Die anstehende Renovation des «Coop City»-Hochhauses, das Anfang nächsten Jahres auch seinen 40. Geburtstag feiern kann, ist eine Gelegenheit, mit dem Architekten auf die Baugeschichte des Grenchner Wahrzeichens zurückzublicken.

Der Architekt Hans Dietziker hatte es in Grenchen wahrlich nicht einfach. Er war zwar architektonisch erfolgreich, wurde – vielleicht gerade deshalb – angefeindet und erlebte wirtschaftliche Höhen und Tiefen.

Als wir Hans Dietziker, inzwischen 86-jährig, aber bei guter Gesundheit, zusammen mit seiner Frau Madeleine in seinem Heim im Seeland besuchen, müssen wir ihn zuerst fast überreden, über seine Zeit in Grenchen zu sprechen. «Ich möchte sie am liebsten vergessen», sagt er.

Jungtalent

Doch der Reihe nach. Der aus dem Zugerland stammende Dietziker war Anfang der 1950er-Jahre, als er Architektur studierte, Praktikant in einem Bieler Architekturbüro. Dort hat er unter anderem auch einen Entwurf für ein Kongresshaus gezeichnet (das so aber nicht realisiert wurde). Ernst Gisel, der Architekt des Grenchner Parktheaters (das inzwischen unter Denkmalschutz gestellt ist und als eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Moderne im Kanton gilt), habe sich vom Entwurf des jungen Architekten aber beeindruckt gezeigt, erzählt Dietziker.

Sein Büro in Grenchen habe er dann 1956 eröffnet, in einem Atelier mit Wohnhaus am Bachtelenrain. Das erste realisierte Dietziker-Gebäude war das Hotel Touring an der Centralstrasse. «Es wurde leider später durch eine Renovation arg verunstaltet», bedauert Dietziker.

Schon bald danach, 1957, hat er die ersten Entwürfe für das Haldenschulhaus eingereicht – und als 28-Jähriger den Wettbewerb für sich entschieden. Hier hatte Dietziker besonders mit dem damals weit verbreiteten Misstrauen gegenüber der modernen Architektur zu kämpfen. Es brauchte mehrere Anläufe, bis er seine Pläne für die grosszügige Schulanlage für den oberen Stadtteil realisieren konnte. «Und weil inzwischen in Neuenburg ein ähnliches Schulhaus gebaut wurde, warf man mir sogar vor, es sei ein Plagiat.»

International beachtet

Wenn überhaupt, war es gerade umgekehrt. Denn das Haldenschulhaus konnte erst 1964 fertiggestellt werden und gilt heute als architektonisch herausragendes Bauwerk. Die Renovation durch das Büro Erich Senn Architekten AG (wo damals auch der Grenchner Architekt Remo Bill von der Partie war) sei jedenfalls gut gelungen, attestiert Dietziker. Doch damals war es anders: Eine Einweihungsfeier habe überhaupt erst stattgefunden, nachdem internationale Architekturzeitschriften über das Gebäude berichtet hatten.

Eine längere Vorgeschichte hatte auch das «Coop City»-Hochhaus, das heute als das Wahrzeichen der Stadt Grenchen bezeichnet werden kann. Erste Skizzen dafür habe er schon Mitte der Sechzigerjahre gemacht, erklärt Dietziker bei einer Tasse Kaffee.

1972 stand das Projekt

Ab 1968 wurde es dann konkreter mit Vorprojekten, bevor 1972 das danach realisierte Projekt vorlag. Es war der 9. Projektentwurf. Der Platzbedarf von Coop Schweiz für das Warenhaus war immer grösser geworden und so wurden ein Hotel, ein Dancing und ein Grossrestaurant auf Anraten des Architekten aus dem Raumprogramm gestrichen. Realisiert wurde ein Bau mit insgesamt 14 Stockwerken: Ein wuchtiges, doch elegantes Gebäude mit einem markanten Betonsockel und darüber einem neungeschossigen Hochhausteil, der wie in einem hellen Betonrahmen aufgehängt erscheint. Die Statik des Gebäudes ist damit unmittelbar ersichtlich. Die Fassade ist aus braunem eloxiertem Aluminium, wie sie auch in den Hochhäusern von Architekturgiganten wie Ludwig Mies van der Rohe häufig Anwendung fand. Die Kombination mit Sichtelementen aus Beton zeichnet aber das Grenchner Gebäude aus.

Damals ein Hightech-Gebäude

Das «Coop-City»-Gebäude, heute «Centro», wurde im damals neusten Standard errichtet, mit Gasheizung, klimatisierten Verkaufsräumen, drei Kellergeschossen (zuunterst eine Parkgarage mit 70 Plätzen), Expressliften im Hochhaus und automatischer Sprinkleranlage. Sogar eine Notstromgruppe wurde auf dem Dach eingebaut. Für das Hochziehen des Hochhaus-Rohbaus benötigte man nach dem Erstellen des Konstruktionsgeschosses (4. Stock) nur drei Monate, wie der Architekt in seinem Bericht schrieb. Auch habe es keinen grösseren Unfall gegeben, heisst es in einer Sonderbeilage des Grenchner Tagblatts vom 26. April 1975.

Doch die Missgunst wurde nicht kleiner. Auch beim «Coop City»-Projekt wurde Dietziker in Grenchen des Gigantismus bezichtigt, während die Fachwelt ihn im Gegenteil versuchte zu ermutigen, noch höher zu bauen. «Grenchen muss ein markantes Zentrum bekommen, damit man sieht, dass es eine Stadt ist», hiess es damals.

Dietziker wohnte nach eigenen Angaben bis 1997 in Grenchen und hat die Stadt (unter anderem auch aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten) verlassen. Noch immer arbeitet er heute im Architekturbüro seines Sohnes in Biel. Und entwirft sogar wieder Gebäude für Grenchen. So habe er an den Plänen der Überbauung Bella Vista an der Haldenstrasse mitgearbeitet, berichtet Dietziker.