Stadtbummel
Die Ohrfeigen sind verdient

Oliver Menge
Oliver Menge
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Die Ruhe trügt: In Grenchen herrscht ein politischer Kleinkrieg.

Die Ruhe trügt: In Grenchen herrscht ein politischer Kleinkrieg.

Kevin Cahannes

Als die Gastkolumne von Amira Hafner-Al Jabaji, «Grenchen schafft sich selber ab», diese klatschende Ohrfeige für all die Grenchner Wahl- und Abstimmungsabstinenzler, auf der Facebookseite «Du bisch vo Gränche wenn» veröffentlicht wurde, erhielt sie mehrheitlich Zuspruch. Ein Kommentator brachte es auf den Punkt: «Nur werden es leider auch hier wieder die Falschen lesen. Jene nämlich, die sich am Grenchner Leben beteiligen und sich für Grenchen und die Welt interessieren.»

Diejenigen, die sich informieren, sich mit politischen Fragen auseinandersetzen und sich ihre Meinung aufgrund fundierter Sachkenntnis bilden, sind offenbar hier in der Minderheit. Ein anderer Kommentator hegte den Verdacht, dass die Politik unglaubwürdig sei, das hätten die Wahlen in Amerika ja deutlich bewiesen: «Kann ich darauf vertrauen, dass das Wahlergebnis nicht manipuliert wurde?» Trump habe zwar deutlich weniger Wählerstimmen gehabt, sei aber wegen der Wahlmänner trotzdem Präsident geworden. Zu Unrecht? Ja vielleicht. Aber halt: Sind wir in Amerika? Was bitte hat das mit uns zu tun?

Tatsächlich scheint es so, dass sich viele Menschen irgendwie zu verirren scheinen. Meine ganz persönliche Vermutung: Das hat viel mit der Globalisierung der Information zu tun. Auf der Redaktion dieser Zeitung macht man öfters den Witz vom umgefallenen Sack Reis in Indien. Der eigentliche Witz ist aber, dass wir uns tatsächlich von dieser Informationsflut überschwemmen lassen und viele nicht mehr zwischen relevant und unwichtig unterscheiden können. Ist es entscheidend für uns, ob durch den Entscheid der republikanischen Mehrheit im Kongress, Obamacare abzuschaffen, nun bis zu 24 Millionen Amerikaner ihre Krankenversicherung verlieren, die Ärmsten am heftigsten getroffen werden und Reiche unverhältnismässig davon profitieren können? Das ist schlimm, betrifft uns aber nicht direkt. Manchmal wäre es wohl hilfreich, für ein paar Tage die Push-Nachrichten aus aller Welt auszuschalten.

In Grenchen gibt es aktuell einen politischen Kleinkrieg. Der amtierende SVP-Präsident und neu gewählte Grenchner Vertreter im Kantonsrat, Richard Aschberger, gibt sein Amt ab und hat von seinem Fraktionschef Ivo von Büren– der faktisch ihm «unterstellt» wäre – einen Maulkorb erhalten. Steckt mehr hinter der Entmachtung eines aufstrebenden jungen Politikers, der auf kantonaler Ebene Erfolge feiert, als bloss die persönliche Abrechnung eines Polit-Dinosauriers, dem es bei den Kantonsratswahlen nicht ganz so wunschgemäss gelaufen ist? Aschberger hat mehr Stimmen erreicht als von Büren, das steht ausser Zweifel. Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille: Wenn nur jeder fünfte Grenchner Stimmberechtigte wählen ging, stellt sich die Frage, was denkt die «schweigende Mehrheit»? Wäre sie für den Fortschritt und für moderne Sachpolitik? Oder würde sie eher auf das «Altbewährte» und entsprechende Seilschaften setzen? Wir wissen es nicht, die Politiker wissen es auch nicht. Und genau darum sind solche üblen Machtspiele möglich.

Deshalb, liebe Grenchnerinnen und Grenchner: Lasst keine Zweifel offen, sondern geht wählen! Oder abwählen.