Das Fabrikgebäude an der Lindenstrasse atmet den Geist vergangener Grösse: Das ganze Treppenhaus ist behängt mit Fotos von Showgrössen, Film- und Musikstars. Rolling Stone Keith Richards mit einer Fortis-Kunststoffuhr, das Konterfei des chinesischen Schauspielers Jackie Chan und weitere Gesichter, die Glanz und Glamour verströmen. Dazu russische Kosmonauten mit Fortis-Uhren, Jetpiloten oder Erinnerungen an spektakuläre Expeditionen und Weltrekorde, wie den Höhenrekord für Helikopter, bei der die 1912 in Grenchen gegründete Uhrenmarke dabei war. Und mittendrin ein Gemälde von 1945, das den Firmengründer Walter Vogt zeigt. Der Patron hat Fortis 1912 gegründet.

«Gestern war der spanische Kunstflieger Castor Fantoba hier und zeigte sich von der Fortis-Tradition begeistert», erklärt Jupp Philipp. Der deutsche Geschäftsmann, Sohn einer Unternehmerfamilie aus Niederbayern, hat Fortis gekauft, nachdem das Unternehmen in finanzielle Schräglage geraten war.

Er ist soeben Schweizer geworden und wohnt mit seiner Familie in der Ostschweiz. «Zurzeit werde ich aber sehr häufig in Grenchen anzutreffen sein, denn es gilt ein Unternehmen mit grosser Vergangenheit wieder auf Kurs zu bringen», erklärt der 42-Jährige.

Die Familienunternehmung ist gross geworden mit der Produktion und dem Vertrieb von Fruchtaromen- und Konzentraten, die an verschiedenen Standorten in Europa produziert werden. Damit verdient der Unternehmer sein Geld. «Uhren, insbesondere Fortis Uhren, sind eine persönliche Liebhaberei von mir», sagt Philipp zu seiner Motivation, die Firma samt Gebäude zu übernehmen und mit einer Million Franken neuem Aktienkapital auszustatten. Die Firma heisst jetzt Fortis Watches AG.

Persönliche Leidenschaft

Die Leidenschaft für Fortis habe er seinem Bruder zu verdanken, ebenfalls ein Industrieller, der die Luftfahrtindustrie beliefert. Design und Funktionalität der Fortis Uhren hätten ihn von Anbeginn überzeugt, erklärt Jupp Philipp, insbesondere der legendäre Chronograf mit Alarmfunktion. Dass solche Preziosen künftig nicht mehr hergestellt werden, das durfte für den Uhrenfan ganz einfach nicht sein. Fortis Uhren hätten eine treue Fangemeinde, meint Philipp «Erst kürzlich hat sich bei Austria Airlines eine Gruppe Piloten zusammengetan, um bei uns eine spezielle Serie herstellen zu lassen.»

Vision im Team erarbeiten

Ein Geschäft, das noch von der alten Geschäftsleitung eingefädelt wurde. Für Philipp ist klar, dass er an der DNA von Fortis festhalten will. «Die Fliegerei soll sicher unser wichtigstes Thema bleiben», erklärt er. Die Firma sei praktisch schuldenfrei und können «bei Null beginnen.» Darüber hinaus ist noch nicht allzu viel von seinen Zukunftsplänen zu erfahren – sofern diese überhaupt schon bestehen. «Ich bin ein Teamplayer und möchte die Vision gemeinsam mit meinen Mitarbeitern entwickeln. Das geht nicht von heute auf morgen.» Er hat denn auch alle Angestellten der Firma übernommen. Als Unternehmer, für den die Uhrenmanufaktur nicht existenziell ist, sondern Liebhaberei, sicher keine schlechte Strategie.

Mit Lorenz Aebischer wurde denn auch ein Geschäftsführer angestellt, der viel Erfahrung in der Branche hat. Bei Mido, Tissot und zuletzt als Chef der kleinen Marke Auguste Reymond in Tramelan. Auch Aebischer ist überzeugt, dass Fortis wieder abheben kann – «bis in den Weltraum, dort ist der Mars ja jetzt das Thema», sagt er und lacht. Die Kooperation mit der russischen Weltraumbehörde wird also weitergehen. Aebischer betont auch, dass die Lieferungen von Fortis-Uhren jederzeit gewährleistet sind. «Sicher werden wir weiterhin mit dem Fachhandel zusammenarbeiten.» Mittelfristig könnte auch das Internet als Vertriebskanal dazukommen, erklärt Aebischer.

Aebischer (48) wohnt in Lyss. Besitzer Philipp betont, dass es wichtig sei, mit Personal aus der Region zusammenzuarbeiten. «Hier ist ein Uhrenindustrie-Cluster mit einem grossen Erfahrungsschatz. Als quasi Externer ist es für mich wichtig, dass die richtigen Leute am Drücker sind», meint der junge Patron.

Grenchen habe er bis zu seinem neuen Engagement überhaupt nicht gekannt. Allmählich entdecke er die reiche Geschichte der Uhrenindustrie über die Marke hinaus. Nicht zuletzt bezieht Fortis viele Uhrwerke von der ETA, die dann von den eigenen Uhrmachern mit den berühmten Fortis-Komplikationen versehen werden.

Chance für Grenchen

Philipp kann sich sogar vorstellen, dass sich Grenchen vermehrt als Uhrenstadt auch touristisch vermarktet, zusammen mit Fortis und anderen Highlights der lokalen Uhrenindustrie. Doch das ist noch Zukunftsmusik, denn zuerst müssen die Geschäfte wieder laufen. Vornehmlich im an die Schweiz angrenzenden Europa, dem heutigen Kerngebiet der Marke. Aber auch die Märkte Fernost oder USA wolle man vermehrt bearbeiten. Übrigens könnte der repräsentative Showroom an der Lindenstrasse fast als Markenboutique durchgehen. «Wir haben zwar hier keine Verkaufsinfrastruktur, aber wenn jemand vorbeikommt, um eine Uhr zu kaufen, werden wir ihn nicht nach Hause schicken», meint Philipp augenzwinkernd.