Vor ein paar Tagen, wir genossen den Spätsommerabend im Garten, hörten wir aus der Ecke der Scheune seltsame Geräusche. Zuerst nervöses Rascheln, dann leises Ziepen und Quieken, gefolgt von energischem Fauchen. Plötzlich funkelten mehrere Augenpaare in der Dunkelheit. Es war Mama Igel, die mit ihrem Nachwuchs erste Gehversuche unternahm und das schützende Lager verliess. Wir verbrachten seitdem viel Zeit beim Beobachten der dämmerungsaktiven Lebewesen und sahen, wie die Jungtiere Mama Igel zum Biotop des Nachbarn folgten und kurze Zeit später, gesättigt und mit tollpatschigen Schritten, zurückkamen. Das Muttertier widmete sich voll und ganz ihrem Nachwuchs. Und wie ist es bei uns?

Vermehrt sehe ich Eltern, die ihren Kinderwagen vor sich her stossen und gleichzeitig auf dem Handy die letzten News lesen oder eine SMS schreiben. Gleiches Verhalten erkennt man im Zug, in Restaurants oder auf dem Spielplatz. Die Kinder des 21. Jahrhunderts dürften seit es Menschen gibt die ersten sein, die das ungute Gefühl erleben müssen, ihre Eltern schenkten einem Gegenstand (Handy, Tablet) mehr Aufmerksamkeit als ihnen. Kaum können die Kinder selber sitzen, erhalten sie selbst ein mobiles Gerät. Damit lernen sie Zähneputzen, Zimmer aufräumen, mit einer Werkbank zu arbeiten, Blumen pflücken, Tiergeräusche erkennen oder mit Bauklötzen ein Haus zu bauen. Nicht in natura oder durch Selbsterfahrung, sondern rein virtuell. Bei guter Leistung folgt virtuell ein Lob in Form einer lustigen Figur oder Medaille. So können sich viele Mamas oder Papas weiterhin fast ungestört ihren Hightech-Geräten widmen.

Studien belegen, dass immer mehr Jugendliche emotionale Defizite aufweisen, die vermutlich auf die beschriebenen Vernachlässigungen zurückzuführen sind. Glückliche Igelfamilie, wo sich die Mutter durch nichts ablenken lässt und der Nachwuchs das Biotop unseres Nachbars nicht nur virtuell erleben muss.

Nicht virtuell ist die «Schöne aus Grenchen». Wenn Sie jetzt an eine hübsche Verkäuferin beim Bäcker oder an eine attraktive Mitarbeiterin im Büro denken, liegen Sie falsch. Esther Siegfried, eine regelmässige Leserin des Stadtbummlers, machte mich auf einen Artikel in der Coop Zeitung aufmerksam. Unter dem Titel «Geranien-Zauber» wurde die «Schöne von Grenchen» vorgestellt. Es ist die Geschichte des erfolgreichen Gärtners Gottfried Morff, der eine wunderschöne, leuchtend rote, leicht ins Gelbliche tendierende Geranie züchtete und ihr den Namen «Die Schöne von Grenchen» gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte Morff nach Australien aus, im Gepäck ein paar Exemplare seines Zuchterfolges. So wurde die Schöne von Grenchen Mutter weiterer 120 Geraniumarten, die Morff auf dem fünften Kontinent züchtete und deren Namen er schützen liess.

Was haben Igel und Geranien gemeinsam? Sie benötigen jetzt ein Winterquartier, damit sie wieder bereit sind, sobald sich der Frühling zurückmeldet. Nächstes Jahr könnten wir die «Schöne von Grenchen» auf dem Balkon blühen lassen. Sie verfügt über alle Eigenschaften, die Grenchnerinnen auszeichnen. Sie ist robust, gesund, blüht länger und überstrahlt alle anderen.