Alles der Reihe nach: Dass Architekten für sich selber extravagante Bleiben bauen, ist an sich nichts Aussergewöhnliches. Doch eigentlich ist dieses Haus gar nichts Ausgefallenes. Es ist nämlich aus Fertigelementen gebaut, nach dem Bausystem «Mini», das der Solothurner Architekt Fritz Haller (1924–2012) entwickelt hat. International berühmt wurde Haller insbesondere durch das Design der Büromöbellinie USM.

Ein Fan des Trockenbaus

«Die schnörkellose Formsprache und die multiplizierbaren Konzepte Hallers haben mich seit je fasziniert», erklärt Architekt Remo Bill, der selber mehrere Jahre für Haller gearbeitet hat. «Bauen mit einheitlichen Materialien, Metall, Holz oder Glas bedeutet für mich die Vollendung der Architektur», meint Bill. Im Auftrag Hallers hat er beispielsweise das Ausbildungszentrum Löwenberg der SBB bei Murten gebaut. Das Wohnhaus Bill nahm seinen Anfang 1974 als Ausstellungspavillon für USM an der Hannovermesse. Es wurde danach nach Bühl (D) transportiert, wo es ebenfalls während 10 Jahren als Ausstellungsraum und Büro diente.

«Als ich 1984 die Nachricht erhielt, dass ich das Gebäude zu einem symbolischen Preis erwerben könnte», habe ich nicht lange gezögert», erklärt der Grenchner. Erworben hat er aber faktisch nur das Gerüst des zweistöckigen Gebäudes. Fast zwei Jahre wurde dieses in einer Scheune in Selzach eingelagert. Gleichzeitig wurden die ursprünglich schwarzen Stahlbau-Elemente in der USM-Produktionsfirma in Münsingen aufgearbeitet, weiss lackiert und ergänzt.

Baukommission überzeugt

Gleichzeitig entwarf Remo Bill ein Bauprojekt, suchte Land und stellte ein Baugesuch. «Ursprünglich wollte ich in Bettlach bauen, das wäre dort aber aufgrund des Flachdaches nur in der Industriezone möglich gewesen», erinnert er sich. Auch in Grenchen gestaltete sich die Realisierung nicht so einfach. «Ich musste vor der ganzen, zunächst skeptisch gestimmten Baukommission das Projekt erläutern, konnte sie aber am Ende überzeugen.»

Die Baubewilligung wurde im Mai 1985 erteilt, im Herbst wurde mit dem Aushub begonnen, und genau ein Jahr später, am 1. Oktober 1986, konnte das Gebäude bezogen werden. Natürlich wurde es mit USM möbliert, eigentlich einer Art Mini-Ausgabe des Baukastensystems des Hauses.

Skepsis verflog rasch

Vom offenen Carport im selben System gelangt man über einen kurzen Durchgang zum Haupteingang im Osten. Im grossen, zusammenhängenden Wohnraum mit einem Cheminée aus Chromstahle ist die Küche als Insel in der Südostecke hineingestellt. Eine Treppe führt in den Keller, eine zweite in den ersten Stock zu Schlafräumen und Büro. Im Westen befindet sich ein Aussensitzplatz mit einer zusätzlichen Wendeltreppe, die zum Obergeschoss führt. Das Materialkonzept: Metall (weiss), Chromstahl und Marmor.

Generalthema Transparenz

«Der verglaste Vollkubus sorgte am Anfang schon etwas für Aufregung in der Nachbarschaft», erinnert sich Bill. In einem Dorf auf dem Land wäre wohl die Akzeptanz nicht gegeben gewesen. Doch die Leute gewöhnten sich rasch an den ungewöhnlichen Bau. Und die Bewohner erst recht. Die Ästhetik erforderte aber die Beachtung zahlreicher wichtiger Details, beispielsweise beim ganzen Innenraumkonzept mit Metallelement-Wänden und -Decken, bei der Treppenanlage, beim Cheminée, das frei im Raum steht, beim Sonnenschutz oder bei der Belüftung. «Praktisch jedes Bauteil ist ein Unikat», erläutert Remo Bill.

Mit den Jahren gab es auch vereinzelt bauliche Anpassungen, beispielsweise bei der Haustechnik. Das Generalthema Transparenz blieb aber erhalten – bis hin zum Briefkasten, der aus Glas ist. «Was mir nach wie vor sehr gefällt, ist, dass man sich aufgrund der Glasfassade mitten in der Natur wähnt», meint der Hausherr. Diverse Pflanzen und Bäume, darunter ein stattlicher Nussbaum, formen inzwischen die Umgebung.

Beispiel für Solothurner Schule

Das Gebäude fand in der Folge in Architekturkreisen grosse Beachtung und wurde auch in verschiedenen Publikationen beschrieben. Es gilt als Prototyp eines Gebäudes der sogenannten Solothurner Schule. «Sowohl der Stahlbau als auch die strenge Geometrie sind charakteristisch für die Jurasüdfuss-Architektur und insbesondere für das Werk des Architekten Fritz Haller», schreibt der Architekturhistoriker Michael Hanak in seiner Anthologie zur Solothurner Nachkriegsarchitektur.