Swatch
Diese Plastik-Uhr ist ein Meilenstein – made in Grenchen

Die Plastikuhr Swatch wurde im November 1982 in Grenchen erfunden. Sie bedeutete bei ihrer Lancierung 1983 nicht nur eine Revolution bei der Uhrenherstellung, sondern setzte auch neue Meilensteine in Sachen Konsumgüter-Marketing.

German Vogt
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Ur-Swatch: Sie revolutionierte 1983 den weltweiten Markt für Uhren. az

Ur-Swatch: Sie revolutionierte 1983 den weltweiten Markt für Uhren. az

Dass ein Konsumgüterprodukt seinen 30. Geburtstag feiern kann, ist an sich schon aussergewöhnlich. Nur noch wenigen ist heute bekannt, dass unter der Führung ihres seit 1978 amtenden Generaldirektors Ernst Thomke das Kader der Uhrenfirma ETA Grenchen in Zusammenarbeit mit rund 200 Mitarbeitern dreifache Weltuhrengeschichte geschrieben hat: 1979/1980 mit der Kreation der vier flachsten (Gold-)Uhren der Welt (Delirium I–IV) mit der bis heute nicht unterbotenen Höhe von 0,98 mm. Ein wichtiges Merkmal: Der Schalenboden dient als Platine, war also Vorbild für die Konstruktion der Swatch.

Dominanz bei hohen Preissegmenten

1983 mit der Lancierung der Swatch. 1980 hatte die schweizerische Uhrenindustrie im 450 Millionen US-Dollar umfassenden Weltmarkt für Uhren unter 100 Dollar keinen Anteil mehr, hingegen beherrschte sie zu 97 Prozent das Preissegment der Zeitmesser über 350 Dollar. Ernst Thomke war sich bewusst, dass nur eine Billiguhr die schweizerische Uhrenindustrie vor dem Untergang retten konnte. Mit der Entwicklung der Swatch im Zeitraum Oktober 1979 bis November 1982 wurde dieses Ziel erreicht. Die Technik ist aber nur eine Seite. Das Fundament des phänomenalen Erfolges der Swatch ist das aggressive Marketingkonzept.

Ernst Thomke

Ernst Thomke

AZ

Die Konstruktion und Fabrikation der Swatch generierten etliche Welt-Innovationen, darunter sechs Patente: Die Swatch umfasste nur 51 Komponenten, eine einfache mechanische Uhr hingegen 92 Teile. Die neuen Plastikuhren wurden auf speziellen Etamaten (automatische von der ETA entwickelte CNC-gesteuerte Maschinen) zu 15 Modulen (Baugruppen) vormontiert. Dank dieser Vormontage wurde auf der 75 m langen vollautomatischen Montagestrasse alle 4 Sekunden eine Uhr produziert. Die maschinentechnischen, die Konstruktions-, die Stanz- und die Erosionswerkzeug-Abteilungen der ETA entwickelten innert zweier Jahre mit viel Enthusiasmus den für die Produktion der revolutionären Uhr benötigten völlig neuen Maschinenpark und die entsprechenden Werkzeuge. Damit das Unternehmen gelang, war ein ständiger Meinungsaustausch zwischen den beiden Schöpfern der Uhr und den Fachleuten der verschiedenen ETA-Abteilungen unentbehrlich; Hunderte kleinere und grössere Probleme waren zu lösen.

Herstellungskosten unter 10 Franken

Das Pflichtenheft verlangte unter anderem Herstellungskosten für das Werk von unter 10 Franken, für die fertige Uhr von unter 25 Franken. Beim Vertrieb wurde der teure Zwischenhandel ausgeschaltet.

Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die Uhr der ETA Grenchen dem 1985 von Nicolas G. Hayek gegründeten weltgrössten Uhrenkonzern der Welt, der Swatch Group, 1998 ihren Namen verlieh. Im Geschäftsbericht 2001 schrieb ihr Gründer: «Der Erfolg der Swatch erlaubte uns – das wissen wir alle –, unsere Schulden zu bezahlen und Reserven zu bilden. Das ermöglichte uns, den Wiederaufstieg der Marke Omega zu wagen» (...) «Deren Wiederaufstieg und der gewaltige Schub der Swatch machte es auch möglich, den mechanischen Maschinenpark der Schweizer Uhrenindustrie zu verstärken». Virtuos handhabte Hayek das vorgegebene Marketing-Konzept und erreichte damit, dass von 1983 bis 1992 100 Millionen Swatch verkauft wurden.