Im 14-stöckigen und 50 Meter hohen Glasturm neben dem Neuenburger Bahnhof dreht sich alles um Zahlen und Durchschnittswerte; im Mittelpunkt steht ein Amtsdirektor, der von «faktenbasierten Entscheidungsgrundlagen» spricht. «Wir liefern Informationen. Fachlich, sachlich, unabhängig», sagt Jürg Marti.

Der HSG-Ökonom leitet das Bundesamt für Statistik (BFS) seit drei Jahren. Zuvor war der Grenchner sechs Jahre Solothurner Wirtschaftsförderer und sechs Jahre Vizedirektor des Bundesamtes für Verkehr. Es gefalle ihm, so viele Leute zu führen, sagt Marti, der sehr dynamisch wirkt. «Statistik ist eine sehr kommunikative Angelegenheit, nicht nur ein trockenes Kabäuschenleben.»

Fast täglich publiziert das Bundesamt neue Statistiken. Einige werden nur in Fachkreisen beachtet – andere, wie kürzlich die 8-Millionen-Schweiz, sorgen für Wirbel. «Wir sind das Thermometer der Schweiz. Sämtliche Themen, die gesellschaftlich und wirtschaftlich relevant sind, werden hier gebündelt», sagt Marti. Die 900 Mitarbeiter setzen Puzzleteile zu einem Gesamtbild Schweiz zusammen und skelettieren das entstandene Bild wieder. Gibt es neue gesellschaftliche Trends, zeichnen sie sich oft zuerst in den Zahlen des Bundesamtes ab. «Statistik ist eine Grundlage, damit wir überhaupt eine funktionsfähige Gesellschaft haben.»

Autos, Fahrplan, Todesursachen

240 Meter lang ist das Hauptgebäude des Bundesamtes neben dem unübersehbar in den Himmel ragenden Glasturm. Ob die SBB ihren Fahrplan ändern, ob AHV- und Krankenkassenprämien steigen: Solche Entscheide gehen auf die Erhebungen des BFS zurück. Wie viele Autos im Kanton Uri gekauft werden oder dass ein Drittel der Autofahrer während der Fahrt am Handy herumspielt wird dort ebenso erhoben wie die häufigsten Todesursachen.

Wenn Marti auf die Bedeutung seines Amtes hinweisen will, geht er in die Geschichte. Im Bundesstaat gehörte das statistische Amt zu den ersten Verwaltungseinheiten. 1850 war die erste Volkszählung. «Das war wichtig, weil man wissen musste, wie die Sitze im Nationalrat verteilt werden», sagt Marti. «Für den jungen Bundesstaat war es vertrauensbildend, dass die Sitzverteilung faktenbasiert und zahlenbasiert erfolgte.»

Auch bei der Gründung der UNO gehörte die Statistical Division zu den ersten Abteilungen. «Es war ein internationaler Grundkonsens, dass man eine gemeinsame Datenbasis mit gemeinsamen Kriterien schafft», sagt Marti. «Wenn politische Differenzen bestehen, ist Statistik oft der kleinste gemeinsame Nenner.» Kurz: Wo die Verwaltung etwas planen will, braucht es Statistik. Und weil dies den Zahlen Macht gab, galten in der Frühen Neuzeit die meisten Statistiken als Staatsgeheimnis. Statistik kann also nicht nur trocken, sondern durchaus auch brisant sein.

Die Macht der Statistiker

Mittlerweile werden alle Informationen schnellstmöglich ins Internet gestellt. «Dadurch wird unser Einfluss relativiert. Wir hätten nur Einfluss, wenn die Informationsverteilung asymmetrisch wäre», sagt Marti.

Ganz lässt sich eine gewisse Macht der Statistiker nicht absprechen. Welche Zahlen erhoben werden, wird im Bundesamt gemeinsam mit den Auftraggebern entschieden. «Es braucht viele Gespräche», sagt Marti. «Der Schlussentscheid liegt aber beim BFS.» Die Definitionen haben jedoch einen wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis einer Statistik. Je nachdem, wie ein «Green Job» definiert wird, gibt es in der Schweiz mehr oder weniger Umweltfachkräfte.

Trotzdem: Auf politische Diskussionen lässt sich Marti nicht ein. «Wir sagen nicht, ob etwas gut oder schlecht ist. Wir zeigen nur, was ist», sagt Marti. «Wertungen gehören zu den Aufgaben von Politikern oder Verbänden. Statistiker rätseln nie, sie werten nie und sie mutmassen nie.»

Die politische Korrektheit zeigt sich übrigens ebenfalls in der hausinternen Statistik. 50 Prozent der 900 Mitarbeitenden sind Männer und 50 Prozent Frauen. 49 Prozent sind Romands und 46 Prozent Deutschsprachige.

Eine eigene Druckerei

Statistik ist durchaus auch zeitabhängig: 1865 beispielsweise hat der Bundesrat in seiner Botschaft an die Bundesversammlung festgehalten, dass es von höchster Wichtigkeit sei, dass im Verhältnis zur Zahl der vorhandenen Kühe eine genügende Anzahl von Zuchtstieren vorhanden sei. In der Schweiz wurde dieses Verhältnis als ungünstig eingeschätzt, weshalb die Rede war von einem «der grössten Übelstände». Die Lösung sah man damals in der Schaffung einer nationalen Viehzählung.

150 Jahre später beschäftigt die Zahl der Kühe das BFS immer noch – natürlich nicht ausschliesslich. Insgesamt forschen die Statistiker zu 21 Themenbereichen. Am Hauptsitz gibt es eine eigene Druckerei für die 400 jährlich publizierten Statistiken. «Es sind sämtliche relevanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen in diesem Land», sagt Marti.

Heute sind immer weniger Schweizer am Festnetz-Telefon erreichbar. «Wir müssen immer mehr registerbasierte Informationen beziehen», erklärt Jürg Marti. Projekte zu den Neuen Medien laufen zwar, momentan sind die Daten beispielsweise von Facebook jedoch zu wenig seriös strukturiert. Jürg Marti dazu: «Da ist zu viel Dynamik und Stimmungssituation drin.»