Grenchen
Die hohe Kunst des Kannibalismus weiss auf der ganzen Linie zu gefallen

Theater Zürich und Opernhaus Zürich präsentieren eine absurde Version von «Häuptling Abendwind» von Jacques Offenbach im Parktheater in Grenchen.

Oliver Menge
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Offenbachs Häuptling Abendwind
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Das Stück wusste auf der ganzen Linie zu gefallen.
Die Veranstalter hätten sich aber gerne ein etwas zahlreicheres Publikum gewünscht.
Weitere Impressionen von der Operette.

Offenbachs Häuptling Abendwind

Oliver Menge

Manche der Zuschauerinnen und Zuschauer hatten sich vielleicht unter einer Operette von Jacques Offenbach (1819 - 1880) etwas anderes vorgestellt, als das, was sie am Dienstag zu sehen bekamen. Der deutsch-französische Komponist hatte zu Lebzeiten 36 Operetten und drei Opern geschrieben und einen ganz eigenen Stil entwickelt. Seine oft schrägen Geschichten lassen sich nicht mit den Operetten von Strauss oder Léhar vergleichen.

Die einaktige Operette «Le vent du soir ou l’horrible festin» schrieb Offenbach ein Jahr vor seinem grossen Durchbruch mit «Orpheus in der Unterwelt». Weitere bekannte Werke Offenbachs sind «Les deux aveugles», «La vie parisienne» und sein bekanntestes Werk «Hoffmanns Erzählungen». Der österreichische Dramatiker, Sänger und Schauspieler Johann Nepomuk Nestroy, dem die deftige Komik des Stücks gefiel, schrieb eine deutsche Fassung und brachte die absurde Geschichte unter dem Titel ««Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl» mit sich selber in der Hauptrolle auf die Bühne.

Noch etwas absurder

Die Inszenierung des eher selten gespielten Stücks in einer Kooperation zwischen dem Theater des Kantons Zürich und dem internationalen Opernstudio des Opernhauses Zürich, die am Dienstag im Parktheater zu sehen war, entpuppte sich noch etwas absurder, als sich Offenbach die Geschichte ausgedacht hatte: Aussteiger, denen es auf einer einsamen Insel langweilig wird, verkleiden sich als Kannibalen, um einem erfolglosen Naturforscher und Fernsehjournalisten auf der Suche nach der Sensation, die seiner Sendung wieder Schwung verleihen soll, eine Show zu bieten.

Dieses «Spiel» wird dann irgendwie zur Realität, mit Liebeskummer, Verwechslungen, Rache- und anderen Gelüsten, gespickt mit allerlei Bezügen zu aktuellen Themen. Musikalische Verweise auf andere, bekanntere Werke Offenbachs oder Operetten anderer Komponisten – wie zum Beispiel dem Lied «wir laden uns gerne Gäste ein» aus der Fledermaus von Johann Strauss – allerdings mit «leicht» abgeändertem Text – oder dem «Jägerchor» aus dem «Freischütz» von Carl Maria von Weber, liessen das Publikum teilweise sogar Mitklatschen, wie beim finalen «Can Can aus «Orpheus in der Unterwelt».

Katharina von Bock imponierte als «Häuptling-in Abendwind die Sanfte» mit umwerfender Komik, einer irren Bühnenpräsenz und grossem Sprachwitz, Stefan Lahr als weltfremder Naturforscher, stets im Dialog mit dem Publikum. Alina Adamski überzeugte als Abendwinds Tochter Atala, eine «fremdsprachige» und liebestolle Sopranistin erster Güte mit viel Spielfreude und Charme. Boguslaw Bidzinski ging auf in der Rolle des Arthur, des angeschwemmten, jungen Mannes, einem Frisör mit Uniabschluss und illustrer Vergangenheit.

Sein heller Tenor harmonierte ausgezeichnet mit Atalas stupendem Sopran. Seine überdrehte Mutter, Biberhuhn die Heftige, Häuptling-in der Nachbarinsel, gespielt von Fabienne Hadorn, sorgte immer wieder mal für einen Lacher. Auch Abendwinds Köchin, Ho-Gu – vom französischen «haut goût» – Hackebeil schwingend und sehr verfressen, brachte ihre Stimme im Duett mit Atala in der Barcarole «Schöne Nacht, o Liebesnacht» aus Hoffmanns Erzählungen und im erwähnten Lied aus der Fledermaus gut zur Geltung.

Das Instrumentalensemble des Opernhauses Zürich unter der Leitung von Thomas Barthel lebte die matriarchalische Inszenierung förmlich mit, waren die Musikerinnen und Musiker doch ebenfalls auf der Bühne platziert. Hoffmanns schräge Operette, adaptiert von Stephan Benson unter der Regie von Rüdiger Burbach, wusste auf der ganzen Linie zu gefallen. Man hätte sich aber gerne ein etwas zahlreicheres Publikum gewünscht.