Die Grenchner Polizeistatistik für das vergangene Jahr 2016 zeigt keine Auffälligkeiten. Die Zahl der Straftaten ist mit 1165 (Vorjahr 1181) rückläufig und die Zahl der ermittelten Fälle stieg sogar von 485 auf 535 an. «Im Jahr 2016 konnte der Bezeichnung ‹Sicherste Stadt› einmal mehr Rechnung getragen werden», schreibt Polizeikommandant Christian Ambühl im Verwaltungsbericht.

Das ist die globale Sicht. Im Detail gibt es aber in Grenchen nach wie vor «Ecken», die als Hotspots für (Klein-)Kriminalität gelten und auf die die Polizei ein spezielles Augenmerk hat. «Das Howeg-Areal gehört dazu, ferner auch das City Nord, die Centralstrasse, und neuerdings ist auch das Postgebäude auf dem Radar aufgetaucht», erklärt Ambühl. In diesen Gebieten der Stadt hat die Polizei überdurchschnittlich viel zu tun. Auffällig sei auch, dass immer öfter «private Probleme nicht mehr selber gelöst werden konnten und das Eingreifen der Polizei nötig war». Auch hätten die Drohungen gegen Beamte spürbar zugenommen.

Pokerrunde ausgehoben

Beim Howeg-Areal und beim City Nord handelt es sich um grosse ehemalige Industrieliegenschaften, die heute als Gewerbepark oder Lager benutzt werden, mit einer Vielzahl Mietern unterschiedlichster Couleur. Erst kürzlich wurde im City Nord ein Club ausgehoben. Dabei hatte die Stadtpolizei Grenchen die Federführung, wie Ambühl erklärt. Aufgrund von Ermittlungsarbeiten der Polizei Stadt Grenchen konnte in der Nacht auf Freitag, 2. Juni, eine Aktion gegen illegales Glücksspiel durchgeführt werden, dabei waren auch zwei Fachkräfte der Kantonspolizei Solothurn im Einsatz. «Wir stiessen in flagranti auf eine illegale Pokerrunde mit 13 Personen», berichtet Ambühl. Es habe sich gelohnt, die Razzia in den frühen Morgenstunden durchzuführen.

Ferner wurden über 6000 Franken Bargeld, Pokerchips sowie illegale Glückspielautomaten sichergestellt. Des Weiteren wurde in den Räumlichkeiten ohne die nötigen Bewilligungen serviert und verkauft. Ähnliche Razzien fanden in früheren Jahren auch schon an der Centralstrasse (Café Moccaflor) und im Howeg-Areal statt.

Rattenschwanz von Kriminalität

Die Frage stellt sich allerdings, ob es wirklich so schlimm ist, wenn sich das Milieu mit illegalem Glücksspiel gegenseitig über den Tisch zieht. Geschädigt werden ja direkt keine Drittpersonen oder höchstens die legalen Lotterien bzw. der Steuervogt.

Der Polizeichef sieht das etwas anders. Die illegalen Wetten zögen oft einen ganzen Rattenschwanz weiterer Kriminalität nach sich. «Das Problem bei diesen Aktivitäten ist, dass oft Geldwäscherei im Spiel ist und es immer wieder zu Drohungen, Erpressung und am Ende auch Gewalt kommt.» Auseinandersetzungen, die das Milieu – das beileibe nicht nur aus Ausländern besteht – oft unter sich regelt. Nur wenn reichlich Blut fliesst, das heisst Rettungsdienste oder Ärzte involviert werden, erfährt die Polizei überhaupt davon.

Andere Frage: Ist es nicht besser, wenn sich die Szenen an den besagten grossen Hotspots «kontrolliert» festsetzen, als wenn sie von dort vertrieben werden und sich kleine Ableger in der ganzen Stadt bilden? Die Polizei weiss dann jedenfalls, wo sie ihre Pappenheimer findet – und der «Normalbürger», wo man besser nicht hingeht.

Auch hier sieht es Ambühl anders. «Wenn ein solcher Hotspot unbehelligt immer grösser wird, spricht sich das herum, und er zieht nach und nach dubiose Leute aus einem immer weiteren regionalen Umkreis an. Auch das ist nicht in unserem Sinne.» Deshalb müsse man diese Szenen unter Kontrolle halten.

Zentrum gefährdet?

Ohnehin drohe die Gefahr, dass sich das Milieu an immer mehr Orten in der Stadt festsetze – «auch im Zentrum allmählich», so Ambühls Befürchtung. Die vielen leeren Räume seien eine Einladung, und die Vermieter schauen nicht mehr so genau, wer sich einmietet. Hauptsache er zahlt.

Schon lange würde Ambühl beispielsweise gerne wissen, was sich hinter den Türen der zahlreichen «Rümli» im Keller der Howeg-Gebäude verbirgt, einer der Liegenschaften auf dem Polizeiradar. Howeg-Besitzer Ernst Müller will da aber keine Hand bieten. «Die Räume sind Privatsphäre, und ohne konkreten Tatverdacht oder gar Vorfälle gelten hier die gleichen Gesetze wie anderswo. Bei Ihnen zu Hause kann ja auch nicht einfach die Polizei reinspazieren und sich nach Belieben umschauen», sagt er.

«Alles videoüberwacht»

Martina Müller, die Tochter von Ernst Müller, die inzwischen in der väterlichen Firma aktiv ist, betont, dass man alles unternehme, damit die Sicherheit gewährleistet sei. «Die hintersten Winkel unserer Zugänge sind mit Video überwacht und die Polizei hat unbeschränkten Zugang zu den Aufzeichnungen, falls dies mal nötig würde.» Zudem versorge man die Polizei schon seit einiger Zeit regelmässig mit einer Liste der Mieter.

Längst sieht es auch nicht mehr so aus wie auf einem Foto, das kürzlich im Zusammenhang mit einem Gerichtsfall in dieser Zeitung publiziert wurde. Müllers haben Millionen in die Liegenschaft gesteckt, nicht zuletzt in die energetische Sanierung und die zweitgrösste Solaranlage der Stadt.

«Sprayereien gibts praktisch keine mehr, und falls doch, werden sie noch am selben Tag übermalt», betont Martina Müller. Über 100 Mieter - Firmen und Private – sind auf dem Howeg-Areal. Von Otto’s über das Migros-Outlet, einer Schreinerei, der Moschee, das Luxory bis zu den eigenen Firmen Meto-Fer und die Seniorenresidenz. «Das Luxory macht keine Partys mehr, sondern nur noch türkische Hochzeiten, und die beiden Clubs haben alle nötigen Bewilligungen», betont Müller.

«Sind keine Rassisten»

Nicht nachkommen will man auch der (meist unausgesprochenen) Forderung, nicht mehr an gewisse Ausländergruppen zu vermieten. «Wir sind keine Rassisten. Wer sich anständig aufführt, darf bei uns mieten.» Müller räumt dabei ein, dass die Mieten auch für Grenchner Verhältnisse günstig seien und eine Warteliste bestehe. «Dies erlaubt uns aber auch, jedem, der nicht spurt, sofort zu kündigen», meint Martina Müller.