Grenchen

Die 5. Kulturnacht übertraf die Erwartungen bei Weitem

Diese Zeitung hatte behauptet, ein lückenloser Genuss aller Programmpunkte sei angesichts des gedrängten Programms am Samstag unmöglich. Ein Selbstversuch hat gezeigt: Gelogen war das nicht, aber gelohnt hat es sich allemal.

Um 14 Uhr geht’s los: Im Kultur-Historischen Museum warten Monika Bruder, Rosemarie Dietrich und Carole Coretti auf Kinder, die gerne Schatzkisten basteln. Nur gerade zwei tauchen auf, in Begleitung ihres Grosmamis. Doch: Wo sind die Buttons, die den Einlass in die diversen Lokalitäten erlauben? Jemand vom Organisationskomitee wird sie wenig später noch vorbeibringen und sie werden innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft sein.

Vor dem Parktheater ist ein Kommen und gehen: Die Band «Lia sells fish», Christine Hasler mit ihren Musikern, die als letzter Programmpunkt – die Partys im Baracoa und der Centro Lounge mal ausgenommen – in acht Stunden auftreten soll, ist als erste angekommen, André von Arb von «Ava Sound + Light» montiert die letzten blauen Scheinwerfer, um den Lokalitäten die Farbe der Kulturnacht Grenchen zu verleihen.

Nach und nach treffen die Gäste fürs Eröffnungsapéro im Garten ein. Gemeinderäte und -rätinnen, Vertreter der Stadt, Kulturinteressierte. Nur die Sponsoren fehlen, als die Stadtmusik unter der Leitung des neuen Dirigenten Dimitri Vasylyev ihr erstes Stück spielt. Stadtpräsident François Scheidegger ruft in Erinnerung, dass jetzt alles anders sei. Die Stadt hat die Verantwortung für die Kulturnacht einer privaten Trägerschaft übertragen und auch das finanzielle Engagement fällt kleiner aus, als vor drei Jahren. Myriam Brotschi Aguiar begrüsst im Namen des OK’s und wünscht eine gute, interessante Reise durch Grenchens vielfältiges Kulturschaffen.

Die Stadtmusik überrascht – ein erstes Highlight. Als das Guggisberglied schwermütig durch den Garten klingt, wird es leise, die Gespräche ersterben, Hühnerhaut pur. Das hätten einige der Zuhörer der Formation nicht zugetraut. Ein 80er-Medley mit Michael Jackson, Rocky Balboa’s «the eye of the tiger» und Bon Jovi reisst mit.

Der Start ist geglückt, das OK besammelt sich zum Gruppenfoto – man und frau beliebt zu sitzen, eigentlich ganz untypisch für die doch sehr aktiven Organisatoren der 5. Grenchner Kulturnacht.

Nächste Station: Kleintheater. Das Kindertheater Blitz zeigt eine Kurzversion ihres Stücks «ds warmä Härz». Fantasia mit seinen versteinerten Bewohnern muss gerettet werden. Ein Zauberer schickt die «Retter» auf eine grosse Reise, um die Zutaten für den Zaubertrank aufzutreiben. «Es Hoor vomene Iisbäre-Ohr, es Iisbäreohrhoor», einfach köstlich, die Kids machen das ausgezeichnet.

Dank Elektro-Trotti rechtzeitig im Parktheater angekommen, ist der Musical-Liebhaber gespannt, was Viviana Cali und Tom Muster, beide mit Preisen der Stadt ausgezeichnet, zu bieten haben. Die Show beginnt verhalten, Tom betritt die Bühne mit einer jungen Frau, er singt für sie und sie stirbt in seinen Armen – oder schläft sie bloss? Am Flügel spielt Nadine Purtschert. Dann wirbelt die junge Grenchnerin über die Bühne. Kaum ist der Applaus verklungen, erheben sich im Publikum wütende Menschen in Schwarz. Sie singen von Revolution und Gerechtigkeit, Gänsehaut pur! Ab da geht die Post ab: Tom, der in Luzern Musik und Gesang studiert, hat Freunde und Mitstudentinnen und -studenten mobilisiert und seit Mai geprobt, Viviana hat die Choreografien geliefert. Die 18-köpfige Gruppe tanzt und singt Ausschnitte aus Fame, Les Miserables, Tanz der Vampire, Sister Act und Aida. Ein Feuerwerk von höchster Qualität, mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz und die Überraschung schlechthin, weil niemand, auch nicht die Leute vom OK, mit so etwas gerechnet hätte. Und die, die’s wussten, haben den Mund gehalten. Das Publikum im proppenvollen Theatersaal ist begeistert, der Schreiberling hin und weg.

Zurück im Kleintheater – eigentlich wäre das Autorengespräch im Kunsthaus geplant gewesen, aber eben, die Jungs und Mädels haben grausam überzogen, da reichte die Zeit einfach nicht – steht Fernöstliches an: Granges Melanges präsentiert «Tamilar Nalanpuri Sangam», so der Titel der Gesangs und Tanzshow aus Sri Lanka. Ungewohnt, fremd und doch faszinierend. Vor allem, weil die junge Präsentatorin akzentfrei in Deutsch erklärt, um was es da geht. Dem Publikum gefällt’s. Mittlerweile ist es 18.20 Uhr .

Im Kultur-Historischen Museum hat Angela Kummer eine Schar Interessierter um sich geschart und erklärt ihnen auf der Führung durchs Haus, wie früher inventarisiert und gesammelt wurde und wie das ein modernes Museum heute tut. In der Stadtbibliothek fragt Autor Peter Brotschi etwas nervös, wieviel Uhr es sei. Es ist seine zweite Lesung an diesem Nachmittag, 20 Minuten seien knapp, er müsse pünktlich beginnen. Tatsächlich vergeht die Zeit wie im Fluge bei Brotschis Beschreibung der Zeit, in der sein erster Roman «Biders Nacht» angesiedelt ist.

Im Parktheater haben die Rapper von City Nord sich mit dem Loonote Club zusammengetan, zu deren Kollektiv sie gehören, wie es im Programmbüchlein heisst. Die Musiker legen einen groovigen Soundteppich. Schade nur, ist von den intelligenten Texten der Preisträger aus Grenchen bei der ungeeigneten Akustik des Theatersaals nur wenig zu verstehen.

Zeit, den knurrenden Magen zu besänftigen. Vor dem Lindenhaus sind Pizzaiolos am Werk, vor der Stadtbibliothek gibt’s Gyros. Im Restaurant Parktheater werden die ersten Erfahrungen ausgetauscht. «Canta Gaudio, schön haben sie gesungen – das Autorengespräch im Kunstmuseum war interessant – mir gefällt halt das Volkstümliche von den Bärgbrünneler – also die Zither von Rolf Mühlemann, die war toll– Zoey: schade, musste sie sich gegen den Soundcheck durchsetzen, aber die hat’s drauf mit 14 – Eric Nünlist war ausgezeichnet, wie immer – Vocal Solicant: So geht a Capella, davon sollte man mehr hören können ...»

Jürg Halter liest. Nein, er zelebriert seinen Text, das Lachen bleibt irgendwie im Hals stecken bei so viel schwarzem Humor. Jeder ist irgendwie Kaspar – grossartig, aber am falschen Ort. Die Distanz zum Publikum ist im Theatersaal zu gross.

Ortswechsel: Im Kunstmuseum nimmt das Stadtorchester sein Publikum auf eine Reise durch Grossbrittannien und Irland. Die Querflötistin kann ihr Können so richtig zur Geltung bringen und Dirigent Rouwen Kronenberg hält sich nicht mit langen Erklärungen auf. Die Musik spricht für sich.

In der Musigbar spielt Liedermacher Ruedi Stuber ein Lied, in das er das Leben einer 90-jährigen Flumenthalerin gepackt hat. Ergreifend. Und gleich darauf sitzt der Schalk in seinen Augen bei einem seiner George Brassens nachempfundenen Lieder.

Einen Stock tiefer im Pub spielen wenig später «the 2 of us». Ihr Motto, «Reduce to the max» setzen sie perfekt um, eine wirklich tolle Performance.

Zurück im Parktheater haben «Lia sells fish» einen schweren Stand. Ihre harten, teils experimentellen und intelligenten Rocksongs vermögen im nur etwa zur Hälfte besetzten Theatersaal nur einen Teil des Publikums zu begeistern. Einige verlassen den Saal, andere lassen die Urgewalt der energetischen Sängerin über sich ergehen. Wieder andere können sich kaum auf den Sitzen halten und möchten am liebsten abtanzen. Die Sängerin Christine Hasler polarisiert – und das ist gut so.

Zeit, um im Baracoa an der 80er-Jahre Party mit DJ Horse bei Mehmet Polat noch etwas abzuhängen. Die Stimmung ist gut, die Musik gefällt. So kann man die 5. Grenchner Kulturnacht ausklingen lassen.

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