Was im benachbarten Ausland und in den USA schon längst Norm ist, soll in absehbarer Zeit auch in der Schweiz möglich sein: Flugplätze, auf denen sowohl im Instrumentenflugverfahren (IFR) als auch im Sichtflugverfahren (VFR) geflogen wird, sollen künftig ohne Air Traffic Control (ATC), also ohne Flugverkehrskontrolle auskommen.

Stattdessen soll eine Radio Mandatory Zone (RMZ) eingerichtet werden, eine Zone, in der die Piloten an vorgegebenen Meldestellen über Funk sogenannte Blindmeldungen absetzen, ohne dass sie von Fluglotsen in einem Tower separiert und eingewiesen werden.

Jeder Pilot gibt den anderen Piloten so Auskunft über seine Position und seine Absichten. Am Dienstag präsentierten Ernest Oggier, Direktor der Regionalflugplatz Jura-Grenchen AG (RFP), René Meier, ehemaliger Flughafenchef und Verantwortlicher in diversen Bereichen des RFP in seiner Funktion als Projektleiter sowie Jürg Hänni, Head of Operational Relations and Special Tasks bei Skyguide, das Pilotprojekt, das Ende Monat beginnen soll.

Ernest Oggier, Direktor Regionalflugplatz Jura-Grenchen AG, erklärt, worum es beim Pilotprojekt geht

Ernest Oggier, Direktor Regionalflugplatz Jura-Grenchen AG, erklärt, worum es beim Pilotprojekt geht

Eine Premiere für die Schweiz. Und ein an und für sich völlig normales Vorgehen, wie es schon jetzt auf vielen Flugplätzen und Flugfeldern im Ausland ohne Tower üblich ist. Neu daran ist lediglich, dass dieses Verfahren nun auch auf den Instrumentenan- und abflug ausgeweitet wird – dafür musste man erst die Schweizerische Gesetzgebung anpassen. Denn bisher setzte IFR die Kombination mit einem Tower voraus.

Vor 8 und nach 18 Uhr

Auf dem Regionalflughafen Grenchen soll nun während eines Jahres das neue Verfahren validiert werden. Zu Randzeiten, also vor 8 Uhr und nach 18 Uhr, wenn wenig Flugbetrieb herrscht, ist der Tower ab 30. März nicht mehr besetzt und Grenchen wird zu einer Radio Mandatory Zone. In Zeiten mit viel Luftverkehr, von 8 Uhr bis 18 Uhr, ändert sich nichts, Skyguide-Mitarbeiter im Tower regeln den Flugverkehr und geben über Funk die Anweisungen, erklärte Oggier.

Die Gründe, ein neues System zu testen und eventuell später definitiv auf manchen Flugplätzen einzuführen oder gar auszuweiten, sind vielfältig. Projektleiter René Meier brachte es auf den Punkt: «Im Grunde arbeiten wir an der Abschaffung der Flugverkehrsleiter». Insbesondere für Regionalflughäfen sind die Kosten für die Flugsicherung zu einem echten Problem geworden und man ist ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, die Kosten zu optimieren und Einsparungen zu machen, war am Rande der Veranstaltung zu vernehmen.

Projektleiter René Meier sagt, ob mit der Umstellung auf das neue System Risiken entstehen

Projektleiter René Meier sagt, ob mit der Umstellung auf das neue System Risiken entstehen

Vorausgesetzt, die Sicherheit des Betriebs bleibt jederzeit ohne Abstriche gewährleistet, ist die Umstellung von Flugsicherungsleistungen, die man teuer bezahlt, auf weniger aufwendige Verfahren, wie man sie in Grenchen überprüfen will, eine Möglichkeit dafür.

Auch möchten REGA und Luftwaffe ein sogenanntes Low Flight Network unter Instrumentenflugbedingungen einführen, was ihnen Helikoptereinsätze bei extrem schlechten Sichtflugbedingungen ermöglichen würde und ganz neue Möglichkeiten für Flugfelder und Landeplätze – bespielsweise bei Spitälern – eröffnen würde, erklärte Hänni.

Wie weit man künftig gehen will, ob man dereinst den Tower in Grenchen ganz unbesetzt lassen will, dazu wollte und konnte man am Dienstag an der Medienkonferenz keine konkreten Aussagen machen. Jürg Hänni von Skyguide meinte, dass selbst wenn zu einem späteren Zeitpunkt Personal nicht mehr in Grenchen benötigt werde, dieses an anderen Orten eingesetzt werde.

Kein erhöhtes Risiko

Dass das Risiko einer Kollision oder eines Unfalls grösser würde, wenn man den Tower unbesetzt lässt, wurde von den Verantwortlichen verneint. Ein Risiko bestehe immer, gegen Unfälle sei man nie gefeit. Die Verantwortung werde verlagert und gehe nun wieder dahin zurück, wo sie eigentlich immer sein müsse: zum Piloten, meinte Meier, der Projektleiter. Selbst wenn ein Flugverkehrsleiter da sei, liege die gesamte Verantwortung beim Piloten. «Damit steht und fällt das Ganze: Der einzelne Pilot muss sich noch mehr konzentrieren und aufpassen, was über Funk passiert. »

Klar ist, dass der Regionalflughafen Grenchen, sollte sich das neue System bewähren, mehr operative Freiheiten ausserhalb von Skyguide ausschöpfen kann, wenn man eine kostengünstigere Alternative zu einem besetzten Tower präsentieren könnte.
«Im Grunde arbeiten wir an der Abschaffung der Flugverkehrsleiter».