Es ist ein starkes Stück (auch) Grenchner Geschichte, welches Bettina Hahnloser mit ihrem Buch «Der Uhrenpatron und das Ende einer Ära» über ihren Grossvater Rudolf Schild-Comtesse, die Eterna und ETA und die schweizerische Uhrenindustrie geschrieben hat. An der Buchvernissage im Kultur-Historischen Museum dankte sie diesem für die grosszügige Unterstützung und meinte einleitend: «Ich hoffe, das vorliegende Buch trägt dazu bei, einige Aspekte und die eine oder andere Ansicht in der zuweilen dramatischen Geschichte dieser Stadt zu erhellen.» Dies ist ihr beileibe gelungen.

«Der Uhrenpatron» ist natürlich eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt mit Rudolf Schild-Comtesse (1900–1978) einer der mächtigsten Männer in der Schweizer Uhrenindustrie seiner Zeit steht. 

Das Buch ist aber noch viel mehr. Wir begegnen aufmüpfigen Grenchnern in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die auch schon mal mit rabiaten Mitteln die verhassten Solothurner Kommissare vertreiben, werden Zeugen, wie liberale Köpfe mit Unternehmergeist die Uhrenindustrie aufbauen, erleben deren Blütezeit und deren Beinahe-Untergang und wir stossen immer wieder auf uns bekannte Namen.

Wohlwollend und differenziert

Bettina Hahnloser zeichnet ein zwar wohlwollendes, aber durchaus auch differenziertes Bild ihres Grossvaters. Als distanziert, unnahbar, in geschäftlichen Dingen oft unbeugsam und unnachsichtig sei er wahrgenommen worden. Und doch: «Wer ihm privat begegnete, war meist überrascht von seinem aufblitzenden Charme und seiner Liebenswürdigkeit.» Dazu habe er die Gabe besessen, Angestellten, von deren Fähigkeiten er überzeugt gewesen sei, freie Hand zu lassen. Und nicht zuletzt habe er verschiedene unheilvolle Entwicklungen vorausgesehen, habe aber letztlich aus diversen Gründen als eine Art «Mahner in der Wüste» zu wenig Gehör gefunden.

Die Journalistin und studierte Ökonomin scheut sich auch nicht, problematische Dinge anzusprechen: Das unsägliche Uhrenstatut etwa, eine Art geschützte Werkstatt mit Bundesbeteiligung für die Uhrenindustrie, dann aber auch die wirtschaftliche Monokultur, die sich in Grenchen ausgebreitet hatte, und an der die Uhrenpatrons beileibe nicht unschuldig waren.

Für ihr nun vorliegendes Werk hat Bettina Hahnloser viel Zeit in diversen Archiven verbracht. Aber nicht nur. Sie hat auch mit verschiedenen Personen Interviews geführt, welche die erzwungene Sanierung der Branche Anfang der 80er-Jahre (also nach dem Tode von Rudolf Schild-Comtesse) betrafen: «Was mir aufgefallen ist, ist die hohe Emotionalität, mit welcher damalige Protagonisten von dieser Phase sprechen», resümiert sie. Emotionen und Ressentiments, die in unserer Stadt auch heute noch zu verspüren sind, wenn man irgendwie in eine Diskussion um die damalige Uhrenkrise gerät. In einem Epilog lässt die Autorin zudem die Ereignisse in der Uhrenindustrie nach dem Abgang ihres Grossvaters
Revue passieren.

Schliesslich strich sie an der Buchvernissage ihre Begegnung mit Adolf Richard Schild hervor, dem Verfasser einer Familien- und Ortsgeschichte, Enkel von Adolf Schild-Hugi, dem Gründer der «ASSA», «ohne dessen liebenswürdige Anteilnahme dieses Buch nicht geschrieben hätte werden können».

Guide im Familiendschungel

Das Buch ist spannend geschrieben, reich illustriert und wird abgerundet durch Chronologie, Stammbäume, Organigramm, Kurzbiografien wichtiger Persönlichkeiten, Glossar und Personenverzeichnis. Dies alles ermöglicht es, sich im «Dschungel» der Familienverhältnisse und Konstrukte der Uhrenindustrie zurechtzufinden und ist so auch für nicht ausgesprochene Kenner der Szene lesenswert.

«Der Uhrenpatron und das Ende einer Ära» ist im Verlag Neue Zürcher Zeitung erschienen und ist erhältlich im Museum oder im Buchhandel.