Wohntage 2017
Dreieinhalb Zimmer für 604 Franken: Genossenschaftlich wohnt es sich in Grenchen gut

Hugo Pfluger lebt seit 54 Jahren in einem Pro-Familia-Block in Grenchen. «Ja, die Wohnbaugenossenschaft ist eine gute Sache, ich habe es nie bereut, dass ich hier mitmache», sagt der Rentner.

Andreas Toggweiler
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In der Genossenschaftswohnung von Hugo Pfluger
10 Bilder
Das Gebäude am Römerbrunnenweg...
... ist Teil einer ganzen Überbauung
Aussicht vom Balkon auf die Witi
Das Wohnzimmer ist klein
Zweckmässig: Zähler-Umschalter für die Waschküche
Der Gerätepark ist up to date
Die Bewohner putzen das Treppenhaus selber
Der Stolz von Hugo Pfluger: Seine Modelleisenbahn
Sie wurde in jahrelanger Arbeit aufgebaut

In der Genossenschaftswohnung von Hugo Pfluger

Andreas Toggweiler

«Genossenschaftlicher Wohnungsbau – Kitt für die Gesellschaft?» lautet der Titel der Auftaktveranstaltung der Grenchner Wohntage 2017. Experten werden in der alten Turnhalle am Mittwoch an einem Podium diese Frage erörtern.

Wir versuchen, die Frage vorerst für Grenchen selber zu beantworten, und sind zu diesem Zweck zu Besuch bei Hugo Pfluger. Der rüstige 84-jährige Rentner wohnt in der «Pro Familia»-Genossenschaftssiedlung am Römerbrunnenweg. Ein ganzer Strassenzug wurde in den 1960er-Jahren von der gleichnamigen Wohnbaugenossenschaft mit mehreren Wohnblocks überbaut. Die Blöcke, in den letzten Jahren samt und sonders frisch renoviert, machen einen einladenden Eindruck, die Umgebung ist einfach, aber gut gepflegt, die Aussicht direkt am Rand der Witi ist an diesem sonnigen Spätherbsttag sogar grandios.

«Eine gute Sache»

Im Treppenhaus hängt ein Schild «Heute Kehrwoche». Es bedeutet, so erklärt Pfluger später, dass jeder Mieter den Treppenabschnitt unterhalb seiner Wohnung zu putzen hat. «Kommen Sie nur rein in die gute Stube», bittet Hugo Pfluger. Willig zeigt er dem Besucher, wie er heute lebt, in der Dreieinhalbzimmerwohnung im ersten Stock. Für 604 Franken monatlich. «Früher war der Mietzins 603 Franken, aber als sie im Keller einen zweiten Tumbler installiert haben, schlug es um einen Franken auf.»

«Keine kostet mehr als 1000 Franken»

Genossenschaften spielten bei der Beseitigung der Grenchner Wohnungsnot während der Hochkonjunktur eine nicht unerhebliche Rolle. Die Wohnbaugenossenschaft Pro Familia wurde 1958 gegründet. «Wir gehören mit 88 verwalteten Wohnungen wohl eher zu den Kleinen in Grenchen», erklärt der langjährige Präsident Paul Schwab. Gebaut wurde an zwei Standorten an der Römerbrunnenstrasse (60 Wohnungen) und am Bodenrain (28). Das Genossenschaftkapital beträgt heute ca. 1 Mio. Fr. und wird zu 1,5 Prozent verzinst. Genossenschafter kann man schon mit 400 Franken pro Zimmer werden, die Obergrenze liegt bei 50'000 Fr.

«Wir haben viele langjährige Mieter, die oft auch Genossenschafter sind», erklärt Schwab. Die Mieterschaft sei aber «gut durchmischt», nicht zuletzt aufgrund des hohen Ausländeranteils in Grenchen. Die Wohnungen seien unterhaltsmässig up to date, wiesen aber nicht mehr zeitgemässe Grundrisse auf, wie Schwab einräumt. Einstige Pläne, Wohnungen zusammenzulegen, wurden inzwischen wieder auf Eis gelegt. Man wäre damit preislich in Konkurrenz mit den «Institutionellen» gekommen, und das wolle man bewusst nicht, erklärt er. Und überhaupt werde zurzeit sehr viel gebaut.

Denn die Wohnungen könnten auch so sehr gut vermietet werden. Es gebe kaum Leerstände, erklärt Präsident Schwab. Denn das Preis-Leistungs-Verhältnis ist attraktiv. «Keine unserer Wohnungen kostet mehr als 1000 Franken – inklusive Nebenkosten.»

Davon kann man andernorts nur träumen. Dies sei insbesondere dank dem Genossenschaftsmodell möglich, bestätigt Schwab. Dazu kommt eine kostensparende Organisation: Der Hauswart ist immer ein Mieter vor Ort, die Verwaltung wird vom Genossenschaftsvorstand gemacht. (at.)

Pfluger ist sich bewusst, dass er in idyllschen Verhältnissen leben kann. «Ja, die Wohnbaugenossenschaft ist eine gute Sache, ich habe es in den 54 Jahren nie bereut, dass ich hier mitmache.» Es seien gute Leute am Werk, der Kassier, ein ehemaliger Verwalter der katholischen Kirche, integer und genau. «Und du erhältst erst noch Zins auf dem Genossenschaftskapital.»

Hugo Pfluger ist mit seiner Familie am 31. Mai 1963 in den frisch gebauten Block eingezogen. Der Block Nummer 15 mit 6 Dreieinhalb-, 3 Zweieinhalb- und 3 Viereinhalbzimmerwohnungen sei stets gut unterhalten worden, berichtet er. Küche, Bad, Fassade sind saniert worden und die Heizung wurde unlängst auf Gas umgestellt.

Auf dem Balkon geniessen wir den schönen Ausblick in die herbstliche Witi. Pfluger winkt über den Vorplatz einem Nachbarn im Haus Nummer 17 zu. Man kennt sich im Quartier. Zwei Söhne haben Hugo Pfluger und seine Frau Margot in der Dreieinhalzimmerwohnung aufgezogen. Seine Frau ist leider letztes Jahr gestorben.

In der Wohnung mit kleinen Zimmern erinnert vieles an glückliche Tage. Die Wände sind voller Familienfotos, die Scheiben mit ehrwürdigen Wappenscheiben behängt. Eine kleinbürgerliche Idylle lässt grüssen. Im Büro – notabene ohne Computer – hängen mehrere Pfeilbogen. «1952 war ich Mitbegründer der Bogenschützen Biel. Heute sind das nur noch Souvenirs.»

Bubentraum Stationsvorstand

Sein zweites, langjähriges und auch noch heute ausgeübtes Hobby führt uns in den Keller, wo er einen kleinen Raum gemietet hat. An die 20 Jahre hat der ehemalige kantonale Steuerbeamte an der Vollendung seiner Modelleisenbahn gearbeitet. Hunderte, ja tausende von Stunden stecken in der Modellanlage, welche den Bastelraum fast ganz ausfüllt. An die 70 Meter Schienen und über 30 Weichen wurden auf engstem Raum verbaut. Alles macht einen sehr sauberen und präzisen Eindruck.

«Immer wieder sind die Buben vom Quartier gekommen und wollten mit der Eisenbahn spielen», erinnert er sich. «Mein Jugendtraum war, einmal Stationsvorstand zu werden.» Doch das Leben führte den gebürtigen Bieler in eine kaufmännische Tätigkeit, in die Grenchner Uhrenfabrik Amida. Bis die Uhrenkrise kam und es ihm erging wie vielen Grenchnern.

Drei Finanzdirektoren erlebt

Pfluger ist dankbar, dass er vor genau 35 Jahren seine zweite Lebensstelle beim Kanton bekam. Zuletzt war er Steuerregisterführer der Solothurner Firmen. Drei Finanzdirektoren habe er erlebt: Alfred Rötheli, Peter Hänggi und Christian Wanner. An den Umzug ins Altersheim denkt Pfluger noch nicht. «Den ganzen Haushalt erledige ich ohne fremde Hilfe», verkündet er nicht ohne Stolz. Von einer Operation nach einem Sturz vom Velo habe er sich gut erholt. Auch das Autofahren geht noch. Die Modelleisenbahn, für die sei es aber jetzt Zeit. Er möchte sie in näherer Zukunft verkaufen.

Die Auftaktveranstaltung der Wohntage 2017 findet morgen Mittwoch um 19 Uhr in der alten Turnhalle statt. Podiumsdiskussion und Eröffnung einer Ausstellung mit ausgezeichneten Projekten.