Grenchen
Die Uhrenstadt kommt fast ohne Uhren aus

Seit 1851 dreht sich in Grenchen nicht alles, doch recht vieles um die Uhr. Selbst eine eigene Sprache haben die Uhrmacher entwickelt – diese klingt französisch. Eigentlich müsste die Uhr im Stadtbild allgegenwärtig sein, denkt man – doch ist sie das tatsächlich?

Rainer W. Walter
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Die Uhr am Chappeli Allerheiligen funktioniert nur bei Sonne.

Die Uhr am Chappeli Allerheiligen funktioniert nur bei Sonne.

Oliver Menge

Fragt man Bewohner Grenchens nach der Zeit, schaut der Gefragte zuerst ans linke Handgelenk und, wenn dies nichts Zählbares bringt, an den Kirchturm der Eusebiuskirche. Viele Jahre lang gab es in Grenchen kein Fachgeschäft für Uhren, und als der berühmte kubanische Sänger Ibrahim Ferrer in Grenchen eine Uhr kaufen wollte, war er auf Kontakte zu einer Uhrenfabrik angewiesen. Wer Uhren kaufen wollte, setzte sich mit einem guten Freund in Verbindung, der bei seinem Arbeitgeber jedes Jahr eine bestimmte Anzahl Uhren beziehen konnte. Andere fanden ihr Glück im einstigen Warenhaus am heutigen «Zeitplatz» oder im Shop im Flughafengebäude. Seit einigen Jahren nun führt Bruno Bertini sein Geschäft für Uhren und Uhrenreparaturen an der Bettlachstrasse.

«Weisch was es Gänggi isch?»

Alteingesessene Grenchner pflegten Neuzugezogene auf ihre «Grenchnertauglichkeit» zu prüfen, indem sie ihnen die Frage stellten: «Weisch was es Gänggi isch?».

«Gänggi» oder «Quinquet» nennt man das kleine Lämpchen, das dem Uhrmacher über seinem Arbeitsplatz, dem «Etabli», das notwendige Licht spendet. Der französisch klingende Ausdruck ist dem Wort «quincaillerie» verwandt und tatsächlich von diesem abgeleitet. Als quincaillerie bezeichnet man im Französischen Eisenwarenhandlungen, welche auch Haus- und Küchengeräte verkaufen.

Die Sprache und Fachausdrücke der Uhrmacher, vor allem wie von Adolf Gschwind verwendet wurde, findet man auf hier. Die Erklärungen zu den einzelnen Ausdrücken schrieb Peter Aebi aus Grenchen. Diese Seite studieren ist geradezu eine Pflichtlektüre für alle Grenchner und solche, die es werden wollen. Wer diese Seite studiert hat, der weiss nicht nur wie viel eine «Ligne» misst oder was ein «Rhabilleur» tatsächlich tut. Selbst was eine «Tirette» ist, wird man wissen oder wo der «Coq» Verwendung fand.

Wo ist Grenchen am meisten «Uhr»

Am besten suche man auf dem «Zytplatz», dachte der Stadtbummler. Doch hier fand er bloss eine Strassentafel mit zweisprachigem Text. Eine Uhr jedoch, die sucht man vergebens. Deshalb reichte Gemeinderat Urs Wirth eine Motion ein, die schliesslich als Postulat überwiesen wurde. In seinem Vorstoss wünschte sich Urs Wirth auf dem Zytplatz «eine Uhr oder Ähnliches» (Rechenschaftsbericht der Stadt für das Jahr 2011, Seite 103).

Die schönste öffentliche Uhr in Grenchen gibt es leider nicht mehr. Gemeint ist die einstige tolle Blumenuhr am Marktplatz, dort, wo heute östlich vom Kino Palace eine kleine Wiese grünt, bevor sie in einen Wald aus Reklametafeln mündet. Diese Blumenuhr war eine kleine, aber ungemein beliebte Attraktion für Einheimische und Besucher Grenchens. Würde diese einzigartige Uhr wieder ticken, so würde unsere Stadt im nächsten konfusen Städterating einen grossen Schritt nach vorn machen

In der Migros ist eine der wenigen öffentlich einsehbaren Uhren angebracht. Sehr diskret und keineswegs aufdringlich, die Kunden sollten schliesslich nicht von ihrer Haupttätigkeit, dem Einkaufen, abgelenkt werden. Weitere Uhren findet man, sofern man nach ihnen sucht, bei den Bahnhöfen. Die allerschönste öffentliche Uhr jedoch zählt die Stunden bloss bei schönem Wetter. Diese Uhr ist – haben Sie es erraten? – eine Sonnenuhr und befindet sich an der Kapelle Allerheiligen. Vor wenigen Jahren wurde sie von Carlo Domeniconi, dem Maler und Künstler, kunstvoll restauriert.

Hier herrscht Nachholbedarf

Grenchen bietet den Stadtbummlern im öffentlichen Raum etwas über hundert Kunstwerke. Dazu kommen wahrscheinlich gut ein bis anderthalb Dutzend Brunnen und Brunnenanlagen, aber öffentliche Uhren, daran mangelt es in der Uhrenstadt Grenchen. Wahrscheinlich leben wir hier nach dem Spruch: «Wir sind zeitlos glücklich».

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