Grenchen

«Ein Koffer voller Erinnerungen – 70er-Jahre» — Eigenproduktion und Polit-Lehrstück

Grenchens Theaterfreunde kamen am Wochenende im «Gänggi» und im «Park» auf ihre Kosten.

Mit «Ein Koffer voller Erinnerungen – 70er-Jahre» ist dem «Theater, Jawohl» eine geistvolle, lustige, berührende, manchmal nachdenklich stimmende Produktion gelungen, die beim Publikum auf grosse Resonanz stiess. Zehn Schauspielende (Annemarie Schärer, Ernst Moser, Franziska Beck, Hanspeter Gautschin, Heidi Heller, Jolanda Bider, Markus Schmid, Rosmarie Schwab, Rosmarie Urben, Susi Reinhart), die diese Epoche des Umbruchs erlebt haben, kramten in ihren Erinnerungen, den guten wie den weniger angenehmen. Iris Minder hat daraus den Text entwickelt und Regie geführt. Entstanden ist ein kurzweiliges Stück, das viel Witziges beinhaltet, das aber auch in die Tiefe geht.

Von RAF-Terror bis zu Flower-Power

Beeindruckend waren die text­sichere Darbietung des Ensembles und die Bindung zum Publikum, das auf Monitoren und mit Bildern schon beim Betreten des Theaters in das Thema eingeführt wurde von RAF-Terror zu Modeerscheinungen, von Frauenstimmrecht zu Flower-Power etc. Schön ist der Regieeinfall, zu Beginn die zehn Personen in den Kontext zu stellen, in dem sie 1970 standen, und wie sie damals ausgesehen haben.

Obwohl ein «verrücktes» Jahrzehnt die Protagonisten auf der Bühne eint, ist es doch verblüffend, wie unterschiedlich sich die Lebensgeschichten entwickelt haben. Ausbrüche, Gefangensein, gesprengte oder eben doch eingehaltene Konventionen kommen zur Sprache, bleibend schöne Betrachtungen ebenso wie Peinlichkeiten und persönliche Krisen und Schicksalsschläge.

Das Publikum ist dabei immer mittendrin, denn es kommt gar nicht darum herum, mittels Assoziationen Teil des Spiels zu werden und den eigenen Gedanken an diese Zeit nachzuhängen: Kopfkino pur. Das hat viel mit der Spielfreude des Ensembles zu tun, mit den gewählten Themen, die teilweise nur angetippt, teilweise vertieft werden. Die 75 Minuten gingen wie im Flug vorüber und zeigten Wirkung. «Weisch no?» oder «hesch du au?» ist in den Gesprächen danach zu vernehmen. Betrachtungen an eine vergangene Zeit werden vielfach ausgetauscht. Mehr kann man von einem Theaterstück nicht ­erwarten.

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