Grabstein
«Ein Grabstein ist nicht einfach ein Stein»

Die Bildhauerei Krebs sammelt Adressen aus Todesanzeigen, um mehr Aufträge an Land zu ziehen. Die umstrittenen Methoden stossen nicht bei allen auf Gegenliebe. Viele sind verärgert und verletzt.

Oliver Menge
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in Grabstein soll Symbol für das Leben, nicht für den Tod des Verstorbenen sein.

in Grabstein soll Symbol für das Leben, nicht für den Tod des Verstorbenen sein.

Oliver Menge

Der Bericht in dieser Zeitung über die Grenchner Bildhauerei Krebs, die über 50 Tageszeitungen abonniert hat, um über die Todesanzeigen an Adressen und später Aufträge zu gelangen, löst einige Reaktionen aus. Insbesondere Mitglieder des Verbands Schweizer Bildhauer- und Steinmetzmeister (VSBS) fühlen sich in ihrer Standesehre verletzt, aber auch Grenchnerinnen und Grenchner waren sehr erstaunt.

Tatsache ist: Wer in der Schweiz auf einem Friedhof begraben wird, benötigt eine Grabplatte oder einen Grabstein. Es sei denn, die verstorbene Person findet die letzte Ruhe im Gemeinschaftsgrab.

Das Geschäft mit Grabsteinen und -platten ist hart umkämpft, und es gibt Betriebe, die eigene Wege gehen, wenn es darum geht, Kunden zu gewinnen. So zum Beispiel Bildhauer Krebs aus Grenchen. Aber auch Basler Steinbildhauer versenden zum Teil wenige Tage nach einem Todesfall Werbung und Prospekte, wie Recherchen zeigen. Der VSBS findet keinen grossen Gefallen an der Art und Weise, wie zum Teil mit aggressiver und aufdringlicher Telefonwerbung um die Kundschaft gebuhlt wird. Die Mitglieder des VSBS, das sind etwas mehr als ein Drittel aller in der Schweiz tätigen Bildhauer und Steinmetze, folgen Standesregeln. Der Verband setzt sogar eine Kommission ein, welche deren Einhaltung überwacht.

Wichtiger Teil der Trauerarbeit

Andrea Bianchi, Bildhauer aus Chur, ehemals Präsident des Verbandes und Leiter der Verbands-eigenen Ombudsstelle, sagt es deutlich: «Wir sind keine Leichenfledderer.» Ein Grabstein sei ein Kultgegenstand, der in erster Linie etwas mit dem Leben, nicht mit dem Tod zu tun habe. Der Weg vom Entwurf in Zusammenarbeit mit den Angehörigen bis zur Herstellung eines Grabsteins sei ein wichtiger Teil der Trauerarbeit, und «der Steinbildhauer erfüllt dabei oft auch eine seelsorgerische Aufgabe». Es gehe darum, dem Verstorbenen «gerecht» zu werden, also das Leben dieses Menschen als Grundlage zu nehmen. Dazu brauche es aber auch Zeit. Angehörige hätten kurz nach dem Todesfall oft zu wenig Distanz, es brauche Monate intensiver Zusammenarbeit und vieler Gespräche, bis ein Grabmal entstehe.

Standesregeln

Die Verbandsmitglieder verpflichten sich zur pietätvollen Zurückhaltung gegenüber den betroffenen Angehörigen. Während dreissig Tagen nach dem Todestag enthalten sie sich jeglicher Werbung und verschicken keine Kontaktunterlagen. Des Weiteren enthalten sie sich jeder Art unlauteren Wettbewerbs und respektieren die urheberrechtlichen Bestimmungen. Jedes Mitglied verpflichtet seine Mitarbeiter und Vertragspartner, sich in ihrem Verantwortungsbereich entsprechend den Standesregeln zu verhalten. Die VSBS-Mitglieder respektieren die freie Wahl des Bildhauers durch die Hinterbliebenen. Die persönliche Beratung und die gemeinsame Ausarbeitung des Grabmals mit den Angehörigen sollen als wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit verstanden werden. Die aus den Gesprächen mit der Kundschaft gewonnenen Informationen müssen vertraulich behandelt werden. Die VSBS-Mitglieder verpflichten sich zur Unterbreitung vollständiger Offerten nach den Qualitätsanforderungen des VSBS. Den Wünschen der Hinterbliebenen soll durch Gestaltung eigener, individueller Entwürfe entsprochen werden. Die VSBS-Mitglieder verpflichten sich durch regelmässige Weiterbildung um einen hohen Standard handwerklicher Qualitätsarbeit. Um bei der Wahl des Steins frei zu bleiben, verzichten sie auf kommerzielle Abhängigkeiten von Lieferanten. (om)

Quelle: «Zeichen setzen», Standesregeln des VBSB, www.vbsb.chS

«Ein Grabstein ist nicht nur ein Stein», betont Bianchi. Er symbolisiere das Leben und könne nicht durch Massenware und Standard-Steine ersetzt werden. Auch der Begriff «Grabmalkunst» störe ihn gewaltig. Er betrachte sich selber als gestaltenden Handwerker, denn ein Künstler dürfe streng genommen bei seinen Werken keine Kompromisse eingehen, und das sei in diesem sehr sensiblen und persönlichen Bereich der falsche Weg. Heutzutage habe fast jede Gemeinde ein eigenes Friedhofreglement, früher seien Vorschriften und Gesetze eigentlich nicht notwendig gewesen, weil die Steinmetze und Bildhauer in ihren Dörfern sozial integriert waren und denselben sozialen «Gesetzen» unterworfen waren, wie die Leute, für die sie später die Grabsteine herstellten. Mit der Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in diesem Bereich seien mehr und mehr Friedhofsvorschriften notwendig geworden, da die Bildhauer nicht mehr nur in ihrer unmittelbaren Umgebung tätig waren. Heutzutage könne man in gewissen Fällen schon von einer «Geschwürs-mässigen Ausbreitung über die ganze Schweiz» sprechen, da Firmen wie zum Beispiel Krebs schweizweit operieren.

Strenge Richtlinien

Auf Pfingsten hin rufen die Verantwortlichen des Verbandes ihren Mitgliedern wieder in Erinnerung, was ihre Aufgaben sind, und was eben nicht als standesgemäss erachtet wird. In seinen Standesregeln hat der Verband gewisse Verhaltens- und Geschäftsregeln festgelegt, die für alle Mitglieder gelten (siehe Kontext). So sind zum Beispiel das Verteilen von Visitenkarten auf Friedhöfen oder ähnliche «Marketingmassnahmen» verpönt. «Man kann nicht dieselben Methoden wie beim Staubsaugerverkauf anwenden», sagt Bianchi. Auch aggressive Telefonwerbung wird im Verband nicht toleriert. Bianchi hält zum Beispiel in seinem Unternehmen mit neun Wochen eine noch längere Wartefrist ein, bis er mit den Angehörigen Kontakt aufnimmt, als der Verband sie vorschreibt. Auch er kommt über Todesanzeigen an Adressen und Kontakte, allerdings beschränkt er sich auf regionale Kundschaft. Bei Krebs dauert nach eigenen Angaben die Wartefrist so lange, wie es braucht, die Adressen zu erfassen und die Kontakte herauszufinden.

Das Grenchner Unternehmen Krebs ist schon länger nicht mehr Mitglied des Verbandes, sorgt dort aber immer wieder für rote Köpfe oder zumindest Kopfschütteln. Und es ist nicht alleine: Daniela Urfer von der Geschäftsstelle VSBS erhält verhältnismässig viele Telefone von verärgerten Kunden, die sich über die Methoden gewisser «Geschäftemacher» beschweren. Sie leitet diese Beschwerden an die eigene Ombudsstelle weiter. Aber auch viele Bildhauer sind nicht erfreut über die aggressive Konkurrenz. Keine persönliche Beziehung zu den Kunden, keine Preistransparenz oder Dumping-Preise, die das Geschäft kaputtmachen, wird hie und da moniert. Dabei stehen doch eigentlich die Begleitung der Trauernden und eine kompetente Beratung sowie das Erfüllen von Qualitäts-Standards im Vordergrund.