verändert: «Was jetzt kommt, ist für mich eine Zugabe»

Für Johanna Lehmann hat das Versteckspiel nun ein Ende gefunden.

Für Johanna Lehmann hat das Versteckspiel nun ein Ende gefunden.

Eine Hirnthrombose hat Johanna Lehmanns Leben verändert. Nun hat sie ein Buch mit Mundartliedern veröffentlicht.

«Schon im Spital wusste ich nach dem Schlaganfall zwei Dinge: Dass ich nicht mehr zurück in die Schule gehe und dass ich von nun an als Frau lebe.» Das war 2016. 42 Jahre lang hat Johanna Lehmann an der Primarschule unterrichtet, zuerst in Grenchen, dann in Zuchwil. Damals noch als Hans Lehmann. «Kurz vor dem Schlaganfall habe ich den Schuldirektor, die Schulleitung und die Kollegen über meine Transgender-Identität informiert», so Lehmann. Die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern wurden nicht eingeweiht.

Ihren Beruf hat Lehmann mit viel Engagement ausgeübt. Die eigenen Ansprüche waren hoch, manchmal fast zu hoch. Entsprechend gross war der Druck. Dann die Thrombose im Gehirn. Fünf Wochen Spitalaufenthalt folgten. «Ich hatte Glück im Unglück», sagt Lehmann. «Ich hätte tot sein können.» Durch tägliches Training und mit viel Geduld lernte sie wieder gehen, sprechen und ihre linke Hand gebrauchen.

Heute ist Lehmann pensioniert. Vom Schlaganfall hat sie nur noch leichte motorische Beeinträchtigungen. Die linke Hand ist feinmotorisch geschädigt. Deshalb hat sie die Gitarre gegen einen Bass eingetauscht. «Weil die Wechsel dort nicht so schnell sein müssen wie auf der Gitarre.» Und die Stimme hat auch gelitten. Musik und Singen waren ihr immer wichtig, letzteres muss sie jetzt anderen überlassen. Das Liederschreiben aber pflegt Lehmann nach wie vor. Sie hat ihre Mundartlieder nun im Buch «Unerhörti Lieder oder das wiedergefundene Glück» zusammengetragen. Lehmann hat ihren Texten einen persönlichen Kommentar zur Seite gestellt und möchte sie nun unter die Leute bringen. «Ich will mit meinen Liedern berühren, meine Sicht zeigen und auch anderen Mut machen», so Lehmann. Schliesslich sind ihre Lieder auch ein Plädoyer für mehr Toleranz. Mit drei Freunden hat Lehmann die Mundart-Band Plan B gegründet. Plan B, weil Plan A nicht mehr realisierbar ist.

Trotz des verlorenen Gitarrenspiels ist Lehmann dankbar. «Was jetzt kommt, ist für mich eine Zugabe.» Sie wolle kein Versteckspiel mehr machen, wie sie es selbst vor ihrer Ehefrau Kathrin jahrelang tat. «Nur wenn ich allein war, zog ich Frauenkleider an.» Lange hatte Lehmann gar keinen Namen dafür, was mit ihr los war. Im Internet ist sie dann fündig geworden. Seit 15 Jahren ist Kathrin eingeweiht. Anfangs war es für sie schwer, sie hat aber zu Johanna gehalten. In diesem Jahr feiern sie das 40-Jahr-Jubiläum ihrer Ehe. Mit dem Coming-out von Johanna ist es für Kathrin leichter geworden.

Der Grossteil der Rückmeldungen war positiv

«Für viele ist Transgender etwas aus der Schmuddelecke», sagt Lehmann. In der Gesellschaft gebe es noch wenig Akzeptanz und wenig Wissen darüber. Persönlich habe sie aber vorwiegend positive Rückmeldungen erhalten zu ihrem Coming-out. Selbst im kleinen Horriwil, wo sie seit 25 Jahren lebt. Schritt für Schritt habe sie immer mehr Leute ins Vertrauen gezogen, mal im Ausland ausprobiert, wie es ist, als Frau in ein Hotel einzuchecken und dabei gemerkt, dass das geht. So habe Lehmann Mut geschöpft. Heute weiss sie, Transgender ist keine Krankheit und hat nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun, sondern ist etwas Angeborenes. «Es ist oder es ist nicht», sagt sie. Ein medizinischer Eingriff zur Anpassung des Geschlechts kommt für sie nicht in Frage. «Viele Transgender wollen heute die Geschlechtsanpassung gar nicht mehr, denn die Hormontherapie erhöht das Schlaganfallrisiko.»

Johanna Lehmann hat eine erwachsene Tochter und einen zweijährigen Enkel.

Weitere Infos und Hörprobe www.johanna-lehmann.ch.

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