Gegen Vereinsamung
Die Pro-Senectute-Bewegungscoachs bringen Leben in die Bude

Pro Senectute bildet seit zwei Jahren Bewegungscoachs aus. Eine davon ist die Solothurnerin Jolanda Saner, die als Freiwillige Marie Kuster stundenweise betreut. Die Seniorin wohnt noch im eigenen Haus in Grenchen.

Franz Schaible
Merken
Drucken
Teilen
Marie Kuster (l.) macht in ihrem Ess- und Wohnzimmer bei den Bewegungsübungen – «vorgeturnt» von Jolanda Saner – freudig und engagiert mit.

Marie Kuster (l.) macht in ihrem Ess- und Wohnzimmer bei den Bewegungsübungen – «vorgeturnt» von Jolanda Saner – freudig und engagiert mit.

Felix Gerber

Versuchen Sie, mit den Fersen am Boden zu bleiben», sagt Jolanda Saner liebevoll, aber bestimmt. «Ich versuche es», antwortet Marie Kuster und macht, aufgestützt auf einem Stuhl in ihrem Wohnzimmer, fünf fast perfekte Kniebeugen. «Es geht besser als das letzte Mal», meint die bald 90-jährige Marie Kuster und lacht.

Jolanda Saner ist Bewegungscoach und im Rahmen der Freiwilligenarbeit für Pro Senectute unterwegs. Die Grenchnerin Marie Kuster ist «Kundin» von Pro Senectute. Die Dienstleistung «Bewegungspatenschaft» hat zum Ziel, Seniorinnen und Senioren, die zu Haus leben, stundenweise direkt zu betreuen; Pfeiler sind die individuelle Bewegungsförderung und die sozialen Kontakte.

27 Pro-Senectute-Bewegungscoachs stehen nach ihrer Ausbildung im Einsatz

Die kostenlose Dienstleistung «Bewegungspatenschaft-Bewegungscoach» bietet Pro Senectute Kanton Solothurn seit Januar 2012 an. Das Angebot des traditionellen Besuchsdienstes wurde dazu um die Bereiche Bewegungs- und Gesundheitsförderung im Alter ergänzt, erklärt Julia Linder, Sportwissenschafterin und Leiterin Koordinationsstelle
Alter bei Pro Senectute.

Ältere Menschen, die noch zu Hause wohnen, lebten aus unterschiedlichsten Gründen oftmals zurückgezogen und seien sozial isoliert. «Um dieser Vereinsamung entgegenzuwirken, bieten wir Seniorinnen und Senioren eine aktive Begleitung, eben Bewegungscoachs, an, die die Selbstständigkeit der älteren Personen durch die Begleitung in Alltagsbewegungen fördern.» Dadurch soll Seniorinnen und Senioren ermöglicht werden, möglichst lange selbstständig zu bleiben und die Lebensqualität zu steigern.

Im Zentrum stünden einerseits die individuelle Bewegungsförderung und andererseits die soziale Integration der älteren Menschen. Die Bewegungscoachs, sie leisten Freiwilligenarbeit, werden von Pro Senectute entsprechend ausgebildet. Die ersten Ausbildungsgänge fanden im Dezember 2011 statt, die ersten Bewegungspatenschaften wurden im Januar 2012 vermittelt. «Inzwischen fanden bereits fünf Schulungen statt, an denen 40 Personen teilgenommen haben», zieht Linder eine erste Bilanz. Aktuell seien 27 Bewegungscoachs im aktiven Einsatz. Einige der neu geschulten Freiwilligen warteten noch auf einen geeigneten Einsatzplatz. Die Bewegungspatenschaft ist auf vier bis sechs Stunden pro Woche beschränkt.

Informationen: Pro Senectute Kanton Solothurn, Hauptbahnhofstrasse 12, 4500 Solothurn; Telefon 032 626 59 56; www.so.pro-senectute.ch

«Ende 2012 habe ich mich bei Pro Senectute zum Bewegungscoach ausbilden lassen», erklärt Jolanda Saner. Für die jahrelang als Primar- und Hauswirtschaftslehrerin tätige Frau sind Fragen rund um das Thema «Altern» kein Neuland. «Ich habe während einiger Jahre ein Altersheim geleitet und meine Mutter bis zum Tod eng begleitet», erzählt Jolanda Saner.

Zudem sei sie selbst schon 70-jährig, ergänzt sie lachend. «Ich kenne die Problematik von älteren Menschen. Gerade für alleinstehende Senioren und Seniorinnen gibt es im Alltag viele leere Momente.» Sie bräuchten viel Verständnis und jemand, der sich um sie kümmere. «Altersbetreuung ist sinnvoll, und die Idee mit der Bewegungspatenschaft ist ein gutes Modell zur Umsetzung.»

Ziemlich «zwäg»

Marie Kuster hebt in langsamen Bewegungen ihre Arme, lässt sie wieder fallen. «Das ist gut für die Schulter- und Rückenmuskulatur», erklärt sie die Übung. Im gemütlich eingerichteten Ess- und Wohnzimmer schleicht die weisse Katze «Minouch» geschmeidig umher und springt auf den Stuhl und beobachtet ihre turnende «Meisterin». Jolanda Saner lobt: «Sie machen das sehr gut», und massiert Frau Kuster am Rücken. Auf dem Programm stehen Übungen für die Beweglichkeit, für die Kraft, für die Ausdauer und für die Koordination.

Sie sei halt noch ziemlich gut «zwäg», sagt Kuster. Kein Wunder, war sie doch während Jahrzehnten aktives Mitglied des SAC, hat bis ins höhere Alter noch Berg- und Wandertouren unternommen und war lange Zeit Mitglied des Turnvereins. Ihr Schlafzimmer befindet sich im ersten Stock des kleinen, schmucken Einfamilienhauses in Grenchen. «Meine Kinder haben mir zwar einen Treppenlift montieren lassen, aber meistens meistere ich die Treppen ohne fremde Hilfe», erzählt sie stolz.

Die sportlich und engagiert wirkende Jolanda Saner versteht ihr Handwerk. Sie hat den Zugang zur Seniorin gefunden, sie trifft den richtigen Ton. «Wir haben eine gute Beziehung aufbauen können», was Marie Kuster vollumfänglich bestätigt, ihre Betreuerin umarmend. Saner betreut sie seit rund einem Jahr und besucht sie in der Regel einmal pro Woche für zwei Stunden. Für sie ist Freiwilligenarbeit etwas sehr Wichtiges. «Ohne Freiwilligenarbeit würde unsere Gesellschaft nicht mehr funktionieren und auseinanderfallen», ist sie überzeugt. Was früher innerhalb der Familie selbstverständlich funktioniert habe, fehle heute in den veränderten Familienstrukturen. Deshalb engagiere sie sich mit vollem Einsatz für die von Pro Senectute angebotene Dienstleistung. Sie sagt aber auch, dass Freiwilligenarbeit keine Einbahnstrasse sei. «Auch für die Freiwilligen sind mit der Arbeit sehr positive und wertvolle Erlebnisse verbunden.»

«Ich möchte gerne so lange wie möglich in meinem Haus wohnen bleiben», blickt Marie Kuster nach vorne. Sie weiss aber auch, dass das Thema Altersheim unerbittlich näher rückt. Nicht zuletzt deshalb hat sie sich selbst bei Pro Senectute gemeldet. «Durch einen Zeitungsartikel wurde ich auf das Angebot aufmerksam.» Sie nimmt auch andere Dienste in Anspruch, so etwa die Spitex und den Mahlzeitendienst. Grosse Unterstützung erhält sie zudem von ihren beiden Töchtern, die glücklicherweise in der Nähe wohnen. Ihr Sohn lebt am Genfersee. «Meine Töchter schauen gut zu mir», meint eine gut gelaunte Marie Kuster. Sie nimmt die Hilfe gerne an, insbesondere seit ihr Ehemann vor fast zwei Jahren verstorben ist und einsame Momente im Leben häufiger werden.

Deshalb stehe der soziale Kontakt zwischen der Seniorin und dem Bewegungscoach im Vordergrund. «Wir helfen mit, dass die älteren Menschen möglichst lange fit bleiben», erklärt Jolanda Saner. Es handle sich aber nicht bloss um eine Sportlektion. «Mindestens so wichtig sind die Gespräche.» Dazu eignen sich Spaziergänge ideal. Marie Kuster freue sich jeweils sehr darauf. «Oft steht sie bereits in den Schuhen bereit, wenn ich eintreffe.» Die etwa einstündigen Spaziergänge an der frischen Luft – entweder im Quartier, in der Witi oder der Aare entlang – seien ein wichtiger Unterbruch im Alltag der Seniorin. «Marie Kuster ist mit ihrer aufgestellten Art ein Glücksfall für meine Arbeit», sagt Jolanda Saner und macht die nächste Turnübung vor.