Stadtbummel
Die vergessene schweigende Mehrheit

Roger Rossier
Roger Rossier
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«Der Filmtitel, ‹Die schweigende Mehrheit› war gut gewählt, denn diese Mehrheit kam im Dok-Beitrag tatsächlich nicht zu Wort», schreibt Roger Rossier. (Symbolbild)

«Der Filmtitel, ‹Die schweigende Mehrheit› war gut gewählt, denn diese Mehrheit kam im Dok-Beitrag tatsächlich nicht zu Wort», schreibt Roger Rossier. (Symbolbild)

Andreas Toggweiler

Letzten Donnerstag zeigte das Schweizer Fernsehen den Dok-Film «Die schweigende Mehrheit». Leider porträtierte der Beitrag fast nur von Sorgen geplagte, ausländerskeptische Personen und Uhrenarbeiter, die ihr Geld in leeren, veralteten, von Kurzarbeit geprägten Fabriken verdienen. Der Film widmete den Menschen viel Sendezeit, die sich in der heilen Welt der Gartenzwerge, der mit Doppelmeter nachgemessenen Hecken sowie den schön heraus geputzten, mit Schweizer Fähnchen geschmückten, Häuschen wohl fühlen. Als Gegenpol zu dieser vermeintlichen Idylle wurden Wohngebiete mit wenig einladenden Fassaden und randvollen Abfallcontainer gezeigt.

Kein Wort verlor die Filmemacherin über Granges Mélanges, einen Verein, der einen grossen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der rund 90 Nationen leistet. Keine Erwähnung fanden die Sport- und Jugendvereine, die mit viel Idealismus Kinder und Jugendliche aller Nationen betreuen und damit wertvolle Integrationsarbeit leisten. Keine Notiz wert war die Tatsache, dass in der Uhrenstadt sogar der Bau einer Moschee möglich ist oder dass Grenchen dank der florierenden Industrie täglich mehrere tausend Pendler aus verschiedenen Sprachregionen anzieht.

Dafür schenkte man dem jungen, politisch unerfahrenen Studenten und Kandidaten für das Stadtpräsidium eine grosse Plattform. Sogar über seine nach wenigen Bürgergesprächen gescheiterte Idee des Bürgerforums wurde langatmig berichtet. Die Stadt, die schon vor fast zweihundert Jahren ihre Offenheit zeigte, indem sie dem italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini trotz Drohungen aus dem Ausland Asyl gewährte, hat diesen Film nicht verdient.

Der Filmtitel, «Die schweigende Mehrheit» war gut gewählt, denn diese Mehrheit kam im Dok-Beitrag tatsächlich nicht zu Wort. Fast schien es, das Drehbuch zum Film wurde geschrieben, bevor die Kameraleute ihre Arbeit aufnahmen. Für die Umsetzung der Filmidee, die das tiefe Niveau zahlreicher Stammtischvorurteile unterbot, fand man dankbare Statisten, die sich unerfahren und naiv durch die Fernsehleute einspannen liessen. Trotzdem, etwas Gutes könnte dieser Dok-Film ausgelöst haben. In Grenchen rücken die Menschen über die Parteigrenzen hinweg zusammen, besinnen sich, was die Stadt zu bieten hat. Daraus müsste eine Strategie entstehen, wie man die Industriestadt im Grünen in Zukunft besser positionieren kann, damit sich solche Peinlichkeiten nicht wiederholen.

Als 1958 Peter Kraus zu seinem «Hula Baby» die Hüften schwang und Vico Torianni das heute politisch nicht mehr korrekte Lied «Schön und kaffeebraun sind alle Frauen» trällerte, führte der Kunstverein Grenchen zum ersten Mal die Triennale durch. Im September feiert dieser Event sein 60-jähriges Jubiläum. Die Zahl sechzig beschäftigt mich dieses Jahr sehr. So war ich vor ein paar Tagen überrascht, als ich mir im Supermarkt den Weg zwischen den mehrheitlich von älteren Semestern gesteuerten Einkaufswagen, erkämpfen musste. Heute würde man mit der Senioren-Vorteilskarte 10 Prozent günstiger einkaufen können, wurde ich aufgeklärt. Diese Karte erhielte man im Jahr, in dem man sechzig wird.

Trotz dieser unerwarteten Rabattmöglichkeit verspürte ich keine Freude. Dieser Altersvorteil erinnerte mich an unsere Steuergesetzgebung, die älteren Menschen in gewissen Fällen einen günstigeren Rentensatz zubilligt. Und tatsächlich, bei einem Liegenschaftsverkauf kann man im vorgerückten Alter einen günstigeren Steuersatz beantragen. Der Blick ins Steuergesetz verdriess mich noch mehr, da die Steuerbehörde 58 Lenze bereits als vorgerücktes Alter betrachtet. Als ich gleichentags im Briefkasten eine Hochglanz-Werbung vorfand, die mir eine vornehme Altersresidenz in der Innerschweiz schmackhaft machen wollte, begann ich zu akzeptieren, nicht mehr der Jüngste zu sein. Ein kleiner Tipp für Leidensgenossen: Melden Sie sich zu einer Laufveranstaltung an. Mit Jahrgang 1958 werden sie in der Altersklasse «60» zu den Jüngsten gehören, da die Altersklassen alle fünf Jahre wechseln.