Kleintheater Grenchen

Diesem Spaziergänger folgt man gerne: Franz Hohler fasziniert das Publikum mit seinem Gesamtwerk

Im Kleintheater Grenchen erzählte Franz Hohler so manche unglaubliche Geschichte.

Im Kleintheater Grenchen erzählte Franz Hohler so manche unglaubliche Geschichte.

Seit 55 Jahren steht Franz Hohler als Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher auf der Bühne. Dass ihm auch mit 77 Jahren Routine ein Fremdwort ist, bewies er in seinem Spaziergang durch sein Gesamtwerk im Kleintheater auf Einladung der Literarischen Gesellschaft.

Seine Fabulierkunst ist atemberaubend, seine Geschichten erzählt er mit viel Verve und augenzwinkerndem Schalk; seien es Gedichte, Kürzest- oder Kurzgeschichten, kabarettistische Liedvorträge. Er kann schon mal mahnend furios über Missstände wettern, immer sind da aber auch Empathie und Menschlichkeit auszumachen. Seine Sprache ist ausdrucksstark, oft bildhaft, nie aber abgegriffen. Wie er aus zufälligen Begegnungen oder Beobachtungen fantasievoll faszinierende Geschichten «zimmert», ist wohl einzigartig.

«Oh mein Vaterland» schrieb er als Neunjähriger

Und er ist aktuell: An den Anfang seines inspirierenden Spazierganges stellte er die Ansprache von Königin Corona und König Covid an das Volk, in welcher es vor allem darum geht, unser Wirken und Werken zu überdenken, wollen wir längerfristig unsere Erde bewahren, gar ­etwas lebenswerter für alle ­machen.

Das Publikum stutzte etwas, als der Künstler danach mit «Oh mein Vaterland» ein gar pathetisches und patriotisches Gedicht zum Besten gab. Nun, er hat es mit 9 Jahren geschrieben. Heute würde dies wohl höchstens noch an der Albsigüetli-Tagung bestehen, «frotzelte» der Autor selber. Denn Franz Hohler, dies dürfte bekannt sein, ist stets ein kritischer Geist gewesen und ist es auch geblieben.

Sein «Dienschtverweigerer» (nach Boris Vians «Le Déserteur») wurde vom Schweizer Fernsehen noch 1983 als zu provokant zensuriert und nicht ausgestrahlt. Die Zuschauenden in der Aula des Schulhauses IV erfreuten sich ob des Songs ebenso, wie sie begeistert den berühmten «Weltuntergang», dieses visionäre Werk aus dem Jahr 1973 (!), aufnahmen.

Der Spaziergänger Hohler unterhielt während knapp anderthalb Stunden mit weiteren erzählerischen Kleinoden wie «Made in Hongkong», seinen geistreichen Umdeutungen der Schöpfungsgeschichte, in welchen er schliesslich selbst Astrophysik-Genie Stephen Hawking Paroli bietet, einem Fussballspiel zwischen Toten und Lebenden, einer gemeinsamen Pilgerreise von Teufel und Jesus im Auto nach Rom, um den Papst zu erschrecken, und vielen mehr.

Inspirierend auch die ebenso optimistischen wie mit leiser Selbstironie angereicherten Stücke «Lebende Dichter» und das «Alter». Schliesslich durfte auch das «Totemügerli» nicht fehlen: Oft kopiert, nie erreicht, gilt es nach der Performance von Hohler zu konstatieren. Und dann hatte er noch ein Dessert parat. Ein Kürzestgedicht, in welchem ein Vogel in den Süden fliegen will, ihrer Vorzüge wegen aber dann doch in der Stadt Grenchen bleibt.

Hohlers scheinbar so leichtfüssiger Spaziergang begeisterte und zeigte einen Schreibenden, dessen Werke zeitlos bleiben werden, einen Künstler auch, dessen Wanderung noch nicht abgeschlossen ist.

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