Reportage
Ein Tag unterwegs mit einem Team der «Rettung Grenchen»

Das Schöne an seinem Beruf sei, dass man nie wisse, was der Tag bringt, sagt Peter Möri. Auch ich weiss nicht, was mich erwartet, als ich am Morgen die rot-gelbe Uniform der Rettungssanitäter anziehe und den Pager an meinem Hosenbund befestige.

Christoph Neuenschwander
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Claudio Berva überwacht während der Fahrt die Patienten

Claudio Berva überwacht während der Fahrt die Patienten

cnd

Möri, stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes Grenchen, macht uns Kaffee und setzt sich an den runden Tisch im Aufenthaltsraum. Der Stützpunkt an der Lebernstrasse ist im Umbau: Eine Wand soll herausgebrochen werden, um mehr Platz zu schaffen, und im oberen Stock werden zwei Schlafzimmer eingerichtet.

Anfang Mai hat man den Pikettdienst durch einen 24-Stunden-Dienst ersetzt. Pro Tag ist nun jeweils ein Zweierteam auf der Tagesschicht von 8 bis 16 Uhr und eines auf dem «24er», also rund um die Uhr anwesend. Geschlafen wurde bislang in einer Pikettwohnung ausserhalb des Stützpunkts.

Matur oder abgeschlossene Berufslehre

Beim Umbau packen alle an. Überhaupt könne jeder seine Fähigkeiten ins Team einbringen, sagt Möri. Voraussetzung, um mit der zwei- bis dreijährigen Ausbildung zum Rettungssanitäter zu beginnen, ist eine Matur oder abgeschlossene Berufslehre. «Wir haben Pflegefachpersonen, Maurer, Elektriker, Leute, die sich mit Autos auskennen», zählt der 43-Jährige auf, der selbst gelernter Bodenleger und Pflegefachmann ist. Viele anfallende Arbeiten würden selber verrichtet.

«Wir stehen uns alle sehr nahe, jeder kennt die Gewohnheiten des anderen», sagt Möri. Mit insgesamt 24 fest angestellten und freien Mitarbeitern ist die «Rettung Grenchen» ein eher kleiner und familiärer Betrieb. Jeder arbeitet mit jedem, fixe Zweierteams gibt es nicht. Ich bin für heute der Tagesschicht zugeteilt. Im Team 320 mit der 27-jährigen Denise Guderzo und dem 26-jährigen Claudio Berva.

Und plötzlich geht es los

«Wir haben hier ein interessantes Einsatzgebiet», findet Möri. «Einerseits haben wir die Grenchenberge mit steilem Gelände und Sturzverletzungen, andererseits die Stadt mit vielen Lifestyle-Einsätzen, wo es um Alkohol und Drogen geht.» Zudem brächten Autobahn und Eisenbahnstrecke, Aare und Landwirtschaft wiederum ganz andere Unfälle und Einsatzmuster mit sich.
Was besonders an der Stadt Grenchen sei, ist die Tatsache, dass das nächste Krankenhaus nicht gleich um die Ecke liegt. Man muss je nach Situation und Wunsch des Patienten nach Solothurn oder Biel.

«Wenn man an einen Unfallort kommt, legt man erst einmal eine Taktik fest», so Möri. «Und diese Taktik und damit die medizinische Versorgung sind zwangsläufig anders, wenn man in fünf Minuten beim nächsten Universitätsspital ist, als wenn man 15 oder 20 Minuten bis zum nächsten Krankenhaus hat.» Hier habe das Prinzip «Load and Go» eine andere Dynamik als in Grossstädten, sagt er noch.

«D2. AZ Verschlechterung»

Doch bevor er weiter ausführen kann, piepst mein Pager. «Team 320», steht auf dem Display. «D2. AZ Verschlechterung.» Klingt für mich als Laien zwar kryptisch, aber irgendwie auch ernst. Ich eile zum Einsatzfahrzeug und nehme hinten neben der Tragbahre Platz. Denise Guderzo startet den Motor, während Claudio Berva dem Drucker im Koordinationsraum ein Blatt mit den Details zum Einsatz entnimmt, das die Alarmzentrale in Solothurn zusammen mit dem Pager-Signal an uns geschickt hat. Nach einer Minute sind wir auf der Strasse. Ohne Sirene und Blaulicht.

D2 bezeichne die Dringlichkeit des Falls, wird mir erklärt. D1 sei ein Notfall, bei dem es um Leben und Tod gehe; das Alarmsignal muss zwingen eingeschaltet werden. Bei einem D2 handelt es sich zwar auch um einen Notfall, aber um einen weniger groben. Beides sind sogenannte Primäreinsätze. D3 sind planbare Sekundäreinsätze, beispielsweise die Verlegung eines Patienten in ein anderes Spital.

Ein ruhiger Tag

Wir fahren in eine Nachbargemeinde. Der Allgemeinzustand, also «AZ», einer krebskranken Frau habe sich verschlechtert, erläutert Berva. Sie leide unter Schmerzen und Atemnot. Der Hausarzt habe ihr geraten, ins Krankenhaus zu gehen, worauf der Ehemann den Rettungsdienst gerufen hat, weil er sie nicht selbst die Treppe hinunter tragen kann. Wir sind da, werden vom Ehemann in den ersten Stock geführt. Berva versorgt die Frau mit Sauerstoff, fragt nach Allergien, nach den Schmerzmitteln, die sie nimmt.

Er ist bei diesem Einsatz der Betreuer, Guderzo die Fahrerin. Wenn sie das nächste Mal ausrücken, wollen sie die Rollen tauschen, damit sie etwas Abwechslung haben. Einen zweiten Einsatz werden die beiden heute aber nicht fahren, es ist ein ruhiger Tag.

Und der jetzige Einsatz ist simpel. Wir tragen die Frau ins Fahrzeug, fahren nach Solothurn, währenddessen ihr Berva gut zuredet und aufmerksam ihre Atmung überwacht. «Etwa 24 Atemzüge pro Minute», erklärt er mir später. Doppelt so viele wie normal. Im Bürgerspital wird die Patientin gleich auf ein Zimmer gebracht. Berva gibt das unterwegs ausgefüllte Protokoll ab und erstattet mündlich Rapport, Guderzo ist für das Einsatzauto zuständig, überprüft ob Material verwendet wurde, das wieder aufgefüllt werden muss.

Ein guter Tag

«Es ist ein positives Zeichen, wenn nicht viel los ist», sagt sie, während wir die Tragbahre mit einem neuen Leintuch beziehen. «Das bedeutet, dass es den Menschen gut geht.» Ausserdem habe sie Zeit, auf dem Stützpunkt noch ein wenig zu lernen.

Im August wird die ehemalige Dentalassistentin ihre Ausbildung zur Rettungssanitäterin abschliessen. Per Knopfdruck meldet sie der Zentrale, dass wir wieder einsatzbereit sind, dann fahren wir zurück. Es ist Mittag. Wir essen mit Emanuel Mangold, der 24-Stunden-Dienst hat, unterhalten uns über gesperrte Strassen und wildere Einsätze als den, den ich gerade erlebt habe.

Auch Claudio Berva räumt ein, dass es ja eigentlich wünschenswert ist, wenn er nichts zu tun hat. Aber als ich ihn frage, was für ihn ein guter Tag sei, antwortet er überzeugt: «Ein Tag, an dem was läuft.» Der ehemalige Elektromonteur hat zwar wie alle sein Ämtli, kümmert sich um die Einsatzwagen.

«Doch irgendwann will man die Fahrzeuge auch benützen.» Es müsse ja nicht gerade Tod und Elend sein. Aber ein Rettungssanitäter ohne Einsatz sei wie ein Journalist, der nichts zu berichten hat. Das leuchtet ein.