Walter Bigler

Dieser Grenchner feiert seinen 100. Geburtstag mit Landammann und Kavallerie

Am Dienstag wurde Walter Bigler 100-jährig. Von links: Staatsschreiber Andreas Eng, Landammann Roland Fürst, Standesweibel Andreas Hofer, der Jubilar Walter Bigler und Stadtpräsident François Scheidegger.

Der Grenchner Walter Bigler bekam am Dienstag zum 100. Geburtstag Besuch von der Regierung – aber auch von einer Dragonerdelegation.

Im Jahr 1939 wurde Walter Bigler vom Allmendhof in Grenchen im Solothurner Dragonerschwadron 14 vereidigt. Dass eine Dragonerdelegation der Schweizerischen Kavallerieschwadron 1972 ihm zum Fest vor dem 100. Geburtstag die Ehre erweisen würde, das hatte er nie erwartet. Mit fünf Pferden, in voller Montur und dem gleichen Banner, unter dem er damals vereidigt worden war, ritt die Delegation bei der Glutzhütte vor – eine Riesenüberraschung für den Jubilar.

Da war kein Halten und kein Stuhl gefragt. Beneidenswert flink zog es Walter Bigler zu den Pferden. Er begrüsste die jüngeren Kollegen. «Das weckt so viele Erinnerungen, ich finde keine Worte» die knappe Aussage mit leuchten-den Augen und bewundernswerter Gelassenheit liess die Geburtstagsgesellschaft einmal mehr staunen.

Das Pferd mit dem Militärdienst bezahlt

Zum 100. Geburtstag hat Grosskind Nadine Bigler Erinnerungen von Walter Bigler aufgeschrieben, die der Jubilar schmunzelnd aufgenommen hat. Am 7. August 1939 war er in die Rekrutenschule in Aarau eingerückt, wurde wie sein Bruder Ernst in die Dragoner Schwadron 14 eingeteilt. Einen Monat später ersteigerte er sein Kavalleriepferd für 880 Franken. Eigentlich hätte das Pferd das doppelte gekostet, aber die Hälfte wurde vom Bund mit der Verpflichtung zum Militärdienst bezahlt. Die Kavallerie passte den Landwirten, weil das Pferd nach dem Dienst für die Arbeit auf dem eigenen Hof behalten werden konnte.

Die Dragoner machen ihre Aufwartung.

   

Walters Pferd «Ellengard» (Wächter des Lichtes) war ein schwarzer Irländer, ein leistungsbereites Pferd. Der Tag der Steigerung war zugleich Tag der ersten Mobilmachung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Für die Rekruten hiess dies, die Kaserne räumen und Verlegung ins Wynental. Nach der Rekrutenschule anstatt Entlassung direkt in den Aktivdienst. Der erste Winter war bitterkalt und hart.

Soldaten und Pferde wurden auf Bauernhöfen in Schuppen einquartiert. Beide bekamen die Versorgungsknappheit zu spüren. Den Pferden wurde Zellulose unter das Futter gemischt. Die Schwadron von Walter Bigler musste jeweils auf Schleichwegen entlang der Grenze patrouillieren. Einmal auf einem schmalen Fussweg einen Hang hinunter, durch einen Bach und wieder hoch. Ellengard knickte mit den Vorderläufen ein, richtete sich aber wieder auf.

Entlassen und gleich wieder mobilisiert

Dass Walter dabei seinen Säbel verloren hatte, bemerkte er erst am Ziel. Die Pflicht zur vollständigen Ausrüstung liess ihn den beschwerlichen Weg zurückreiten und prompt fand er den Säbel. Vielleicht habe das Ereignis Ellengard geprägt. Später scheute er jeweils im Concours den Wassergraben. Im Frühjahr 1940 ritt die ganze Schwadron von Frauenfeld nach Oensingen zur Entlassung. Die Freude war kurz. Bereits am 10. Mai wurden die Dragoner remobilisert. Sie ritten von Oensingen via Holderbank ins Baselbiet.

Der Hauptmann verlas den Kriegsbefehl. «Ja nicht kapitulieren», hiess es. Er habe nie zuvor so viele vollbeladene Autos von reichen flüchtenden Baslern gesehen, wie während einer Nachtwache zu dieser Zeit, erinnert sich der Jubilar. Insgesamt hat Walter Bigler mit seinem Pferd über 1000 Diensttage geleistet. Seinen Letzten mit 50 Jahren, in dem Jahr, als seine jüngste Tochter geboren wurde. Das Pferd Ellengard wurde jahrelang auf dem Landwirtschaftsbetrieb eingesetzt. Viele Male hat es die Milch von der Allmend in die Käserei gebracht.

Geprägt vom einfachen Leben in seiner Jugendzeit in der Grossfamilie hat Walter Bigler die Zeit im Aktivdienst mit nur einer Erkältung gut überstanden. Zu Hause führten sein Vater und dessen Bruder den Hof. Während des Dienstes an der Grenze gab es für die Soldaten keinen Sold und keinen Lohnausgleich. Es war jedoch klar, dass er den Betrieb auf der Allmend weiter führen würde. Er heiratete 1947 Helene Schmutz aus Bettlach. Gemeinsam hatten sie vier Kinder. Die Familie lebte und arbeitete zusammen mit den Eltern und der Familie des Bruders mit fünf Kindern auf dem Hof. Der einzige Wasserhahn habe sich in der Küche befunden, ein Badezimmer gab es nicht, dafür wurde ab und zu der Betontrog im Keller mit heissem Wasser gefüllt. Die beiden Ehefrauen hätten abwechslungsweise je eine Woche für alle gekocht. Einmal hatte Walter einen schweren Unfall mit dem Zuchtstier. Der Arzt habe zwar keinen Schädelbruch festgestellt, doch die Rekonvaleszenz habe lange gedauert. Erst nach einem Jahr habe er vier Goldkronen für die verlorenen Zähne erhalten.

Ein Schicksalstag ereignete sich für die Familien Bigler am 14. März 1964, der Bauernhof brannte. Stall, Scheune und Wohnhaus wurden komplett zerstört. Ungeklärt blieb die Brandursache, man vermutet jedoch Brandstiftung. Der Brand war der vierte in einer Serie von Bränden in Grenchen. Bevor alles wieder aufgebaut werden konnte, wurden die Ruinen auf die Gebrüder Ernst und Walter umgeschrieben. Bauland musste für den Aufbau und die rechtliche Regelung mit der Auszahlung der Geschwister verkauft werden.

Nach dem Wiederaufbau verlief das Leben der Familien zwar noch immer grösstenteils gemeinsam, doch die Haushalte wurden nun separat geführt. Wie auch heute noch, wo wiederum mehrere Generationen gemeinsam auf dem Allmendhof leben und arbeiten und Walter Bigler weiterhin sein zu Hause mit der Familie der Tochter Daniela geniesst. Schicksalschläge wie der Verlust der Tochter Verena und den Tod seiner Frau nach 60 Jahren Ehe lassen sich gemeinsam besser ertragen.

Noch immer wird für den Garten geschaut

Walter Bigler hat sich bis vor vier Jahren immer noch eigenständig um seine Zuchtschweine gekümmert. Jetzt er hat mit dem Jäten des Gartens und dem Schauen zu den Hühnern eine neue Aufgabe gefunden. Wenn er an warmen Tagen vor dem Stall auf dem Bänkli sitzt, sind Besuche willkommen. Er hofft, dass ein Enkel bald einmal den Betrieb übernehme und glaubt, dass sein solides und zufriedenes Leben ihm das goldene Alter beschert hat. Seit 30 Jahren habe er den Arzt nur selten besucht und Tabletten nehme er keine.

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