Grenchen
Die Sache mit den verschlossenen WCs: Ohne ID oder Bares keine Erlösung

Wer beim Grenchner Nordbahnhof aufs stille Örtchen will, der muss einen Schlüssel verlangen und dafür die ID oder Bares hinterlegen. Silvia Sachs hatte letzten Mittwoch weder noch dabei.

Oliver Menge
Drucken
Teilen
Silvia Sachs vor der WC-Anlage am Grenchner Nordbahnhof.

Silvia Sachs vor der WC-Anlage am Grenchner Nordbahnhof.

Oliver Menge

Silvia Sachs hatte letzten Mittwoch ein Erlebnis beim Nordbahnhof, das das Blut der 77-Jährigen in Wallung brachte. Am späteren Nachmittag gegen 16.30 Uhr kam sie von Leuzigen her nach einer Odyssee beim Bahnhof Nord an und musste dringend auf die Toilette. Sie sei komplett durchfroren gewesen von der Bise, wie sie sagt. Doch die Toilette im nördlichen kleinen Gebäude seitens der Gleise, in dem sich auf der Strassenseite ein Kiosk befindet, war verschlossen. An der Tür befindet sich eine Tastatur, auf der man offenbar einen Code eingeben musste. Sie betrat das «Migrolino» im Bahnhofhauptgebäude und fragte dort einen der Angestellten nach dem Code für die Toilette. Worauf dieser ihr sagte, die Türe sei mit einem Schlüssel zu öffnen. Und den erhalte sie nur, wenn sie ihre Identitätskarte hinterlege.

Öffentliche Toiletten sind rar

Es ist so eine Sache mit den öffentlichen Toiletten: In den grösseren Städten wurden die meisten der damals weit verbreiteten WC-Anlagen schon in den 90er-Jahren ausser Betrieb genommen. Es gab zu viele Drogentote, die sich in solchen Anlagen den goldenen Schuss setzten. Viele dienten als Treffpunkt für Drogenhandel, den Drogenstrich oder als Orte für die unpersönliche schnelle Nummer, insbesondere in der Homosexuellen-Szene. Seit einigen Jahren werden auch die verbliebenen oder neuen Anlagen – obwohl vandalensicher gebaut – immer wieder verwüstet und demoliert, verschmiert oder verdreckt.

Kein Wunder also, sind die öffentlichen Toilettenanlagen weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. In Grenchen gibt es nur noch die WCs hinter dem öffentlichen Bücherschrank am Marktplatz. Diejenigen in der Unterführung beim Coop sind nicht mehr zugänglich, die bei der Post wurden ebenfalls beim Neubau der «Titanic» entfernt. Bleiben die Toiletten in Restaurants oder in den Grossverteilern und Geschäften, die im Grunde der Kundschaft vorbehalten sind.

Unbestritten ist aber, dass ein Bedürfnis besteht. Denn nicht jedermann kann es sich leisten, schnell nach Hause zu rennen, oder es so lange zu «verklemmen», bis man an einem Ort ist, der einem die Erleichterung ermöglicht.

In Biel wurde in Zusammenarbeit mit der Stadt schon vor Jahren die Aktion «freundliche Toilette» ins Leben gerufen, um den Missstand der fehlenden stillen Örtchen etwas zu mindern: Dort stellen Restaurants und Cafés ihre Toilettenanlagen auch Leuten zur Verfügung, die nicht zur Kundschaft gehören. Die Geschäfte sind speziell gekennzeichnet. (om)

Weder ID noch Bargeld mit dabei

Sie sei nicht im Besitz einer ID und den Reisepass habe sie grad nicht dabei, antwortete die gut gekleidete Rentnerin. Ja, dann könne sie auch Bargeld hinterlegen, eine Zehnernote, wurde ihr von dem jungen Mann beschieden. Sie trage aber nie Bargeld auf sich, meinte Silvia Sachs, sondern bezahle alles mit der Karte, also sei auch das nicht möglich gewesen. Laut ihren Angaben sei ihr der junge Mann auch «keinen Zentimeter entgegengekommen», und sie habe keine Lust verspürt, ihm «gute Worte zu geben, dass er mir gnädigst den Toilettenbesuch gestattet, halt ohne ID, beziehungsweise Zehnernote». Sie habe sich entschlossen, heimzueilen, nicht ohne dem Angestellten zuzurufen, man solle doch im Oberstübchen mal aufräumen, da stimme etwas nicht bei Migrolino.

Dieser Zeitung gegenüber schrieb sie Tag später, sie wisse natürlich, dass es Vandalenakte gebe im öffentlichen Raum. «Aber sehe ich vielleicht so aus? Ich bin eine ältere Dame von 77 Jahren, normal gekleidet, weder abgerissen noch ungepflegt.» Es sei eine ausgesprochene Frechheit, einer solchen Person den Besuch einer öffentlichen Toilette zu verweigern. Wir treffen uns beim Nordbahnhof und spielen das Spiel durch. Die öffentliche Toilette ist verschlossen. Einen Hinweis, wo man den Schlüssel erhalten könnte, fehlt. Auf die Frage, ob ich den Schlüssel für die Toilette kriegen könnte, verlangt ein junger Angestellter im Migrolino nebenan tatsächlich die Hinterlegung der ID oder einer Zehnernote. Als sich der vermeintliche Toilettenbenützer, dem gleich die Blase platzt, als Journalist outet, tritt Geschäftsführer Fabrizio Paris auf den Plan und erklärt, wie es zu der eher ungewöhnlichen Massnahme kam, die auch ihm eher unangenehm ist.

«Die Toilettenanlage gehört der BLS. Diese hat mit uns vereinbart, dass wir dafür sorgen, dass sie geschlossen bleibt.» Früher sei die Anlage offen gewesen. Aber nachdem sie etliche Male demoliert wurde und sich auch Personen stundenlang dort aufgehalten hätten, um ihren wohl eher zwielichtigen oder anrüchigen Verrichtungen nachzugehen, habe sich die BLS für die Schliessung entschlossen. «Sie montierten eine Schliessanlage mit Code, den wir vom Migrolino täglich wechseln mussten. Dem Busbetrieb Grenchen und Umgebung BGU, der mit der BLS eine Vereinbarung getroffen hatte, dass die Chauffeure die Toilette benutzen dürfen, mussten wir dann jeweils eine lange Liste mit den gültigen Codes für jeden Tag schicken – eine umständliche Sache.» Also habe man die einfachere Variante mit dem Schlüssel gewählt. Neben dem Eingang zur Toilette befindet sich auch ein Schlüsselkasten, zu dem die BGU-Chauffeure Zugang haben, erklärt Paris. Sie können bei einer kurzen Pause beim Nordbahnhof dort austreten. Andere Gäste müssen im Migrolino um den Schlüssel bitten.

Schlüsselersatz ist mühsam und teuer

Warum aber der Zwang eines Pfands? «Ich habe nun schon vier Mal den Schlüssel nachmachen müssen, weil ihn die Leute im Stress vergessen, liegen lassen, einstecken oder wegwerfen. Vier Schlüssel sind so abhanden gekommen. Die BLS sieht es auch nicht gerne, wenn zu viele Schlüssel im Umlauf sind», sagt der Filialleiter. Und auf die Frage nach dem gesunden Menschenverstand, weshalb man einer älteren Dame den Gang zur Toilette nicht ausnahmsweise ermöglicht, erklärt Paris: «Wenn ich zugegen gewesen wäre, dann hätte ich der Dame bestimmt die Tür geöffnet, auch ohne Pfand. Aber meine Lernenden haben die Anweisung, den Schlüssel nur gegen Hinterlegung der ID, einer Kreditkarte oder Bargeld herauszugeben. Sie sind ganz einfach nicht befugt, da Ausnahmen zu machen, es liegt nicht in ihrer Kompetenz.»

BLS soll Versprechungen endlich einlösen

Er persönlich wäre froh, die BLS würde das leidige Thema bald einmal angehen, so wie sie einst angekündigt haben, sagt der Franchisepartner. «Es hiess bereits vor Jahren, dass die Gebäude beim Bahnhof saniert oder renoviert werden sollen. Eine neue Toilettenanlage könnte man dann mit einem Automaten ausrüsten, wo man ein Fränkli einwerfen muss, wie das an anderen Orten auch üblich ist. So könnten unsere Kunden endlich wieder ohne grössere Hürden eine saubere und intakte Toilette aufsuchen. Zudem liessen sich auf diese Weise – auch für mich und mein Team – äusserst unangenehme Vorfälle vermeiden.»

Bis es aber so weit ist, dürfte noch eine ganze Weile vergehen. Wer also ein dringendes Bedürfnis hat, muss am Nordbahnhof die ID dabeihaben, auch in Zukunft – oder zum Südbahnhof fahren. Dort stehen zwei Toiletten der SBB zur Verfügung. Sie sind offen, so lange die Züge fahren, von 5 Uhr morgens bis Mitternacht, er-klärt Bahnhofsvorsteher Daniel Hafner.

Aktuelle Nachrichten