Stadtbummel Grenchen
Ein kurioser Gemeinderat und ein abtretendes Urgestein

André Weyermann
André Weyermann
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Eduard Rothen, hier kurz vor seinem 80.Geburtstag im Jahr 2005, musste in den 80er Jahren einen Stichentscheid fällen. (Archiv)

Eduard Rothen, hier kurz vor seinem 80.Geburtstag im Jahr 2005, musste in den 80er Jahren einen Stichentscheid fällen. (Archiv)

Oliver Menge

So langsam kehrt eine «neue Normalität» in die Stadt ein. Minigolfen ist wieder erlaubt, «Tschutten» im Verein, «Gümmelen» im Veldorome, und, und, und. Dazu wird ab Anfang Juli der Platz unter dem Stadtdach für Vereine frei bespielbar sein. Und natürlich empfängt die schönste Badi weit und breit wieder Gäste in ihren wahrlich grosszügigen Gefilden. Die Anzahl der Sonnenanbeter und Schwimmbegeisterten ist vorderhand auf 1700 begrenzt. Via https://schwimmbad.grenchen.ch/ ist jederzeit einsehbar, ob es noch freie Plätze hat, oder ob mit Wartezeiten zu rechnen ist.

Nun, des Stadtbummlers Tage in der Badi sind längst gezählt. Er hat schlicht keine Lust, seinen unübersehbaren «Ranzen» öffentlich zur Schau zu stellen. Dabei hatte er sich einst als junger Gemeinderat mit «Rundungen» auseinanderzusetzen. Die topless-Kultur mit dem Hotspot «Marzilibad» schaffte es nämlich in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts bis ins städtische Parlament. Eine überparteiliche Motion von Richard Kaufmann (SP) und Kurt Forster (FDP) nahm den Trend auf und forderte, dass es auch den Damen im Grenchner Schwimmbad erlaubt sein solle, «oben ohne» zu sünnelen.

Wider Erwarten führte der mit einigem Schalk behaftete Vorstoss zu einer epischen Diskussion. Quer durch die Parteienlandschaft wurde argumentiert, dafürgesprochen und dagegengehalten. Als nach gefühlter stundenlanger «Stürmerei» endlich zur Abstimmung geschritten werden konnte, war das burleske Drama allerdings noch nicht beendet. Eine mehrfache Abzählung ergab jeweils ein anderes, knappes Resultat. Dies war nun nicht dem zählenden Stadtweibel Käch anzulasten, als vielmehr einigen Gemeinderäten, bei welchen beim besten Willen nicht auszumachen war, ob sie jetzt mit Ja oder Nein stimmten, oder ob sie gerade dabei waren, in «Wickiescher» Manier das Ganze noch einmal zu überdenken. Letztlich klappte es dann doch noch. Das eindeutig zweideutige Verdikt lautete 14 Ja zu 14 Nein bei einer Enthaltung (der Gemeinderat zählte damals noch 30 Personen). Nun musste Stadtamman Eduard Rothen, der sich wie meist nicht an der Abstimmung beteiligt hatte, wohl oder übel den Stichentscheid fällen. Es war bekannt, dass das Stadtoberhaupt ein fleissiger Badigänger mit eigener Kabine war. «He nu so de, machen wir das», lautete in etwa sein Kommentar zum bejahenden Beschluss.

Schielen wir wieder einmal Richtung Solothurn. Diesmal ohne jegliche Spitze und Ironie. Stadtredaktor Wolfgang «Wöfu» Wagmann hört nach dreissig Dienstjahren auf. Lieber Wöfu. Du hast uns Grenchner oft gepiesackt, zu mehr oder weniger fruchtbaren Reaktionen veranlasst. Und dennoch: Deine Artikel habe ich gerne gelesen, Deine Schreibe war unverkennbar, meist pointiert, gewitzt und schlau. Dazu kanntest Du jeden Stein Deiner Stadt, die offensichtlichen wie auch versteckten Beziehungen, die offenen wie geheimen Abläufe. Es kommt nicht von ungefähr, dass man Dir in Anlehnung an Bismarck und seinen Kaiser Wilhelm I. scherzhaft (?) nachsagt, dass es Dir eigentlich egal sei, wer unter Dir die Stadt regiere.
Unsere Wege haben sich schon vor Jahrzehnten gekreuzt auf dem Fussballplatz. Dieses Rencontre habe ich immer noch in schmerzlicher Erinnerung. Umso mehr hat es mich gefreut, dass unsere bislang letzte Begegnung kurz vor dem Lockdown bei einer Aufführung im Grenchner Parktheater stattfand. Ich wünsche Dir einen fidelen Unruhestand.

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