QuartzCom
Der Taktgeber für Bits und Bytes will in Grenchen sesshaft werden

Am Standort in der Industriezone Bettlach ist für die Hi-Tech-Firma QuartzCom kein Platz für Wachstum. Wachstumspotenzial sieht die Firma in Grenchen. Ins Auge gefasst hat man das neue SWG-Gebäude.

Andreas Toggweiler
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Hinter den Kulissen der Hi-Tech Firma QuartzCom
9 Bilder
Produktionsstufen der Quarzbausteine
So sieht ein Bauteil vergrössert aus
Kennlinie (schwarz) eines Quarzes. Diese wird elektronisch in den rot markierten Toleleranzbereich korrigiert
Das aktuelle Firmengebäude in Bettlach
Auf diese Prints werden die Quarzbauteile zur Kalibrierung gesteckt
Anlage zur Laser-Beschriftung der Bauteile
Ein Stück künstlich hergestellter Quarz
Der Quarzblock wird in hauchdünne Plättchen geschnitten Je dünner die Stücke, desto höher die Frequenz

Hinter den Kulissen der Hi-Tech Firma QuartzCom

AZ

Seit die Digitaltechnik die Elektronik erobert hat, geht in kaum einem elektronischen Gerät mehr etwas ohne Quarze als Taktgeber. Schwingende Kristallplättchen halten Bits und Bytes auf Trab, von der einfachen Quarzuhr in jedem Haushaltsgerät über Computer und Handys bis zum weltumspannenden Netzwerk, WLAN, Laser-Distanzmessung, Radar-, Luftfahrt- und Weltraumanwendungen.

«Eine Eigenschaft von schwingenden Quarzen ist, dass ihre Frequenz bei unterschiedlichen Temperaturen variiert», erklärt Hans Rudolf Haas, Gründer und heute Seniorchef der in Bettlach ansässigen Firma QuartzCom, welche er zusammen mit seiner Frau 1994 gegründet hat. Sie importiert, entwickelt und baut sogenannte TXCO. Die Abkürzung steht für temperatur-kompensierte Oszillatoren. Quarze also, die über einen weiten Temperaturbereich die Schwingungszahl stabil halten.

Klimatisieren oder korrigieren

Dies lässt sich laut Haas auf zwei Arten Erreichen: «Man kann für ein stabiles Temperaturumfeld sorgen oder die Abweichungen elektronisch kompensieren.» Die Firma QuartzCom entwickelt und baut Komponenten auf letzterer Basis. Die Bauteile werden dazu in Bettlach in eine Klimakammer – Haas spricht von «Öfen» – in einem mehrstufigen Prozess elektronisch für Temperatureinflüsse zwischen minus 50 und plus 85 Grad geeicht. «Man kann das etwas mit der Reglage einer Uhr in verschiedenen Lagen vergleichen», erläutert Haas den Prozess. Nur macht das hier nicht der Uhrmacher, sondern der Computer.

Das dazu nötige Wissen holte sich Haas schon in den 1970er-Jahren, als er nach einem Studium in Biel für die ETA die Quarz-Produktionsdivision Micro Crystal mit aufbaute, welche die Herstellung von Quarzuhren in grossem Stil erst ermöglichte. Bis 1989 blieb Haas bei der Swatch Group. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs pendelte er für einige Jahre zwischen Bettlach und Berlin, wo er eine Firma «mit gutem know how und desolaten Produktionsmitteln» für die Marktwirtschaft zurecht trimmte, wie er erzählt.

Die 1990er-Jahre, als das Internet aufkam, WLAN und andere zeitkritische Vernetzungen von Elektronik, war für den Import von Oszillatoren, auf den sich die QuartzCom spezialisiert hatte, eine goldene Zeit, erinnert sich Haas. Je mehr die Geräte vernetzt waren, desto wichtiger wurde, dass die Taktung der Elektronik äusserst präzis ist. Wichtige Kunden waren Leica (Laser-Distanzmesser), Sennheiser (drahtlose Mikrofone) oder Cisco (Computer-Netzwerke). Der Umsatz mit den millimeterkleinen Bauteilen kletterte in die Grössenordnung von 8 Mio. Fr.
Inzwischen produzieren die wichtigen Netzwerkausrüster alle in Fernost, der Umsatz schrumpfte, insbesondere nach der 2010er-Krise, und die Werte der Boom-Jahre wurden seither nicht mehr erreicht. «Für uns stellte sich die Frage, ob wir die Firma herunterfahren und ganz aufhören», erzählt Haas. Doch man entschied sich für eine Vorwärtsstrategie.

Eigene Produktion aufbauen

Haas’ Tochter Vera – sie arbeitet für Google – und Schwiegersohn Stefan Kohout, ein promovierter Physiker mit Industrieerfahrung, entschieden sich, einzusteigen; sie als Mitbesitzerin, er als CEO. Einerseits wurde man Partner eines führenden russischen Herstellers von hochpräzisen Oszillatoren und stellte diesem die Kalibrierungstechnik exklusiv zur Verfügung, anderseits entschied man sich 2012 nach einer Marktanalyse zur Aufnahme einer eigenen Produktion.

«Die weltweite Nachfrage nach hochpräzisen Oszillatoren wird zunehmen», zeigt sich Kohout optimistisch. Im Visier hat man Elektronik für professionelle Anwendungen: Satellitenverbindungen, Militär, Marine und Rettungsdienste, 4K-Videoverbindungen sowie für satellitengestützte Landwirtschaftsmaschinen. Alles Anwendungen, welche höchste Zuverlässigkeit und Robustheit der Datenverbindungen verlangen. Die Oszillatoren müssen für solche Anwendungen sehr temperaturstabil schwingen, «es geht hier um Abweichungen im Milliardstel-Bereich», so Kohout.

«Mit einer eigenen Wertschöpfungskette haben wir direkten Einfluss auf die Qualität unserer Produkte», begründet er den mutigen Entscheid zur eigenen Industrieproduktion. Durch die Beteiligung an einer japanischen Firma kam man zu einem Quarz-Lieferanten, mit Klimaöfen aus Deutschland, Messgeräten aus den USA, Hardware aus Grenchen und den USA und einem Montagepartner bei Neuenburg sieht sich die Firma mit acht Mitarbeitenden gerüstet für eine neue Entwicklungsstufe.

USA als Wachstumsmarkt?

Auch die Tochterfirma in den USA möchte QuartzCom wieder reaktivieren und von der durch die dortige Politik eingeleiteten Re-Industrialisierung profitieren. «Irgendjemand wird dafür die Technologie liefern müssen, welche nämlich längst nach Fernost abgewandert ist», hält Haas fest.

Bleibt ein Problem zu lösen: Am Standort in der Industriezone Bettlach direkt an der Bahnlinie ist kein Platz für Wachstum. Insbesondere die Klimatisierung der neuen zusätzlichen Kalibrierungsöfen könnte bereits im kommenden Sommer zum Problem werden. Pläne bestehen, den obersten Stock des neuen SWG-Gebäudes in Grenchen zu mieten. Der Prozess stockte aber, weil auch ein Umzug der Grenchner Baudirektion dorthin geprüft wird.
«Wir möchten gern in der Region Grenchen oder Biel bleiben», erklärt der Firmengründer. Mit dem Lieferanten-Netzwerk aus der Region und dem Uhrenindustrie Fachwissen der Arbeitskräfte sei die Gegend als «Quartz-Valley» prädestiniert.

Am Freitag haben erneute Verhandlungen zwischen der Firma und der Stadt, bzw. der SWG stattgefunden. «Es sieht gut aus, meint QuarztCom-CEO Kohout». Er geht davon aus, dass die QuartzCom definitiv Mieter im seit dem Bau leerstehenden obersten Stock des SWG-Gebäudes wird. Darauf habe man sich mit Vertretern von Stadt und SWG jetzt geeinigt.

Es sehe danach aus, als ob beide Mietparteien im SWG-Gebäude Platz finden, dazu auch die Büros der Firma Lobsiger, welche heute am gleichen Standort wie die QuartzCom in Bettlach eingemietet ist.