Rüti b. Büren
Die Karate-Schwestern: Für Lucia und Gina Bortot ist Karate mehr als nur ein Hobby

Die Schwestern Gina und Lucia Bortot trainieren im nationalen Nachwuchskader des Kampfsports. Sie besuchen beide die Sportklasse an der Kantonsschule Solothurn und trainieren nebenbei 14 Stunden pro Woche.

Daniela Deck
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Karate-Schwestern Lucia und Bortot aus Rüti bei Büren
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Links die jüngere Schwester Lucia, rechts die ältere Schwester Gina.
Die Schwestern sind im nationalen Nachwuchskader des Kampfsports.
Karate-Schwestern Gina und Lucia Bortot aus Rüti bei Büren
Lucia (15) errang beim Kumite Silber.
Lucia (15) errang beim Kumite Silber.
Die beiden Gymnasiastinnen trainieren 14 Stunden trainieren pro Woche.
Bis letztes Jahr trainierten die beiden hauptsächlich in Lyss und seit diesem Jahr in Neuenburg.
Jeden zweiten Mittwochabend trainieren die Schwestern in Magglingen.
Dass solch intensives Training mit der Schule vereinbar ist, verdanken die Bortot-Schwestern den Sportlerklassen an der Kantonsschule Solothurn.
Am Fototermin tragen Gina und Lucia Bortot die Wettkampfkleidung für die Kategorie Kumite (Kampf), lange weisse Sportkimonos.
«Beim Wettkampf trägt immer eine Teilnehmerin rot und die andere blau. So wird sichergestellt, dass die Kampfrichter die Kontrahentinnen nicht verwechseln», erklärt Lucia.
«Beim Wettkampf trägt immer eine Teilnehmerin rot und die andere blau. So wird sichergestellt, dass die Kampfrichter die Kontrahentinnen nicht verwechseln», erklärt Lucia.

Karate-Schwestern Lucia und Bortot aus Rüti bei Büren

Thomas Ulrich

Für Gina und Lucia Bortot aus Rüti ist Karate mehr als ein Hobby. Die Schwestern sind im nationalen Nachwuchskader des Kampfsports. Beide gehören in ihren Alters- und Gewichtsklassen landesweit zu den Besten und haben schon Erfahrungen auf dem internationalen Parkett gesammelt.

Von den Schweizer Meisterschaften letzten November sind sie mit Medaillen heimgekommen: Gina (17) errang in der Disziplin Team-Kata Gold, gemeinsam mit den Zwillingen Amélie und Florence Voegelin; beim Kumite (Zweikampf) Silber und beim Kata (Kampf gegen einen imaginären Gegner) Bronze. Lucia (15) errang beim Kumite Silber.

14 Stunden trainieren die Gymnasiastinnen pro Woche, bis letztes Jahr hauptsächlich in Lyss und seit diesem Jahr in Neuenburg, und jeden zweiten Mittwochabend in Magglingen. Einmal wöchentlich sind sie in Rüti im Feuerwehrmagazin anzutreffen, wo sie mit ihrem Sensei (Lehrer) der ersten Stunde trainieren, dem Grenchner Giovanni Luca.

Verbrechen als Ausgangspunkt

Alles begann 2009, als ihre Mutter, Andrea Bortot, in der Zeitung nach einem Selbstverteidigungskurs für die Kinder und sich selbst Ausschau hielt. Der Hintergrund des Wunsches war der Mord an Lucie, dem jungen Au-Pair, der die Schweiz erschütterte. Fündig wurde die Familie in Grenchen, in der Karateschule. Dass das Karate den Mädchen so gründlich den Ärmel reinziehen würde, hätte die Mutter sich damals nicht vorstellen können. Ihre persönliche Ambition beschränkt sich auf die Stärkung des Selbstbewusstseins durch Selbstverteidigungspraktiken und die Ermutigung der Töchter.

Die Wünsche beider Mädchen gehen viel weiter. Bis hin zu Weltmeisterschaften und Olympia. «Beides ist ein Traum», betont Gina Bortot, «die Teilnahmekriterien sind unglaublich streng. Beim Karate kann die Schweiz nicht einfach eine grosse Delegation an die Olympiade schicken, wie zum Beispiel beim Skifahren.» Trotzdem: Beide Schwestern finden, dass ambitionierte Ziele ihnen helfen, Fortschritte zu machen. Mit Karatelektionen allein ist es ja nicht getan. Hinzu kommt das Ausdauertraining im Cardiofit Solothurn.

Ausgleich zum Kampfsport

Dass solch intensives Training mit der Schule vereinbar ist, verdanken die Bortot-Schwestern den Sportlerklassen an der Kantonsschule Solothurn. Die Schüler haben da weniger Wochenstunden als üblich, dafür dauert der Unterricht ein Jahr länger. Lucia besucht die erste Klasse, Gina die vierte. «Das Sportlergymi ist eine tolle Sache», strahlt Lucia. «Da sind wir unter Gleichgesinnten, mit Kunstturnern, Fussballern, Synchronschwimmerinnen, Volleyballern und so weiter. Alle verstehen die Herausforderungen mit Wettkämpfen und der Disziplin beim Training und alle unterstützen einander.»

Bei allem sportlichen Ehrgeiz, die Bortot-Schwestern pflegen bewusst auch ein Leben ausserhalb der Kampfsportwelt. Gina geht zum Ausgleich reiten, ihre jüngere Schwester Lucia ist mit dem Border Collie einer Nachbarin im Hundesport aktiv. So viel bedeuten ihr Hunde, dass sie sich vorstellen könnte einen Beruf mit diesen Tieren zu ergreifen, zum Beispiel Ausbildnerin für Blindenhunde oder Polizistin. «Beides wäre nur auf dem zweiten Bildungsweg erreichbar und ist deshalb noch weit weg», ist sie sich bewusst. «Vorerst gehe ich zur Schule und mache Karate.»

Karate: Von Tenue, Gürtel und Haaren

Am Fototermin tragen Gina und Lucia Bortot die Wettkampfkleidung für die Kategorie Kumite (Kampf): lange, weisse Sportkimonos. Bei Gina ist der Gürtel blau, bei Lucia rot. Beide Farben haben mit dem Grad ihres sportlichen Könnens nichts zu tun (Lucia hat den dritten braunen Gürtel; Gina den schwarzen Gürtel erster Ordnung von zehn möglichen Stufen). «Beim Wettkampf trägt immer eine Teilnehmerin rot und die andere blau. So wird sichergestellt, dass die Kampfrichter die Kontrahentinnen nicht verwechseln», erklärt Lucia.

Auf die Bitte einer kurzen Vorführung der Disziplin Kata, blicken die Schwestern überrascht an sich herunter und sagen: «Dafür sind wir nicht richtig angezogen.» Diese Wettkampfdisziplin wird mit einer anderen Ausrüstung (kürzere Kleidung, keine Schutzpolster an Händen und Füssen) ausgetragen. Doch dann, nach Absprache einer Choreografie, kommen sie der Bitte nach. Unabhängig von der Kleidung ist ein Unterschied der zwei Disziplinen sofort jedem klar: beim Kata schreien die Kontrahentinnen an vorgegebenen Stellen, beim Kumite kämpfen sie schweigend bis zum Punkte-Schlag. Beide Mädchen haben lange Haare, in einen Zopf geflochten. Wären kurze Haare nicht praktischer? Bei dieser Frage von Laienseite lachen die Sportlerinnen. Dann erklären sie: «Die meisten Frauen, die Karate machen, haben lange Haare, und zwar so lange, dass diese sich gut zusammenbinden lassen. Das ist irgendwie Tradition. Wie die Haare zusammengebunden werden, ist bei Wettkämpfen reglementiert. So ist zum Beispiel die Anzahl der Gummibänder die verwendet werden dürfen limitiert.»

Suche nach Sponsoren

Möglicherweise öffnet Lucia gerade das Hundesport-Hobby die Tür zu einem ersten Sponsoring. Sie sei im Gespräch mit einem Grenchner Geschäft für Hundesportartikel. Ob ein Sponsoringvertrag zustande kommt, werde sich in den nächsten paar Wochen entscheiden, sagt sie.

Gina ist da schon einen Schritt weiter. Vor kurzem hat sie auf der Crowd-
fundingplattform für Sportler «I believe in you» des Solothurner Kanuten und Ex-Olympioniken Mike Kurt erfolgreich ein Projekt abgeschlossen. «Das Geld hat es mir ermöglicht eine neue Wettkampfausrüstung zu kaufen», freut sie sich. «Damit konnte ich meine Eltern ein wenig entlasten. Unser Karate ist ganz schön teuer. Die Ausgaben für Unterricht und Wettkampfgebühren gehen ja noch, aber die Auslandreisen mit Hotels und so gehen ins Geld.»

Dass Karate als Randsportart in der Schweiz ein Schattendasein fristet, bedauern beide Schwestern. Sie finden, dass der Sport Kindern und Erwachsenen eine Menge gibt – Selbstvertrauen, ein gutes Körpergefühl und Zusammengehörigkeit. Gina Bortot engagiert sich in der Nachwuchsförderung. Als Inhaberin des schwarzen Gürtels darf sie bei den Kindern Prüfungen abnehmen.