Staad
Der Weihnachtsbaum braucht seine Anpassungszeit

Auf dem Hof der Familie Sperisen in Staad findet jedermann seinen Wunschbaum rechtzeitig vor Weihnachten.

Oliver Menge
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Heidi und Peter Sperisen bereiten die Tannen für den Verkauf vor, Vreni Kocher ist ebenfalls im Verkauf tätig.

Heidi und Peter Sperisen bereiten die Tannen für den Verkauf vor, Vreni Kocher ist ebenfalls im Verkauf tätig.

Oliver Menge

Heidi und Peter Sperisen und Schwiegersohn Daniel Heiniger hatten in den letzten Tagen und Wochen alle Hände voll zu tun. Denn traditionsgemäss kommen die meisten Leute kurz vor Weihnachten auf den Hof in Staad, um sich ihren Weihnachtsbaum auszusuchen. Rund 3000 Bäume verkaufen Sperisens pro Jahr in der Weihnachtszeit, allein gut ein Viertel davon geht zu Migros Aare. Etwa die Hälfte wird direkt an die Kundschaft verkauft. Den grossen Ansturm erwarten sie morgen Samstag.

Auf rund fünf Hektaren wachsen die Bäume, ein Teil in Arch, der Rest in Staad, beim Tennisplatz und beim Egelsee. Den grössten Anteil machen die Nordmanntannen aus. Daneben ziehen Sperisens Rot- und Weisstannen, Blaufichten, Korktannen und Coloradotannen. «Für uns Detailhändler ist diese Vielfalt wichtig, um uns im Wettbewerb gegen die Grossverteiler behaupten zu können.» Im Gegensatz zu den pflegeleichten Nordmanntannen sind Weisstannen und Korktannen eher schwierig zu ziehen: «Die Weisstannen lieben den Schatten. Stehen sie auf offenem Feld, werden sie oftmals gelb.» Aus diesem Grund werden sie ausschliesslich in Arch grossgezogen, wo sie am Waldrand ausgezeichnete Bedingungen finden.

Korktannen sind noch aufwendiger in der Aufzucht: Die Ausbeute sei eher mager, sie müssen zur Korrektur geschnitten werden, um ein gleichmässiges Wachstum und einen gleichförmigen Wuchs zu erhalten. Sein Schwiegersohn sei ein wahrer Fachmann auf diesem Gebiet, sagt Sperisen. Das Resultat kann sich sehen lassen: Die IG Suisse Christbaum verlieh letztes Jahr einer 2-Meter Korktanne vom Hof Sperisen den 1. Preis als schönster Christbaum der Schweiz in der Kategorie «alternative Weihnachtsbäume».

Viele enden als Holzschnitzel

Nicht jeder Setzling, der gepflanzt wird, endet als Weihnachtsbaum in einem Wohnzimmer, erklärt Sperisen. Rund 60% der Bäume können verkauft werden, der Rest wird aus den Kulturen herausgeschnitten und gehäckselt. «Frostschäden, welche den jungen Bäumen im Frühling zusetzen, Hagelschäden, Schädlinge – es gibt viele Ursachen dafür, dass ein Baum nicht so wächst, wie wir uns das wünschen.» Einen kleinen Teil machen die «Verwachsenen» aus, Bäume, die man stehen lässt und die von manchen Leuten speziell ausgesucht werden, um ihnen als edel dekorierte Christbäume «ein schönes Ende zu bereiten».

Damit eine Tanne rund einen Meter hoch werden kann, braucht es Jahre: rund 5 Jahre bei einer Rottanne, rund 7 Jahre bei einer Nordmanntanne. Ein Zwei-Meter-Baum ist rund 12 bis 13 Jahre alt. Das bedingt im Weihnachtsbaumgeschäft auch eine langfristige Planung, da die Kunden verschieden grosse Bäume verlangen. «Wir müssen von allem etwas da haben.»

Die Bäume brauchen auch übers Jahr hindurch Pflege, Sperisens haben das ganze Jahr hindurch zu tun: Anfang Jahr werden schlechte oder kranke Bäume rausgeschnitten. Im März werden neue Bäume gepflanzt, April und Mai werden Vogelschutzstäbe angebracht, damit sich Vögel nicht auf die Triebe setzen und diese abdrücken. Im Sommer kann man korrigierend eingreifen: In manchen Fällen, wenn zum Beispiel der Trieb an der Spitze nicht wie gewünscht wächst, kann man einen Seitentrieb hochbinden, die anderen Seitentriebe abschneiden und so eine neue Spitze kreieren. Oder man hemmt das Wachstum der Spitze mit einer Spezialzange etwas, wenn diese zu lang geraten ist. Im August beginnt man bereits mit der Etikettierung nach Art, Grösse und Qualität. Auf Plänen wird dann vermerkt, welcher Baum wo steht. Und im Oktober werden die ersten Bäume geschnitten und geliefert. «Das sind meist Dekorationsbäume von vier oder mehr Metern Höhe.»

Bereits im November beziehen die Grossverteiler den grössten Teil ihrer Weihnachtsbäume. «Wir könnten den Bedarf von Migros Aare alleine nicht decken, sondern arbeiten mit insgesamt neun Produzenten zusammen, deren Vertrieb ich organisiere», erklärt Sperisen. Sowohl Migros als auch Coop setzten auf inländische Produktion und verzichteten grösstenteils auf die teils billigere ausländische Ware. Aber ihr Angebot beschränke sich auf Nordmanntannen und Rottannen. Spezialitäten wie Blaufichten, Colorado oder Korkfichten finde man nur auf dem Hof, wo die Bäume auch frischer seien.

«Eigentlich wäre es klug, die Bäume nach der Mondphase zu schneiden», erklärt Sperisen. Denn Untersuchungen haben gezeigt, dass Bäume, die bei abnehmendem Mond geschnitten werden, länger haltbar sind. «Früher hat man in Schreinereien noch darauf geachtet, weil Bauholz, welches in dieser Mondphase geschlagen wurde, weniger arbeitet und stabiler ist.» Das gelte auch für Weihnachtsbäume. Aber das sei heutzutage kaum noch umzusetzen: «Wir müssten all unsere Bäume innerhalb von zwei Tagen schneiden und vorbereiten, das ist schlicht unmöglich.»

Wer kauft welchen Baum?

Die Vorlieben sind unterschiedlich: Viele der Kunden kämen mit ganz konkreten Vorstellungen, sowieso was die Grösse des Baumes betreffe. «Schliesslich wissen sie, wohin sie den Baum stellen wollen und wie viel Platz sie dafür haben», erklärt Sperisen. Manche Kunden würden aber auch vor Ort auf dem Hof entscheiden, welche Art von Baum sie kaufen wollen. «Deshalb müssen wir in diesen Tagen eine gute Auswahl hier haben und fahren täglich in die Baumkulturen, um neue Bäume zu schneiden.» Nordmanntannen haben weiche Nadeln und verlieren diese weniger schnell. So auch die Korktannen. Blaufichten hingegen haben spitze, stechende Nadeln, verlieren diese aber ebenfalls weniger schnell. Aber auch Weisstannen seien beliebt, vor allem weil man diese bei den Grossverteilern nicht mehr finde.

Alle Weihnachtsbäume verlieren früher oder später die Nadeln. Aber Fachmann Sperisen weiss auch, wie man einen Baum länger frisch hält, und hat einige wertvolle Tipps. Das Wichtigste: «Der Baum braucht viel Wasser und Zeit, um sich anzupassen. Wenn man ihn direkt aus der Kälte ins warme Wohnzimmer stellt, verliert er die Nadeln rascher, als wenn man ihn zuerst etwas angewöhnt, in den Wintergarten oder auf den geschützten Balkon stellt.» Bei den aktuellen warmen Temperaturen sei das allerdings weniger ein Problem als in anderen Jahren.

Und was für ein Baum steht an Heiligabend bei Sperisens im Wohnzimmer? «Das weiss ich nicht, dafür ist meine Frau zuständig», sagt Peter Sperisen. Gut möglich, dass sie sich schon einen Baum ausgesucht habe, er lasse sich überraschen.