Hohlenstrasse
Ein Häppchen für Meister Adebar

Seit der Aufzuchtaktion in Altreu ist der Storch bei uns wieder ansässig. Einige der Klapperstörche ziehen es vor, im Herbst nicht mehr abzuheben. Auch im Grenchner Quartier hat sich eine illustre Gruppe einquartiert.

Daniel Trummer
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Solothurner Zeitung

Eine Gruppe Weissstörche hat sich zwischen den beiden Mehrfamilienhäusern versammelt. Der Boden im Grenchner Quartier ist gefroren und mit einer Schneedecke bedeckt. Aufmerksam beobachten die Störche die Umgebung. Einige stehen auf einem Bein, wie wenn sie das andere im Gefieder aufwärmen wollten. Ein Fenster geht auf, Unruhe entsteht in der Storchengruppe. Erwartungsvoll nähern sich die Stelzvögel dem Fenster. Scheu weichen sie wieder zurück, als jemand raschen Schrittes vorbei- geht. Im Parterre der Überbauung wohnen Emil und Liliane Meyer. Seit Jahren füttern sie diese Störche. «Wir haben einfach Bedauern mit den Vögeln», erklären sie ihr Tun.

Es gibt Hörnli und Cervelat

Einige Bewohner im Haus machen mit. «Manchmal landet ein Storch auf dem Dach gegenüber», erzählt der 80-jährige Emil Meyer. Er ist fasziniert von diesen grossen Vögeln. Kaum legt er Nahrung aus, fliegen die Vögel ein. Meyer kann sich nicht erklären, welches Zeichen der Wächter auf dem Dach gibt und damit seine Artgenossen informiert.

Immer häufiger verbleiben Störche auch im Winter an ihren Sommerstandorten. Meist handelt es sich um ausgewilderte Tiere mit gestörtem Zugverhalten. Für die Futtersuche legen sie weite Strecken zurück, lassen sich an offenen Flussläufen oder in Gräben nieder. Misthaufen bei Bauern sind für Adebar beliebte Nahrungsquellen.

Meyers füttern Teigwaren. «Hie und da gibts zu Hörnli eine Cervelat», berichtet Emil Meyer und beschreibt mit den Händen, wie er die Wurst schneidet. «Bis 14 Vögel haben schon geschmaust, zwischen den Häusern», ergänzt er.

Vogelschützer zeigt Verständnis

Der Schweizer Vogelschutz (SVS) empfiehlt das Füttern von Vögeln, die im Winter bleiben, nicht, verurteilt es aber ebenso wenig. Drei Viertel des Federviehs haben die Schweiz verlassen und futtern in südlichen Gefilden. Den Grundsatz, dass Störche nicht mehr gefüttert werden, unterstreicht auch Niklaus Zbinden von der Vogelwarte Sempach.

Die Population des Glücksbringers habe sich in der Schweiz erholt. Nisteten 1992 noch 140 Brutpaare sind es heute wieder weit über 200 Paare. Zbinden hat Verständnis für Fütterungsaktionen. «Wenn Mäuse nicht mehr erhältlich sind, ist die Storchenfütterung ein Dienst am Tier», nimmt der Experte Stellung. Er empfiehlt, Fischabfälle den Grossvögeln zur Verfügung zu stellen und warnt davor, mit zu grossen Aktionen die Überwinterungstradition zu fördern. Meyers und ihre Nachbarn helfen dem eleganten Wintergast, die strengen Frosttage bequemer zu bewältigen und dürfen klaglos auch in Zukunft die Störche in Notsituationen mit Häppchen beglücken.