Mario Andreotti hat die Diskussion letzten Montag in seiner Kolumne angestossen, die ich mit grossem Interesse gelesen habe. Darin hat er die «ökonomiekonforme Verkürzung» des Unterrichts beklagt, das Verschwinden von Fächern wie bildnerisches Gestalten und Musik, Geschichte, Literatur, Handarbeits- und Werkunterricht. Und obwohl ich bestimmten Fächern keine Träne nachgeweint hätte − der Handarbeitsunterricht war eine ausgesprochen demütigende Erfahrung, und im Zeichnen brachte ich keinen geraden Baum zustande − stelle ich mit Herrn Andreotti die Frage: Wollen wir eine Welt, die den Menschen nur für seinen wirtschaftlichen Nutzen züchtet? Die bildenden Künste, Literatur, Musik und Geschichte gehören zum Menschsein. Seit je hat der Mensch Bilder in Wände gekratzt, seine Geschichte aufgeschrieben, Musik komponiert, Theater gespielt, Geschichten erzählt. Auch in Grenchen wurde, schon als es noch ein Bauerndorf war, musiziert, gesungen und getanzt. Man führte einen Lesezirkel, hat Bilder gemalt, hat Lieder komponiert wie «Dursli und Babeli» und Gedichte geschrieben, wie das vom sauren Grenchner Wein aus der Feder des «Grossätti us em Leberberg».

Und der Quell ist nicht versiegt: Nach wie vor produziert Grenchen wunderbare kulturelle Früchte wie das freche Grenchen-Video, das jüngst Furore gemacht hat; feiert Erfolge wie die Schopfbühne Grenchen, die sich gegen Dutzende Bewerber durchgesetzt hat und am 13. Juni ihr aktuelles Stück «Holzers Peepshow» am ersten «Volkstheaterfestival» in Meiringen präsentieren darf. Und auch literarischer Nachwuchs steht in den Startlöchern; wie die gebannten kleinen Zuhörer, die sich von Amira Hafner-Al Jabaji und mir am Schweizerischen Vorlesetag vom «Kleinen Nick» begeistern liessen.

Die Welt braucht nicht nur Handwerker, Juristen und Ökonomen; sie braucht auch Literaten, Musiker, Tänzer, Zeichner und Theaterspieler. Im Zentrum sollten, wie Herr Andreotti geschrieben hat, «der Mensch und seine freie Entwicklung zu mehr Menschlichkeit» stehen. «Dazu bedarf es gerade auch jener Disziplinen, die nicht nach dem Prinzip des unmittelbaren Nutzens ‹funktionieren›.». Lasst sie uns also feiern, die «unnützen» Künste! Zum Beispiel nächste Woche ab Donnerstag an den 41. Solothurner Literaturtagen. Den Nachwuchs kann man übrigens zur literarischen Förderung an den Jugend- und Kinderliteraturtagen vom 27. bis 29. Mai abliefern. Wie schon Voltaire sagte: «Lesen stärkt die Seele!»