Grenchen
Der ehemalige Chefbeamte geht in die fünfte Klasse – zur Unterstützung

Marcel Châtelain engagiert sich im Pro-Senectute-Projekt zur Schulunterstützung. Seit 2015 unterstützt der ehemalige Chef des kantonalen Amtes für soziale Sicherheit Grenchner Schüler.

Daniela Deck
Drucken
Teilen
Marcel Châtelain ist einer von drei Senioren, die in Grenchen Schulassistenten-Einsätze leisten.

Marcel Châtelain ist einer von drei Senioren, die in Grenchen Schulassistenten-Einsätze leisten.

Michel Lüthi

«Teile das Resultat deiner Rechnung mit Überzeugung mit, nicht fragend oder unsicher: laut, deutlich und selbstsicher.» Das sagt Marcel Châtelain einem Fünftklässler im Schulhaus Kastels. Mit sechs Schulkindern löst er zuerst eine Reihe von Dreisatzaufgaben. Anschliessend unterstützt er die Gruppe im Deutschunterricht. Châtelain ist nicht etwa Lehrer. Der Senior engagiert sich im Rahmen des Pro Senectute-Projekts «Senioren im Klassenzimmer» am Montagmorgen in zwei Klassen.

Routiniert schreibt Marcel Châtelain die Rechenaufgaben auf die Wandtafel und ermuntert die Schüler zur Mitarbeit. Das wirkt, als habe er zeit seines Lebens mit Kreide hantiert und Elfjährige im Unterricht unterstützt. Dabei hat der ehemalige Chef des kantonalen Amtes für soziale Sicherheit die Schule als Tätigkeitsfeld erst vor zwei Jahren für sich entdeckt, im Sommer 2015.

Das Projekt

Die Pro Senectute vermittelt interessierte Senioren und Seniorinnen an Schulen und Kindergärten. Üblicherweise umfasst der unentgeltliche Assistenzeinsatz einen Halbtag pro Woche. Das Interesse der Schulen ist sehr gross, 40 Gemeinden haben sich bisher dem Projekt angeschlossen. Nach Aussage von Sabina Lutz, Leiterin Koordinationsstelle Alter, warten derzeit mehrere Schulen auf Unterstützung. Rund 180 Senioren seien im Kanton schon im Einsatz, drei davon in Grenchen.

In Weiterbildungskursen kommen wichtige Schulthemen zur Sprache, zum Beispiel der Umgang mit unterschiedlichen Kulturen sowie Nähe und Distanz zu den Kindern. Interessierte Seniorinnen und Senioren melden sich bei der Pro Senectute Kanton Solothurn, Telefon: 032 626 59 59, E-Mail: info@so.prosenectute.ch (dd)

Er ging selber hier zur Schule

«Es gibt nichts Schöneres als die Entwicklung der Kinder mitzuerleben und sie auf dem Weg zum Begreifen des Schulstoffes zu unterstützen», sagt er. «Das ist ein Geben und Nehmen für mich und die Schulkinder.» Weiter erklärt er: «Ich bin im Stiftungsrat der Pro Senectute tätig. Weil ich nicht nur Gremienarbeit machen will, bin ich bei diesem Seniorenprojekt dabei.»

Seine Frau, die früher im «Kastels» Kindergärtnerin war, habe den Kontakt hergestellt. Er habe sich dieses Schulhaus ausgesucht, weil er selbst hier zur Schule ging, sogar im gleichen Klassenzimmer.

Unterstützung für schwache und starke Schüler

Eines ist für Marcel Châtelain sehr wichtig: «Ich unterrichte nicht. Das ist den Lehrerinnen und Lehrern vorbehalten. Ich vertiefe und festige den Schulstoff, den sie vorgeben. Meine Aufgaben ändern von Woche zu Woche.» Dazu arbeitet der Senior mit ganz unterschiedlichen Gruppen. Manchmal wiederholt er mit schwächeren Schülern Abschnitte aus dem Arbeitsheft, wie an diesem Morgen. Manchmal hilft er den Klassenbesten voranzukommen, während die Langsameren unter Lehreraufsicht arbeiten. Und regelmässig liest er der ganzen Klasse vor. Zwischendurch begleitet er eine Exkursion und lernt ebenso wie die Kinder einiges – zuletzt über Biber am Erlimoosweiher in Bettlach.

An diesem Morgen informiert die Lehrerin der Klasse 5g, Nicole Bucher Möri, Marcel Châtelain darüber, dass sie beim Englisch auf seine Hilfe zählt. Nächstes Jahr will sie mit der Klasse ein Theaterstück einstudieren. «Ich bin sehr froh um die Unterstützung durch Marcel Châtelain. Er hilft uns dabei (Bucher teilt sich die Klasse mit dem Lehrer Peter Rüefli), auf die Einzelnen einzugehen und sie zu fördern.»

Das Schlitzohr und der Apfel

Nach dem Rechnen steht Deutsch auf dem Stundenplan. Ein spannender Text um einen bösen Hund, der Buspassagiere in die Flucht schlägt, soll in die Vergangenheitsform gesetzt werden. In der hinteren Ecke des Schulzimmers macht Marcel Châtelain mit einzelnen Kindern leise Leseübungen. Die übrigen füllen derweil das Arbeitsblatt aus. Ein fremdsprachiger Bub ist noch nicht so weit, dass er mit halblauter Stimme vorlesen und den Text zugleich begreifen könnte. Mit ihm geht der Klassenbegleiter auf den Gang hinaus, damit die anderen nicht gestört werden.

«Ich habe Bauchweh», jammert ein Junge kurz vor der grossen Pause. Trotzdem holt er einen Apfel aus dem Znünisack und wäscht ihn am Brünneli. Marcel Châtelain kennt seine Pappenheimer. Er hat die Klage von diesem Schüler schon gelegentlich gehört und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: «Apfel und Bauchweh passen nicht zusammen. Du wartest bis zur Pause, dann kannst du den Apfel essen.» Stattdessen schlägt Châtelain dem Buben vor, einen Schluck Wasser zu trinken.

Da läutet auch schon die Pausenglocke. Der Rest der Klasse kommt zurück. Marcel Châtelain packt zusammen. Die übrigen Lektionen des Vormittags verbringt er bei der fünften Klasse im Nachbarzimmer.