«Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber in erster Linie nerve ich mich allmählich», sagt Wilhelm Schuster, Rentner aus Arch. Schon wieder hat er Post erhalten aus dem Kanton Genf, diesmal eine Zahlungsaufforderung per eingeschriebenen Brief. Absender: «Republique et Canton de Genève, service des contraventions» (Busseninkasso, also).

Ihm wird eine Strafverfügung erlassen für eine angebliche geringe Geschwindigkeitsübertretung, die er am 13. März 2015 begangen haben soll. Die Busse betrage 40 Franken, inzwischen kämen weitere Kosten von 40 Franken dazu. Das Ganze soll auf ein Konto der Genfer Kantonalbank eingezahlt werden. Gemäss Rechtsbelehrung hat er zehn Tage Zeit, die Verfügung anzufechten.

«Ich war gar nie in Genf»

Das Problem: «Ich war noch nie mit dem Auto in Genf und mein Auto hat eine ganz andere Nummer als die auf der Bussenverfügung. Und meine Autonummer ist seit Jahren dieselbe»,
erzählt Schuster.

Bereits vor zwei Jahren hat er ähnliche Post erhalten, zwei angebliche Bussen mit Einzahlungsschein aus Genf. Sein Schwiegersohn, der die französischen Texte verstehen konnte, hat damals an die Amtsstelle geschrieben und das Missverständnis erklärt. «Danach hatte ich Ruhe», erklärt Schuster. Der deutschstämmige ehemalige Leiter der Migros-Bäckerei Grenchen kann kein Wort Französisch und fühlte sich der Situation hilflos ausgeliefert.

Doch die Ruhe dauerte nur bis zum vergangenen 5. September, als nach zwei Jahren wieder so ein Schreiben kam. Nach wie vor sei er nie in Genf gewesen und habe nicht die Autonummer, die angeblich geblitzt wurde. Ein Polizist habe ihm daraufhin geraten, das Ganze einfach zu vergessen. Doch jetzt musste seine Frau Yvette auf der Post ein Einschreiben mit der Rechnung abholen. Es sei ein Strafverfahren eröffnet worden, heisst es. «Werden wir jetzt ewig belästigt?», fragt sich Schuster, der gehbehindert ist.

Es sieht ziemlich echt aus

Die Schreiben kommen in gedrucktem Umschlag mit dem Logo der Genfer Behörde und machen einen echten Eindruck. Die Kontaktnummer für Fragen existiert und ist auch tatsächlich im Telefonbuch unter «Service des contraventions» verzeichnet. Nur ertönt dort bloss ein Anrufbeantworter und man landet nach Beantwortung von diversen Fragen per Tastatur in einer Endlosschlaufe. Auf der Nummer laufen nur Tonbänder, die Schuster nicht
versteht.

Auf dem im Brief aufgeführten Genfer Portal zur elektronischen Begleichung von Bussen per Kreditkarte ist die 13-stellige Nummer der Busse bekannt. «Sie kann nicht mehr elektronisch bezahlt werden, da ein Strafverfahren läuft», kommt dazu eine Meldung, natürlich auf französisch.

Nummer aus Lengnau, aber ...

Inzwischen hat Wilhelm Schuster sogar herausgefunden, wem die Berner Nummer gehört, die angeblich geblitzt wurde. Zufälligerweise einem Mann aus Lengnau, den Schuster darauf kontaktierte. «Dieser hat nur gelacht und erzählt, dass er auch solche Briefe bekommen habe. Diese seien auf Anraten des Polizeipostens im Abfall gelandet.» Theo Maurer aus Lengnau, der Besitzer der Nummer, bestätigt dies. «Ich war ebenfalls nie in Genf, habe das Schreiben vernichtet und seither nichts mehr gehört.»

Wilhelm Schuster ging es weniger gnädig. «Wenn ich doch wenigstens überprüfen könnte, ob die Briefe tatsächlich vom Genfer Busseninkasso kommen.» Er vermutet nämlich einen Betrugsversuch Dritter. «Die versuchen es so lange mit kleinen Beträgen, bis jemand entnervt einzahlt, dann sind sie am Ziel», so Schuster.

Keine Auskünfte erhältlich

Das könnte die Genfer Verwaltung aufklären. Doch die scheint gar nicht daran interessiert. Der Mediendienst der Amtsstelle zuckt mit der Schulter und sagt, man soll sich an eine bestimmte Nummer wenden – notabene diejenige mit dem Tonband. Nach kurzem Hin und Her wird es dem Beamten zu bunt und wir werden weiterverbunden. «Schicken Sie ein Mail mit Ihrem Anliegen», so der Bescheid an der nächsten Stelle.

Gesagt, getan. Das Dossier per PDF wird dem Mediendienst zugestellt. Keine 30 Minuten später ist die Antwort da. Man sei nicht befugt, Auskünfte bezüglich Bussen gegenüber Dritten zu machen. Die betroffene Person müsse sich schriftlich bei der entsprechenden Amtsstelle melden.

Keinerlei Kooperation

All das geht weit am Ziel vorbei. Geht es doch um die Frage, ob wirklich eine Genfer Amtsstelle falsche Bussen an nicht existierende Nummern/Adresskombinationen verschickt, und wie es allenfalls dazu kommen kann. Doch das scheinen die Genfer Beamten nicht zu begreifen. Unweigerlich fühlt man sich inzwischen an «das Haus, das Verrückte macht» erinnert, aus dem Comic «Asterix erobert Rom», wo die schlauen Gallier vom Amtsschimmel fast besiegt werden. Nur ist Wilhelm Schusters Leidensgeschichte keine Fiktion.

«Dann muss ich also wieder nach Genf schreiben?», meint Schuster nach entsprechenden Abklärungen der Redaktion fragend. Ja, leider. Doch vielleicht wartet er damit besser, bis sich allenfalls das Inkassobüro meldet, falls die Sache kein Betrug, sondern nur ein Fehler ist. Bei der Berner Kantonspolizei gibt man sich übrigens zugeknöpft. Von gefälschten Bussenzetteln habe man bisher nichts gehört und über allfällige Fehler bei fremden Polizeikorps wolle man sich nicht äussern, heisst es.

Technikversagen?

Auch der Solothurner Kapo ist nichts über den Umlauf von gefälschten Bussenbescheiden bekannt. Polizeisprecher Bruno Gribi macht sich immerhin die Mühe abzuklären, ob im hoch automatisierten Bussenprozess ein solcher technischer Fehler denkbar wäre.

Seine Recherchen bei einem Experten ergaben, dass es theoretisch möglich ist, dass bei einer stark verschmutzten Autonummer die Kamera «BE» liest, anstelle von «GE». Was ja im Kanton Genf durchaus plausibel wäre.

Das erklärt allerdings noch keineswegs die Tatsache, dass der entsprechende Bussenbescheid an eine wildfremde Adresse geschickt wird. «Ich halte Sie über den weiteren Verlauf auf dem Laufenden», versichert Wilhelm Schuster. Die Einsprachefrist der Strafverfügung ist inzwischen abgelaufen.