Betreuung
Die thailändische Langzeitpflege ist vorbildlich

Der Grenchner Sozialamtschef Kurt Boner ist auf Informationstour in Thailand. Die Schweizer könnten von den dortigen Pflegenden einiges lernen.

Andreas Toggweiler
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Kurt Boner anlässlich seines Besuches in Thailand mit Martin Woodtli, Pensionär «Kurt» und Pflegerin (von links).

Kurt Boner anlässlich seines Besuches in Thailand mit Martin Woodtli, Pensionär «Kurt» und Pflegerin (von links).

zvg

Der Bund geht davon aus, dass sich die Ausgaben in der Schweiz für Langzeitpflege in den nächsten 30 Jahren auf rund 18 Milliarden Franken verdreifachen werden. Während sich heute schon Krankenkassen, Pflegeinstitutionen und die öffentliche Hand über die Kostenverteilung der Pflege streiten, gerät in den Hintergrund, wie denn die Pflege der heute aktiven Generation in der Praxis künftig ausgestaltet wird.

Kurt Boner, Sozialamtschef von Grenchen, Leiter der Sozialen Dienste Oberer Leberberg (SDOL) und Präsident des grössten Altersheims im Kanton (Stiftung Alterssiedlung Grenchen mit dem Altersheimen Kastels und am Weinberg) macht sich Gedanken: «Wir bauen laufend Pflegeplätze zu. An solchen dürfte künftig kein Mangel herrschen. Die Frage ist eher: stellen wir das richtige Angebot für die künftige Gesellschaft zur Verfügung.»

Bedürfnisse wandeln sich

Die Bedürfnisse der alternden Bevölkerung seien längst nicht mehr uniform, sei dies, weil die Leute viel länger selbständig leben könnten, sei dies, weil sie je nach finanziellen Verhältnissen auch im hohen Alter noch munter an der Konsumgesellschaft teilhaben können: Unternehmungslustige Senioren sind tagsüber in Zügen und Kreuzfahrtschiffen unterwegs und lassen sich abends mit «Wohnen mit Service» bedienen.

Doch die Krankheit kann auch sie ereilen, mit höherem Durchschnittsalter auch mit höherer Wahrscheinlichkeit. «Und dann kann der Pflegebedarf plötzlich sehr umfangreich werden. Beispielsweise bei Menschen, die an Alzheimer erkranken.», stellt Boner klar.

Hier ortet er ein Experimentierfeld für neue Pflegeformen. Kürzlich weilte er aus privater Initiative für einige Tage in Thailand, im Alzheimer-Pflegeheim des Schweizer Sozialarbeiters Martin Woodtli. Woodtli machte Schlagzeilen mit seinem Modell, in welchem Patienten aus der Schweiz rund um die Uhr von thailändischen Pflegerinnen umsorgt werden. SRF-Dokfilmer Christoph Müller hat Woodtlis Erfahrungen mit seiner an Alzheimer erkrankten Mutter und das daraus entstehende Heim für ein breites Publikum dokumentiert.

Lernen von den Thais

Die Menschen haben ihre geografischen Bezugspunkte verloren, kennen oft auch ihre Angehörigen nicht mehr. Sie sprechen aber ganz stark an auf liebevolle Kontakte, auf Berührungen. «Da dieser respektvolle Umgang mit alten Menschen in der Thai-Kultur verwurzelt ist, sind ihre letzten Lebensjahre viel erfüllter als in manchem hiesigen Pflegeheim, wo jede Handreichung nach Taxpunktsystem abgerechnet werden muss.»

Statistik

Ist Grenchen überaltert?

Ein Blick in die Alterskohorten der kantonalen Bevölkerungsstatistik zeigt beim Vergleich der beiden Städte Solothurn und Grenchen einige Auffälligkeiten. Beide Städte hatten beim Stichtag 31. 12. 2014 ähnlich viele Einwohnerinnen und Einwohner: Solothurn 16'650, Grenchen 16'566, also 84 weniger. Die Altersgruppe der über 80-Jährigen umfasst in Grenchen aber 1'235 Personen, 213 mehr als Solothurn und auch bei den 65 bis 79-Jährigen schwingt Grenchen weit obenaus: 2'410 Personen dieses Alters wohnen hier, gegen über 2'143 in Solothurn. Grenchen hat somit 480 Personen mehr im Pensionsalter, als Solothurn. Massiv grösser ist in Solothurn demgegenüber die Kohorte der 20-39-jährigen Personen: 5'357 gegenüber 4'266 in Grenchen (Unterschied 1091 Personen). Grenchen hat die Nase vorn bei den 40-64 jährigen (+202) und bei den 0-19 -Jährigen (+331). Über den Grund dieser massiven Altersklassenunterschiede kann man nur spekulieren. Denkbar ist, dass viele im erwerbsfähigen Alter die Stadt verlassen und als Rentner wieder in die Uhrenstadt zurückkehren, beispielsweise wegen günstiger Mieten. (at.)

Boner suchte das Gespräche mit Woodtli, mit Patienten darunter ein Mann aus Olten, der auch im neuesten Dok-Film von SRF über Woodtlis Institution vorkommt. «Dieser ungezwungene Umgang von jungen Menschen mit Alten, teilweise auch schwierigen Personen hat mich sehr beeindruckt», meint Boner. «Ich denke, wir könnten als Gesellschaft viel von ihnen lernen.»– «Vielleicht werden wir es einfach lernen müssen», schiebt er nach einer Pause nach.

Denn die Altersheimbewohner werden in Zukunft weniger genügsam sein als die heutigen Pensionäre, welche vor dem 2. Weltkrieg geboren wurden. Die «Grauen Panther» von heute sind in der Konsumwelt grossgeworden und werden mehr Individualität und persönlichen Service einfordern.

Illusionen, dass sich das «thailändische System» in die Schweiz verpflanzen lässt, macht er sich Boner aber keine. «Es ist sogar so, dass es sich nicht einmal in Thailand selber einfach so kopieren lässt», meint er nach der Besichtigung einer weiteren Institution, die von Schweizer Investoren in Thailand aufgebaut wurde. Das Heim von Woodtli ist demgegenüber laufend gewachsen, zu einem richtigen kleinen Dorf. «Eine Atmosphäre von liebevollen, engagierten Menschen, denen es nicht um die Rendite geht, lässt sich nicht auf Knopfdruck herstellen.»

Auswandern - warum nicht?

Neben Altersheimen, Alterswohnungen, Spitex und Nachbarschaftshilfe wird es nach Boners Einschätzung auch auch bei uns grössere, spezialisierte Institutionen zur Betreuung von Demenzpatienten brauchen. Die Betreuung dort werde aber weiterhin ihren Preis haben.

Immer mehr hört man von Menschen, auch in Grenchen, die nach der Pensionierung ihren Lebensmittelpunkt nach Thailand oder in ein anderes südliches Land verlegen. «Ich habe grosses Verständnis für diesen Schritt», meint Boner. Ein Handicap bis heute: Man verliert die Grundversicherung der Schweizer Krankenkasse beim verlegen des Wohnsitzes ins Ausland.

«Ich gehe aber davon aus, dass Versicherer bei genügend Nachfrage entsprechende Angebote lancieren werden», meint Boner. Da Betreuungsleistungen im Demenzfall zudem ohnehin nicht von der Grundversicherung abgedeckt werden.

Kastels baut um

Und für jene, die gerne in Grenchen alt werden möchten? «Ich denke, wir reagieren mit dem geplanten Umbau im Altersheim Kastels - Verbindung zur Alterssiedlung, Abbau der Zweierzimmer, Pflege auch in der Alterssiedlung – gut auf diese Entwicklung.» Dazu kämen weitere Angebote wie der Sunnepark samt neuer Demenzabteilung und Heime wie das Ypsilon, welche zusammen ein grosses Spektrum von Bedürfnissen abdecken könnten.