Grenchen

Der Wahnsinn wird zum Programm in Kleintheater Grenchen

Professor Bleichenmoser. om

Professor Bleichenmoser. om

Der Kabarettist und Zauberkünstler Michel Gammenthaler verwandelte das ausverkaufte Grenchner Kleintheater kurzerhand in die Mensa einer psychiatrischen Klinik.

Gammenthaler hat sich auf den Auftritt im Kleintheater gefreut, sein Respekt vor dem Grenchner Publikum, das als anspruchsvoll, ja geradezu schwierig gilt, ist gross. Wie also anfangen? Der «Anfang» entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Prompt geht der erste Zaubertrick in die Hose und Gammenthaler erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Szenenwechsel, sechs Monate später. Gammenthaler soll in der Mensa der psychiatrischen Klinik Bellevue vor einem ausgesuchten Publikum, ehemaligen Mitgliedern von Selbsthilfegrüppchen und Ermüdungs-Depressiven, sein Programm spielen und damit den letzten Teil seiner Entstressungs-Therapie absolvieren.

Zehnernoten-Trick

Fürs «Vorprogramm» wurden Menschen aus seinem Umfeld aufgeboten, wie der österreichische Professor Berti Kubizki Bleichenmoser dem Publikum erklärt: Der quirlige und etwas neben seinen Schuhen stehende Stadtschamane Volker Hagemann, der einen Entfesselungstrick zeigt, der nie und doch immer gelingt, der tuntige Lebensberater Serge Widmer, der verzweifelt einen Zaubertrick vorführen will, für den es elf Zehnernoten braucht, die beim mehrmaligen Abzählen aber immer wieder zu zehn, zwölf oder gar dreizehn Noten werden.

Und Hedi Hediger, die alte Frau, welche gar nicht aufs Maul gefallen ist und nicht mit «frauenfeindlichen» Witzen zurückhält, die sie als Frau ja auch machen darf. Auch ihr gelingt ein Zaubertrick ihres verstorbenen Gatten Walti. Doch alle psychiatrischen Massnahmen helfen dem Kabarettisten nicht aus der Misere, der Professor selber wird von der Magie heimgesucht und zum Patienten.

Erst die Parapsychologie kann es richten: Der düstere Wahrsager Dimitri Banocek hat Gammenthaler durch kirgisisches Kampfschröpfen geheilt – und Besitz von ihm ergriffen. Der Original-Gammenthaler tritt auf, erlebt ein Déjà-vu und entscheidet sich – Am Schluss seiner Geschichte – für einen anderen Anfang, der zum Erfolg führt: Der Zaubertrick gelingt, noch besser und noch verblüffender.

Publikum muss auf die Bühne

Michel Gammenthaler begeisterte mit seiner Geschichte das Grenchner Publikum und zog alle Register seines Könnens: Mit einem Minimum an Requisiten schlüpfte er in seine verschiedenen Figuren und stellte diese treffend und schauspielerisch perfekt dar. Die jeweiligen Dialekte waren immer passend, sein Wortwitz und seine Spontaneität sagenhaft: Zufällig hiessen am Samstag zwei der beteiligten Zuschauerinnen Vreni, «also das muss doch einen ‹vrenetischen› Applaus geben».

Das Publikum wurde mehr oder weniger freiwillig auf die Bühne geholt und einbezogen. Gammenthalers fantastische Zaubertricks waren dabei nur Nebensache, aber eben: fantastisch. Er erzählte von Erlebnissen, die jedermann widerfahren können, zum Beispiel die Sache mit dem Kollegen, dessen Name einem partout nicht einfallen will, was den «Archivzwerg» im Hirn zur Verzweiflung bringt. Aber auch Sprachpausen hatten Methode: Das Kramen nach Zauberutensilien in der Handtasche der alten Frau dauerte ewig, schliesslich war sie «innen drei Etagen tief». Das zutage geförderte Sugus hatte dann auch seine eigene, witzige Geschichte. Die Pointe war schlicht sensationell.

Gammenthaler gehört zweifellos zum Besten, was die Kleinkunst im deutschsprachigen Raum momentan zu bieten hat. Der mehrfach ausgezeichnete Kabarettist überzeugte das Grenchner Publikum und man darf sich dieses Jahr auf seine Auftritte im Circus Knie freuen.

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