Gedenkfeier
«Der Landesstreik ist Teil unserer Stadtgeschichte»: Grenchen gedenkt der Todesopfer

Die Gedenkfeier zu 100 Jahre Generalstreik in Grenchen lockte viele Besucher an, die der drei Todesopfer gedachten.

André Weyermann
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Unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung gedachten die Behörden der Stadt Grenchen am Mittwochabend – genau 100 Jahre nach dem Ende des Landesstreiks 1918 – mit einer Kranzniederlegung durch Stadtpräsident François Scheidegger dem tragischen Tod der drei Grenchner Opfer Hermann Lanz, Marius Noirjean und Fritz Scholl.

Unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung gedachten die Behörden der Stadt Grenchen am Mittwochabend – genau 100 Jahre nach dem Ende des Landesstreiks 1918 – mit einer Kranzniederlegung durch Stadtpräsident François Scheidegger dem tragischen Tod der drei Grenchner Opfer Hermann Lanz, Marius Noirjean und Fritz Scholl.

Mike Brotschi

Eine erfreulich grosse Anzahl Personen nahm an der von der Stadt organisierten Gedenkfeier «100 Jahre Landesstreik» teil. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, von nah und fern, aus allen politischen Lagern gedachten der drei Todesopfer Marius Noirjean, Hermann Lanz und Fritz Scholl, liessen sich über die Geschehnisse vom November 1918 in Wort, Ton und Bild informieren.

Nachdem der letzte Klang der Glocken der drei Grenchner Landeskirchen verhallt war, sprach Pfarrer Peter von Siebenthal zu den Gedenkenden. Die drei Opfer seien erschossen worden von der Militärgewalt, die damals gegen das Volk agiert habe: «Hinterrücks niedergemacht, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Ein tödlicher Machtmissbrauch». Der reformierte Pfarrer erinnerte an das Leid und die Sorgen, welche Angehörige, Freunde, Mitarbeitende und Kollegen in der Folge zu durchleiden hatten, an die Tabuisierung, welche über Jahrzehnte in der damaligen Gesellschaft den drei Männern keinen Platz im öffentlichen Bewusstsein ermöglicht habe. «Umso achtungsvoller spricht die Stadt Grenchen heute zum 100. Jahrestag ihre Würdigung aus, öffentlich und offiziell», führte er weiter aus.

Nicht zuletzt dank des Generalstreikes dürften Bürgerinnen und Bürger heute in einer ganz anderen Schweiz leben, in einem Bundesstaat, der seine Bewohner anhört und mitentscheiden lasse. Dies sei den Anstrengungen von Arbeitnehmenden wie Arbeitgebenden zu verdanken.

Generalstreik in Grenchen
7 Bilder
Füsiliere des Waadtländer Infanteriebatallions 6 nehmen am 14. November 1918 in den Strassen Aufstellung.
Generalstreik am Postplatz
Generalstreik
Generalstreik
Kavallerie
Kavallerie

Generalstreik in Grenchen

Zur Verfügung gestellt

Teil der Geschichte Grenchens

Nach einer stärkenden Suppe begrüsste Stadtpräsident François Scheidegger die Schar der Anwesenden im Kino Rex. Der Generalstreik vom 12.- 14. November sei während langer Zeit aus unterschiedlichen Gründen verdrängt und verpolitisiert worden. Er sei deshalb froh, dass Historiker die Geschichte wissenschaftlich aufgearbeitet hätten, auch wenn da und dort eine etwas andere Bewertung der Ereignisse vorgenommen werden könne. «Der Landesstreik ist Teil unserer Stadtgeschichte, es scheint mir deshalb wichtig, dass wir uns mit der Thematik auseinandersetzen und der Geschehnisse gedenken», betonte der Stadtpräsident.

Es sei verständlich, dass sich die Sichtweise aus der Distanz von 100 Jahren verändert habe: «Unbestritten scheint mir aber, dass viel Unrecht geschehen ist. Vielleicht ist der heutige Anlass auch ein kleiner Beitrag, um die Geschehnisse in ein neues Licht zu stellen oder sogar einen kleinen Beitrag zur Wiedergutmachung zu leisten.»

Riss durch die Gesellschaft

Der Historiker Peter Heim erinnerte daran, dass gegen Ende des Ersten Weltkrieges ein Riss durch die Gesellschaft gegangen sei. Auf der einen Seite hat die Exportindustrie, die Finanzwelt und auch die Landwirtschaft profitiert, auf der anderen Seite seien die Lohnabhängigen in grosse, unverschuldete Not gekommen. «Dass es im November 1918 dann aber zum Landesstreik gekommen sei, habe mit der Entwicklung im Kanton Solothurn an sich nichts zu tun, obwohl sich die geschilderten Verhältnisse auch hier gezeigt hätten: «Als der Bundesrat dem Druck von Armeespitze und Persönlichkeiten aus der Zürcher Bankenwelt und auf Wunsch der Zürcher Regierung die militärische Besetzung Zürichs verfügt hat, reagierte das Oltener Aktionskomitee mit der Proklamation eines Proteststreikes.»

Während die drei Tage im Allgemeinen glimpflich abgelaufen sind, ist die Lage in Grenchen eskaliert. Die Gründe dafür seien heute bekannt: «Eine Verkettung von verrückten Umständen – fehlende Kommunikation des Streikabbruchs, chaotische Kommandoverhältnisse beim Militär, emotionale Anheizung und nicht zuletzt das Versagen eines Offiziers - führten zur Tragödie. Eine Tragödie, die Grenchen möglicherweise erspart geblieben wäre, wenn das Militär die Telefonleitung des Oltener Aktionskomitees nicht gekappt hätte».

Der Film zum Generalstreik

Schliesslich bekamen die Anwesenden den SRF-Film «Generalstreik 1918 – die Schweiz am Rande eines Bürgerkrieges» in Anwesenheit von Drehbuch-Autor Hansjürg Zumstein zu sehen. Der Historiker konzentriert sich in der Doku-Fiktion auf die Hauptpersonen, Nationalrat Robert Grimm vom Oltener Aktionskomitee und auf den mehr als nur strammen Militaristen Oberstdivisionär Emil Sonderegger. Es gelingt ihm dabei aber auch eindrücklich, Hintergründe und Ursachen des Konfliktes unter anderem im Gespräch mit prominenten Historikern zu beleuchten.

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