Autostadt Grenchen
Der VW 411 LE Variant ist das Gelbe vom Ei in der Autosammlung

Matthias und Peter Schär aus Grenchen haben schon etliche deutsche Automobile wieder instand gestellt. Ihr letztes Projekt: Ein seltener VW 411 LE Variant, Jahrgang 1969.

Oliver Menge
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Ein Blick in die Halle von Matthias und Peter Schär.
35 Bilder
Das erste Auto von Matthias Schär, ein Ford
Der goldene Käfer von Peter Schär
Golf 1 GTI 1,6, eine Rarität
Autostadt Grenchen: Matthias und Peter Schär
So sah der Wagen noch vor dem Umbau aus. Äusserlich war er in einem gutem Zustand.
Die Typenbezeichnung
Der seit 1972 ungültige Ausweis
Ein wenig Rost
Die Bremsen komplett verrostet
Bremse, Gas und Kupplung, komplett kaputt
Die Stossdämpfer sind durch
Die Kotflügel werden abmontiert, die Stossdämpfer ersetzt
Mechanische Teile müssen ersetzt werden
Vorbereitung zur Carrosserie-Behandlung
Lampen sind montiert.
Umbau der Felgen von vier auf fünf Loch und Montage der Porschefelgen.
Die alten Felgen
Umbau der Felgen von vier auf fünf Loch und Montage der Porschefelgen.
Umbau der Felgen von vier auf fünf Loch und Montage der Porschefelgen.
Die Porschefelgen
Umbau der Felgen von vier auf fünf Loch und Montage der Porschefelgen.
Umbau der Felgen von vier auf fünf Loch und Montage der Porschefelgen.
Die Front ist markant
Doppelscheinwerfer
Ein Blick ins Cockpit
Damals trugen die Wagen noch das Wolfsburg-Emblem
Das Armaturenbrett
Das nächste Projekt der beiden
Da gibt es viel zu tun
Der aufgebockte Motor des 2. Variants
Polstersessel
Vorne ist der Kofferraum
Hinten der Motor
Alles mechanisch

Ein Blick in die Halle von Matthias und Peter Schär.

Oliver Menge

Die Qual der Wahl fällt schwer, wenn man in der Halle von Peter und Matthias Schär steht: Neben einem silbergrauen Golf 1 GTI aus dem Jahr 81 steht ein Buggy, der auch schon die Veteranenprüfung abgelegt hat. Dahinter ein oranger Ford, ein Mercedes Cabrio, ein brauner Opel Manta, ein weisser VW Käfer. Im vorderen Teil der Halle nochmals ein Käfer, golden, vor der Halle ein rotes Käfer-Cabrio und und und.

Mehr als 15 Fahrzeuge sind zu sehen. Es handelt sich aber nicht um eine Autoausstellung, sondern die Passion von Vater und Sohn manifestiert sich hier: Autos, die meisten von deutschen Herstellern, werden hier wieder auf Vordermann gebracht. Auf einem Gestell an der Wand reiht sich eine grosse Anzahl an Ersatzteilen, die im Lauf der Jahre zusammengekommen sind.

Der Exot in der Halle

Autostadt Grenchen

Der Umstand, dass im letzten Jahr in Grenchen das 10 000. Auto eingelöst wurde, veranlasst uns, näher hinzuschauen. Wir wollen einige der besonderen Fahrzeuge vorstellen, die auf Grenchens Strassen unterwegs sind. Heute sind wir bei den Schärs und ihren Deutschen.

Bisher erschienen:

- Der Jaguar SS von Urs Lerch aus dem Jahr 1937.

- Fiat 126 von Alex Kaufmann mit Jahrgang 81.

- Der Rolls-Royce Phantom von Mathias Mühlemann.

- Der Morgan Three Wheeler von Daniel Graf

- Der Tesla von Rudolf Feller

Ins Auge sticht dann aber doch ein eher spezielles Fahrzeug, sowohl von der Farbe wie von der Form her: Ein gelber VW 411 LE Variant, Jahrgang 1969. Den Wagen hat Matthias Schär vor drei Jahren für 2500 Franken erstanden. Seit 1972 stand das eher seltene Fahrzeug in der Garage eines Bekannten in Grenchen, mit nur 25 000 Kilometern auf dem Tacho. Vor dieser Zeit war er offensichtlich im Aargauischen unterwegs. «Wir wollten den Wagen mehr oder weniger in dem Zustand belassen, in dem er war, ein Auto, das gelebt hat», so Matthias Schär.

An der Carrosserie seien denn auch nur kleinere Ausbesserungen nötig gewesen. An den Kotflügeln habe man Rostausbesserungen vornehmen müssen, und auch am Motor sei ausser neuen Abdichtungen und einer neuen Kupplung nichts gemacht worden. Aber der ganze mechanische Teil, die Bremsanlage, alle Stossdämpfer, die Achsen und die Aufhängung sowie alle Leitungen, Schläuche und Gummiteile musste man ersetzen. «Wir mussten die Ersatzteile suchen, denn dieses Modell war schon damals ein Exot, an dem sich VW fast ‹überlüpft› hat. Es verfügt über einen luftgekühlten Heckmotor, analog zum Käfer. Aber im Gegensatz zu diesem handelte es sich um einen Einspritzmotor mit 80 PS.»

Die Einspritzung erfolgte über eine Einspritzanlage von Bosch, der ersten ihrer Art, mit der Garagisten damals leicht überfordert waren. Auch sie hätten sich zuerst in die Materie einarbeiten müssen, sagt Matthias Schär. «Die D-Jetronic war 1967 die erste elektronische (druckgesteuerte) Mehrpunkt-Benzineinspritzanlage (Multipointeinspritzung) für Viertakt-Ottomotoren von Bosch», heisst es bei Wikipedia. Sie wurde in nur drei Serienmodellen von VW eingebaut sowie im Porsche 914/4. Die D-Jetronic wurde später durch andere Einspritzsysteme abgelöst.

Darüber hinaus verfügte der Variant über eine hydraulische Kupplung und eine Kugelumlauflenkung, die fast kein Spiel hatte. «Das war Hightech für die damalige Zeit», so Schär. Aber: Die Heizung reichte für den relativ grossen Innenraum nicht aus, also wurde das Modell serienmässig mit einer Standheizung ausgerüstet.

Fast alles ist original

Geschätzte 1000 Arbeitsstunden innert sechs Monaten und Ersatzteile für etwa 8000 Franken steckte Schär in den 411er. «Am Innenraum mussten wir praktisch nichts machen, sauber rausshampoonieren, und damit hat sichs.» Denn als Luxusvariante des Modells verfügte der VW über Stoff-Polstersessel, im Gegensatz zu den üblichen Kunstledersitzen. Nicht mehr original sind die Felgen: Schär baute die Bremsanlage von 4-Loch auf 5-Loch um und montierte Porsche-Felgen, aber auch aus der damaligen Zeit.

Schär ist ab und zu mit dem Wagen unterwegs, sei es auf Ausfahrten mit der Familie im geräumigen Kombi mit viel Platz, sei es zu VW- oder Oldtimertreffen. «Der Wagen fällt schon sehr auf und viele Leute schauen mir nach, wenn ich vorbeifahre», so Schär.

Der 411er ist heute eine Rarität: «Schätzungsweise 12 solcher Fahrzeuge sind noch in der Schweiz eingelöst.» In ein paar Monaten kommt wohl ein weiteres dazu: Ein rotes Modell steht nämlich in der Halle der Schärs, der Motor daneben auf einem Bock. Das nächste Projekt von Vater und Sohn.

Zwei Autoverrückte restaurieren «Deutsche»

Vater Peter Schär, 67, ist gelernter Automechaniker, hat mehrere Weiterbildungen absolviert und war zuletzt bis zu seiner Pensionierung Produktionsleiter bei Mecaplex Grenchen. Sein erstes Auto war zwar ein Renault 4, aber schon bald fuhr er einen Käfer.

Er begann, Käfer zu sammeln, sie auszuschlachten und wieder herzustellen. Noch heute nennt er einen goldenen VW Käfer 1303 sein eigen, ein wunderschönes Exemplar mit edlem Lederinterieur, mit dem er an zahlreichen Ausstellungen und Treffen teilnahm.

Später ist sein Sohn Matthias in seine Fussstapfen getreten. Der gelernte Polymechaniker, der die Weiterbildung zum Eidg. Dipl. Industriemeister im Maschinen- und Apparatebau absolviert hat und bei der ETA arbeitet, war schon als kleiner Bub fasziniert von den Autos und der Werkstatt. «Manchmal musste ihn seine Mutter dreimal am Tag frisch anziehen, weil seine Kleider so verdreckt waren», erzählt Peter Schär schmunzelnd. Heute, mit 35 Jahren ist Matthias die treibende Kraft und restauriert die alten Deutschen, aber Vater Schär ist oft in der Werkstatt anzutreffen.

«Früher war es viel einfacher, die Autos zu bekommen. Mittlerweile verlangen sie schon für Rostlauben ein Heidengeld, nur weil sie alt sind.» Schär findet die Autos auf Online-Plattformen oder über Kollegen.

Seinen ersten Wagen erhielt Matthias Schär geschenkt: Den orangen Ford hatte sich ein Bekannter zum 60. Geburtstag gekauft und ihn bis 80-jährig gefahren. Dann habe er beschlossen, nicht mehr Auto zu fahren und ihn gegen eine Flasche Wein eingetauscht. Auch sein zweites Fahrzeug, einen braunen Opel Manta, erhielt Schär geschenkt. «Ich war damals in der Lehre und habe wenig verdient. Der Wagen sollte 1000 Franken kosten, zu viel für mein Budget. Aber zwei Wochen später rief der Garagist mich an und sagte, ich müsse den Wagen bis Ende Woche abholen, dann koste er mich nichts. Sonst werde er verschrottet.»
Beide Wagen stehen auch in der Halle der Schärs, zurechtgemacht, fahrtüchtig und geprüft. (om)