Zwar fahren auf den nicht weit entfernten Bahngeleisen regelmässig Züge. «Ich habe mich längst daran gewöhnt», berichtet der 67-Jährige. Das Quartier zwischen Bahngeleisen und der Sportstättenzone, östlich begrenzt von der Flughafenstrasse, hat eine bewegte Geschichte.

Nach dem Ersten Weltkrieg, als Wohnungsknappheit herrschte, baute die Stadt ein grosses, zweiteiliges Mehrfamilienhaus. Noch immer gehören die Bauten der Stadt. Das war die «klassische» Riedern, die heute auch als «Brühl» bezeichnet wird. An der Brühlstrasse wurde das Gas- und Wasserwerk aufgebaut. Hinter den erwähnten Mehrfamilienhäusern trifft der Stadtwanderer auf ein Quartier mit Charme und einer Prise selbstbestimmtes Gestalten von Gärten und Anbauten. Hier wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Baracken für Notleidende gebaut.

Später, als die einfachen Unterkünfte abgerissen wurden, sind kleine Reiheneinfamilienhäuser entstanden. Willy Scheidegger erinnert sich noch an die Häuser, deren Fassaden mit Schindeln abgedeckt waren. Die zweistöckigen Bauten verfügen über drei Zimmer, Stube, Bad und Küche. «Nur gut, dass das Projekt einer Baufirma nicht realisiert wurde», zeigt sich Scheidegger zufrieden und ist überzeugt, dass die ganze Siedlung plattgemacht worden wäre und heute Wohnblöcke stünden.

Im Zentrum der Überbauung steht das Waschhaus. Nicht alle Wohnungen sind mit Waschmaschinen und Wäschetrockner ausgerüstet. Scheidegger, der lange Jahre bei der Stadt arbeitete, pflegt die Umgebung und verwaltet auch das Waschhaus. «Wenn Leute Teppiche waschen, werde ich staubig», erklärt er, und auch Trommeln voller Turnschuhe mag er nicht. In diesen Fällen spricht er ein Machtwort.

Gemütliches Ambiente

Zwischen den Häuserreihen gibt es befestigte Plätze. Laubbäume vermitteln ein gemütliches Ambiente. Aus einem der Häuser tritt der ehemalige Wirt Werner Imhof. Die Wohnlage gefällt ihm. Nach einem kurzen Schwatz holt er sein Auto auf dem Parkplatz. Die Innenhöfe sind nämlich autofrei. Die Gärten, die hinter den Häusern angelegt sind, könnten unterschiedlicher nicht sein. Einige Mieter pflegen die Grünflächen, kultivieren Gemüse und Früchte, andere haben ihren Garten mit Bretterverschlägen vor neugierigen Blicken geschützt, lassen alles spriessen und benutzen den Garten als Aufbewahrungsort für allerlei Gerätschaften.

Gemütlich ist es bei Willy Scheidegger. Der einladende Sitzplatz ist mit selbst bemalten Figuren umrandet. Scheidegger restauriert und malt. Seinem Sohn hat er nostalgische Karussellpferde wieder zurechtgemacht. Am Morgen, kurz nach sechs Uhr, trinkt er seinen ersten Kaffee in der Berva-Kantine, die noch heute so genannt wird. Die Tür zur Küche in der Kantine ist immer offen. Am langen Tisch wird politisiert. Die Kantine ist Treffpunkt und ruhiger Pol im Alltag. Franz Widmer führt das Lokal schon seit mehr als sieben Jahren. Er kennt seine Gäste.

Dem einen packt er das Mittagessen für dessen behinderte Frau ein, dem andern bringt er Bier. Über dem Stammtisch prangt ein grosses Werbeplakat für ein Kavalleriefest, das vor Jahren auf dem Waffenplatz Bure gefeiert wurde. Der Linoleumboden ist abgetreten, Licht spendet eine Neonröhre. Franz Widmers Kochkünste werden gerühmt. Scheidegger leert das Glas und geht zurück zu seinem Haus. Zufrieden lehnt er sich in seinem Gartenstuhl zurück und geniesst die spezielle Lebensqualität, die man in der Riedern findet.