Das Thema Fusion beschäftigt nicht nur die Verantwortlichen der vier Grenchner Fussballvereine FC Grenchen, Ital Grenchen, FC Wacker und FC Fulgor, sondern ist auch bei vielen Grenchnerinnen und Grenchnern Thema. Die Stadt blickt auf eine ruhmreiche Fussballtradition zurück, welche durch die Entwicklungen der letzten Jahre nicht nur in Grenchen, sondern schweizweit einen argen Imageschaden nehmen musste.

Angesichts der finanziellen und inzwischen auch sportlichen Misere beim FC Grenchen wurde die Stadt aktiv, allen voran Stadtpräsident François Scheidegger und Finanzverwalter David Baumgartner. Man engagierte die Zürcher Mediatorin Valesca Zaugg, um mit den Clubs Gespräche über eine Fusion zu führen, denn man ist der Meinung, dass nur ein solcher, drastischer Schritt den Grenchner Fussball aus dem Elend und in eine langfristig positive Zukunft führen kann.

Drei der vier Vereinsvorstände gaben eine Absichtserklärung zur Fusion ab, Ital Grenchen scherte aus. Man wolle nicht fusionieren, denn das bedeute den Verlust der eigenen Identität (wir berichteten). Der FC Fulgor, der in diesem Jahr sein 90-jähriges Jubiläum feiert, berief eine Vereinsversammlung ein. Man hatte Scheidegger und Baumgartner eingeladen, um Informationen aus erster Hand zu erhalten.

Präsident Peter Zumstein eröffnete die Versammlung, der rund 60 Vereinsmitglieder beiwohnten, und erklärte die Beweggründe: Angesichts der vielen Gerüchte und Falschmeldungen rund um das Thema Fusion sei es dringend nötig, die Vereinsmitglieder aus erster Hand zu informieren. Entschieden werde dann definitiv an einer ausserordentlichen Generalversammlung Mitte Mai. « Hier geht es um eine Heirat ohne Möglichkeit einer Scheidung», erklärte ein Vorstandsmitglied. Ein Schritt zurück sei nicht mehr möglich. Aber die immerwährenden Streitigkeiten unter den Clubs wegen Spielerabwerbungen oder Platzzuteilungen wären dann ein für alle Mal vom Tisch. Der FC Fulgor stehe finanziell stabil da, mit zwei aktiven Mannschaften, ein Aufstieg sei im Bereich des Möglichen. Viele Fragen stellten sich zu Vor- und Nachteilen, ob man sofort mitmachen müsse bei einer Fusion oder erst später dazustossen könne.

Fusion mit denen, die wollen

Stadtpräsident François Scheidegger entkräftete die kursierenden Gerüchte, dass die Mediatorin nicht mehr im Amt sei. Sie sei nach wie vor mandatiert. Man habe zusätzlich einen Anwalt engagiert, der die fussballrechtlichen Fragen klären könne. Die Stadt habe viel Zeit und Energie investiert und es sei ihr ernst mit diesem Anliegen. «Zwingen können wir keinen Verein, bei einer Fusion mitzumachen», betonte Scheidegger, man werde die Fusion mit den Vereinen durchführen, die gewillt seien. «Grenchen ist eine Fussballstadt mit einer grossen Tradition und insbesondere für die Jugend ist Fussball für die Identifikation und Integration wichtig. Die Stadt mischt sich ein, weil sie als Eigentümerin der Infrastruktur und Erbringerin von Dienstleistungen – Rasenpflege durch die Stadtgärtnerei – ein Interesse daran hat, dem Fussball den Stellenwert zu geben, den er aus ihrer Sicht haben soll», erklärte der Stadtpräsident. Man wolle nur noch mit einem Partner zusammenarbeiten.

Aus Optik der Stadt werde der Fussball im Vergleich zu anderen Vereinen bevorzugt behandelt. «In Grenchen haben wir über 100 000 Quadratmeter Fussballfläche. Die Stadt hat in den letzten Jahren über 8 Millionen Franken in die Infrastruktur investiert, zusätzlich über 3 Mio. Fr. für Sanierungen aufgeworfen und gibt jährlich zwischen 250 000 und 500 000 Franken für den Fussball aus.»

Es sei verständlich, dass es hier in erster Linie um ein emotionelles Thema gehe, weil die Vereine befürchteten, ihre Identität, ihre Geschichte und ihre Kultur zu verlieren. Dem sei aber nicht so. «Auch in einem fusionierten Verein können diese Kulturen weiter gepflegt werden», betonte der Stadtpräsident. Und weiter: «Bei einer Fusion ist grundsätzlich möglich, dass die Vereine ihre Strukturen, ihre Traditionen und auch das Recht auf ihr eigenes Vermögen behalten.»

Alle Vereine müssen saniert sein

David Baumgartner sagte, man habe feststellen müssen, dass die Vereine gegeneinander arbeiten statt miteinander. Die Vereinsspitzen seien sich in den Vorgesprächen einig gewesen, dass es jetzt eine Neuorientierung brauche. Die Stadt habe mit namhaften Exponenten Gespräche geführt und man habe auch einen Sponsor gefunden, der bereit sei, sich gezielt im Bereich der Juniorenförderung zu engagieren – Bedingung sei die Fusion.

Um fusionieren zu können, müssten alle Vereine saniert sein. «Die anderen Vereine müssen den FC Grenchen also nicht sanieren», betonte Baumgartner. Die Stadt stelle die Infrastruktur und habe klare Erwartungen. Fussball sei ein Imageträger für die Stadt und man wolle ein Konzept für die Jugend erarbeiten. Die Stadt bestehe man auf einem Mitspracherecht. Das heisse Einsitz im Vorstand. Alte Verträge würden gekündigt. Der neue Verein, der quasi als Dachorganisation – oder Holding – über den anderen Vereinen stehe, müsse «Fussballclub Grenchen» heissen. Juristisch sei es schwierig, den Namen jemals wieder zu reaktivieren, wenn man ihn nicht beibehalte. «Es geht uns um den Fussball, den Kinderfussball, den Jugendfussball und den Breitenfussball», so Baumgartner.

Meinungen gehen auseinander

In der anschliessenden offenen Diskussion wurde klar, dass die Meinungen bei Fulgor geteilt sind. Während die einen meinten, eine Neuorientierung und eine Fusion sei die einzige Möglichkeit, auch als Verein zu überleben und man müsse die Emotionen jetzt aussen vor lassen, meinten andere, dass dies nur möglich sei, wenn nicht dieselben Köpfe am Ruder seien wie bisher. Eine Fusion bereits auf die kommende Saison hin erachteten einige als zu ambitioniert. Andere befürchteten, dass die aktiven Mannschaften eventuell nicht aufsteigen könnten, und wollten den Namen «Fulgor» nicht verlieren. Aktive Spieler hielten dagegen, dass es für manche Spieler keine Rolle spiele, welchen Namen der Club trage, da sie schon als Junioren auch bei anderen Vereinen gespielt hätten, manche Aktive aber gegen eine Fusion seien, weil sie nicht wüssten, was das für ihre Mannschaften bedeute.

Neue und alte Köpfe

Baumgartner wurde konkreter: Er stelle sich als Interimspräsident zur Verfügung und man wolle neue Köpfe für den Vorstand des fusionierten Fussballclub Grenchen suchen. «Die alten Köpfe und die bisherigen Funktionäre wird es aber auch weiterhin brauchen, genauso wie die Sponsor- und Gönnervereinigungen und die Teams», sagte Baumgartner. Man wolle, dass in Grenchen zukünftig in der 2. Liga oder 2. Liga Inter gespielt werde, darum der ambitiöse Zeitplan. Bisherige Mannschaften und Strukturen bleiben bestehen und werden vorerst nicht neu gebildet. Ein Aufstieg sei also auch nach einer Fusion möglich.

Scheidegger sagte es unverblümt: «Das ist in erster Linie ein psychologisches Problem. Auch nach einer Fusion kann das Clubleben weitergeführt werden wie bisher. Die alten Geschichten müsst Ihr jetzt einfach abhaken.»