Analyse

Die Uhrenbranche in Grenchen ist wieder im Umbruch

Die  Zifferblattfabrik an der Flughafenstrasse gehört heute innerhalb des Swatch Konzerns zu Rubattel&Weyermann.

Die neue Zifferblattfabrik der ETA an der Flughafenstrasse wurde innerhalb des Konzerns umfirmiert.

Die Zifferblattfabrik an der Flughafenstrasse gehört heute innerhalb des Swatch Konzerns zu Rubattel&Weyermann.

Es ist bezeichnend, dass viele Aussenstehende Grenchen immer noch mit der Uhrenkrise der 1970er- und 80er-Jahre identifizieren. Dabei hat die Wiederentdeckung der mechanischen Uhr nach der Jahrtausendwende der Branche einen veritablen und lange anhaltenden Boom beschert. Auch etliche Einheimische ergehen sich mitunter weiterhin in nutzlosen und rückwärtsgewandten Schuldzuweisungen. Dabei hat die Industrie seither bereits wieder eine ganze Menge neuer Herausforderungen meistern müssen. Die grösste war der globale Nachfrageeinbruch nach der Finanzkrise. Doch auch aktuell findet in der Uhrenindustrie wieder ein grösserer Umbruch statt.

Als Maschinenraum der Schweizer Uhrenindustrie ist Grenchen den Wetterlagen beim Navigieren auf den Weltmeeren der Absatzmärkte sehr direkt ausgesetzt. Wenn in Hongkong demonstriert wird, hat dies unmittelbare Auswirkungen auf Grenchen. Die Swatch Group als grösste Arbeitgeberin der Stadt hat bisher die Nachfrageschwankungen durch Temporärkräfte und ihr grosses Portfolio an Marken in jeder Preisklasse ausgleichen können. Wenn teure Uhren weniger gefragt waren, konnten die Kapazitäten hin zur Produktion von günstigere Produkten verschoben werden. Die Wertschöpfung litt zwar, doch die Leute hatten Arbeit.

Seit einigen Jahren ist allerdings ein Fundamentaltrend zu beobachten: Es werden Jahr für Jahr weniger Uhren exportiert, ihr Durchschnittspreis steigt aber an. Das heisst, die Nachfrage nach den (teureren, da komplexeren) mechanischen Uhren ist intakt und diese werden zunehmend in edleren und raffinierteren Versionen gekauft. Will heissen: Gold, Edelsteine und weitere teure Materialien, Komplikationen sowie aufwendig gestaltete Zifferblätter sind bei der Kundschaft zunehmend en vogue.

Die Reaktion der Swatch Group auf diese Entwicklung lässt sich an der internen Personaldisposition ablesen. So wurde der langjährige ETA-Chef Pierre-André Bühler jetzt Verantwortlicher für den aufstrebenden Firmenbereich DYB (Dress Your Body), der sich mit der Entwicklung von Schmuck und Schmuckuhren befasst. Bühler hat von der Konzernleitung den Auftrag erhalten, einen Masterplan «Produktion 5.0» zu entwickeln und umzusetzen. Gelingt es ihm, diesen Bereich ähnlich schlagkräftig zu industrialisieren wie die Uhrwerkproduktion zuvor, wären das good News für die Wertschöpfung. Dasselbe gilt für die «Experimentalabteilung» Comadur, die Bühler in der Konzernleitung vertritt. Diese befasst sich mit der Entwicklung von neuen Materialien und ihrer Bearbeitung.

Bei ETA lässt man derweil (hoffentlich) nichts anbrennen. Roger Juillet, der Chef von Nivarox FAR, einem konzerneigenen Produzenten von Schlüsselbestandteilen mechanischer Uhren, hat neu als Vorsitzender eines dreiköpfigen Direktoriums auch an der Schild-Rust-Strasse das Sagen. Juillet ist seit Jahrzehnten im Konzern. Thierry Conus, ein langjähriger ETA-Kadermitarbeiter und Entwicklungschef der mechanischen Uhrwerke, steigt ins Direktorium auf, und mit Damiano Casafina kommt eine externe Blutauffrischung mit internationaler Erfahrung in der Produktionsindustrie ins ETA Board. Dieses Sesselrücken im industriellen Bereich dürfte also Folge der angekündigten Vertikalisierung der Produktion sein.

Ein Umbruch ist auch im Marketing der Uhrenbranche im Gang. Die Neuausrichtung der beiden Uhrenmessen in Genf und Basel zeugen davon. Anschauungsbeispiel ist die Grenchner Firma Breitling, die stark auf prominente Markenbotschafter setzt und internationale Events inszeniert. Breitling-Chef Georges Kern positioniert sich selber trittsicher in der Welt des Glamours: neuerdings sogar als Produzent eines französischen Spielfilms mit Blockbuster-Potenzial («Mon chien stupide»).

Die Uhrenkonzerne bauen zudem immer mehr eigene Vertriebskanäle auf (Markenboutiquen), um die volle Kontrolle über die Wertschöpfungskette zu haben. Der Fachhandel muss sich zunehmend mit kleineren Marken begnügen – was aber diesen wiederum Chancen eröffnet, ins Sortiment zu kommen.

andreas.toggweiler@chmedia.ch

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