Spannungsfeld
Die Romands sorgen dafür, dass Französisch in Grenchen nicht ausdient

In «Granges» bleibt Französisch wichtig - es gibt aber deutliche Unterschiede zwischen Arbeits- und Privatleben. Während nur noch wenige Grenchnerinnen und Grenchner zu Hause Französisch reden, ist die Sprache im öffentlichen Raum erstarkt.

Daniela Deck
Merken
Drucken
Teilen
Sinnbild für die Bedeutung der französischen Sprache ist der Schriftzug «Hôtel de Ville» am Stadthaus.

Sinnbild für die Bedeutung der französischen Sprache ist der Schriftzug «Hôtel de Ville» am Stadthaus.

Hanspeter Bärtschi

Französisch wird in Grenchen wieder mehr gesprochen als vor zehn Jahren. Das ist den Pendlern zu verdanken, die nicht mehr nur vom Berner Jura, sondern sogar aus Frankreich kommen, um in der Industrie zu arbeiten. Dagegen rangiert die zweite Landessprache bei den Einwohnern der Uhrenstadt unter ferner liefen und schrumpft seit Jahren.

Es gibt nur noch wenige Grenchnerinnen und Grenchner, die zu Hause Französisch reden. Vermutlich sind es um die 200. 71 Personen haben letztes Jahr die Wahlunterlagen des Bundes auf Französisch bezogen. «2005 waren es immerhin noch 95.» Das sagt Roland Schär, der Chef der Einwohnerdienste der Stadt Grenchen. Beim ausländischen Teil der Wohnbevölkerung listet die Einwohnerstatistik Frankreich (58 Personen) an 15. Stelle auf, hinter Bosnien-Herzegowina. Hinzu kommen ein Dutzend Schwarzafrikaner aus Staaten mit französischer Amtssprache. Französisch hat hier, unmittelbar an der Sprachgrenze, ausgedient, könnte man denken.

Gutes Selbstbewusstsein und Geld

Ein Besuch werktags im Migros-Restaurant in Grenchen genügt, um diese Idee zu verwerfen. Selbstbewusst verschaffen sich die Frankofonen Gehör. Es ist kein Zufall, dass die Sprache der Uhrenindustrie im öffentlichen Raum jetzt wieder erstarkt: Die Uhren- und Schmuckbranche ist gut in Form. Die Swatch Group hat letztes Jahr einen weiteren Umsatzrekord verbucht. Auswärtige Angestellte der Uhrenfirmen verbringen in Grenchen nicht viel Zeit neben der Arbeit. Deshalb kommen die Wirtschaftszweige in den Genuss dieser Kundschaft, die um die Mittagszeit Geschäfte machen: Grossverteiler, Restaurants, Coiffeure sowie Kosmetik- und Fitnessstudios.

Wechsel bei den «Paroisses»

Diesen Juni tritt die reformierte Pfarrerin Ursula Tissot nach zehn Jahren bei den Paroisses de la Plaine de l'Aar in Grenchen, Solothurn und Olten (30 Stellenprozent) in den Ruhestand. Nach Aussage von Präsident Eric de Bernardini soll das Pfarramt mit 20 Prozent in Grenchen und Solothurn weitergeführt werden, mit einer Nachmittagsveranstaltung pro Quartal und einem monatlichen Gottesdienst abwechslungsweise an beiden Standorten. Kirchenfeste würden in Grenchen gefeiert. Gegenwärtig laufe die Suche nach einem Nachfolger von Ursula Tissot. (dd)

Doch wie steht es mit den übrigen Gewerblern? Können sie von der französischsprachigen Klientel profitieren? «Tagtäglich», versichert Gabrielle Maegli von der Maegli Bijouterie. «Diese Leute, die Frauen wie auch die Männer, mögen Schmuck. Sie tragen ihn gern und verschenken ihn gern.» Gabrielle Maegli freut sich, dass sie wieder mehr Französisch hört und spricht. Das komme auch ihren jüngeren Angestellten zugute, für die diese Sprache keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Marianne Frutig spricht in ihrer Boutique Edelweiss Mode ebenfalls oft Französisch. Doch bei ihr handle es sich um Stammkunden aus der Romandie. In Grenchen sei ihr in letzter Zeit keine Veränderung bei der Sprache aufgefallen.

Ähnlich tönt es in der Landi. Geschäftsstellenleiter Erwin von Burg gibt zudem zu bedenken, dass seit dem Umzug der Landi vor knapp zwei Jahren zu wenig Zeit vergangen ist, um Veränderungen festzustellen. Beim Möbel Märit und in der Team-Papeterie ist die Renaissance des Französischen ebenfalls (noch) nicht angekommen. «Italienisch ist für uns wichtiger», sagt Stefan Mumenthaler, Geschäftsführer beim Möbel Märit.

Verein durch Mobilität überholt

Leer geht der Cercle Romand aus, dem in Grenchen immer die Pflege der frankofonen Kultur zukam. Auch wenn von den rund 80 Mitgliedern nach Aussage von Präsident Gilbert Perrier 30 bis 35 treu an den «Sorties» teilnehmen und enge Freundschaften pflegen, nimmt er an, dass die Tage des Cercle in Grenchen gezählt sind. Über die Hälfte der Mitglieder sei im Pensionsalter. Nachwuchs gebe es nicht mehr, da die Romands heute pendeln, statt umzuziehen und hier Familien zu gründen.

Erfreulicher sieht die Zukunft der Gemeinde Paroisses de la Plaine de l'Aar aus (siehe Text oben). Dabei ist dort das Durchschnittsalter höher und die Gruppe der Aktiven halb so gross wie im Cercle Romand. An Weihnachten verbuchte die Kirchgemeinde mit 60 Personen beim Essen zwar einen Rekord, wie Pfarrerin Ursula Tissot stolz erzählt.

Doch sie ist sich bewusst, dass Französisch im Kanton Solothurn einen schweren Stand hat. Es komme sogar vor, dass Gemeindeglieder der Paroisses mit einer Abdankung auf Deutsch bestattet werden. «Viele unserer Mitglieder können einem Gottesdienst auf Deutsch nicht folgen» - und deshalb nicht Abschied nehmen. Dahinter steckt wohl keine böse Absicht, doch es zeigt, wie weit sich die Schere zwischen Arbeits- und Privatleben beim Französisch geöffnet hat.