Geschichte

Der Bettlachstock als «Bermudadreieck»: Drei Segelflieger stürzten in den Wald – und überlebten

14. Mai 1961: Die K-8 HB-621 hängt knapp über dem Boden senkrecht in den Bäumen.

14. Mai 1961: Die K-8 HB-621 hängt knapp über dem Boden senkrecht in den Bäumen.

Der Flughafen Grenchen ist seit fast neun Jahrzehnten auch ein Ort des Segelflugsports. Der nahe Jura erlaubt den Anschluss an die Thermik und ist ein Ausgangspunkt für lange Streckenflüge. Aber beim Flug entlang den Bergflanken muss man auf der Hut sein: In den 1960er- Jahren stürzten drei junge Piloten am Bettlachstock ab. Die Bäume zeigten sich bei allen als Lebensretter.

Die teuerste Phase bei einem Segelflug ist das Schleppen hinter dem Motorflugzeug. Da ist man als Lehrling oder Student versucht, sich möglichst bald vom Seil auszuklinken. Gerade in früheren Zeiten, als die Segelflugzeuge noch aus Holz und Tuch gebaut waren, konnte nach einem frühen Klinken entlang des Jurahanges nach Aufwind gesucht werden. Dabei flog man entlang der Flanke und machte jeweils vom Hang weg eine Kurve von 180 Grad, um in die Gegenrichtung zurückzufliegen. Im Aufwind liess sich in solchen Achterschleifen Höhe gewinnen, bis das Segelflugzeug über die Bergkrete hinausgestiegen war. In der Segelfliegersprache heisst dies «Hangpolieren». Mit den heutigen schwereren und schnelleren Maschinen wird diese Taktik am Jura weniger praktiziert, kann aber durchaus noch vorkommen, wenn man in einen Abwind geraten ist und Höhe zurückgewinnen muss.

Der erste Unfall geschah im Jahr 1961

Am 14. Mai 1961 flog der 19-jährige Pilot U. Z. aus Solothurn mit dem Segelflugzeug K-8 HB-621 der Segel- und Motorfluggruppe Grenchen am Bettlachstock und versuchte Höhe zu gewinnen. Die Schleicher K-8 war damals ein erfolgreiches Modell und wurde in der Regel noch während der Ausbildung als erstes einsitziges Flugzeug geflogen (siehe Zweitartikel). Der Elektromechaniker-Lehrling wollte an diesem Tag mit einem Flug ins Birrfeld (AG) die 50-km-Strecke für das sogenannte «Silber-C» absolvieren. Das ist die erste sportliche Auszeichnung nach der Brevetierung zum Segelflieger. Am Vortag hatte er einen fünf Stunden dauernden Flug durchgeführt, der ebenfalls Bedingung für diese Auszeichnung ist. Nach dem Klinken flog er rund sieben Minuten lang in den Achterschleifen am Bettlachstock mit leicht sinken­- der Tendenz. Im Unfallbericht heisst es, dass er dann in die Bäume des Bettlachstocks gestürzt sei, «nachdem er sich zweifellos zu nahe an den Hang gewagt hatte». Das Flugzeug blieb auf einer Höhe von 940 m ü. M. senkrecht in den Bäumen hängen. U. Z. kam mit einer Beule am Kopf davon. Zu Fuss und per Autostopp kehrte er zum Flugplatz zurück, wo er den Unfall dem Flugdienstleiter meldete. Das Flugzeug wurde wieder aufgebaut.

Unfall Nummer zwei ereignete sich am Bettlachstock fast auf den Tag genau drei Jahre später. Der 20-jährige P. J. aus Kappelen startete am 17. Mai 1964 zu einem Trainingsflug. Er flog die Schleicher K-8 mit der Registrierung HB-620, auch das ein Flugzeug der Segel- und Motorfluggruppe Grenchen. P. J. hatte die Fliegerische Vorschulung absolviert und war als Militärpilotanwärter ausgehoben. Er war fliegerisch sehr gut qualifiziert und als Charakter «einwandfrei», wie es im Untersuchungsbericht festgehalten ist. Während des Fliegens am Bettlachstock verlor er in einer Kurve den Druck am Steuerknüppel. Statt nach rechts, wie es seine Absicht war, drehte das Flugzeug nach links gegen den Hang. Er gab sofort Querruder und Seitensteuer rechts, aber die Drehung ging weiter langsam nach links. Er drückte den Steuerknüppel nach vorne, aber das Flugzeug folgte nicht richtig. Dann stiess er mit dem linken Flügel an einen Baum, die K-8 schieferte horizontal über drei weitere Baumkronen hinweg und stürzte anschliessend mit der Rumpfnase in eine Lichtung. Der unverletzte P. J. konnte sich befreien, stieg zum Berghaus Bettlachstock hinauf, um zu telefonieren. Er besass eine Fotokamera bei sich, mit der er schon während des Fluges Aufnahmen gemacht hatte. Auch die Unfallstelle hielt er gleich fotografisch fest.

Die K-8 HB-620 wurde bei der Herstellerfirma in Deutschland wieder repariert und war noch viele Jahre im Einsatz. Der Autor dieses Beitrags flog genau diese K-8 HB-620 als 18-jähriger Segelflieger in den Jahren 1975 und 1976 fast zehn Stunden lang – aber damals, ohne zu wissen, dass dieses Flugzeug mal in den Bäumen des Bettlachstocks gehangen hatte. Später wurde es von der Segel- und Motorfluggruppe Grenchen nach Frankreich verkauft.

Den dritten Unfall überstand der Pilot unverletzt

Nur etwas über einen Monat später kam es 1964 zu einem weiteren Absturz am Bettlachstock, der für den Piloten ebenfalls glimpflich ablief. Der 20- jährige Student E. J. aus Genf hatte ebenfalls die Fliegerische Vorschulung zum Militärpi­lotenanwärter absolviert und musste noch zwei Bedingungsflüge absolvieren, um den Segelflugausweis zu erhalten.

Am 26. Juni 1964 wollte er einen solchen Flug durchführen, dafür war er alleine unterwegs im doppelsitzigen Schulflugzeug Schleicher Rhönlerche mit der Registrierung HB-721. Der Fluglehrer, der die Beaufsichtigung hatte, gab ihm den Auftrag zu einem Segelflug von maximal 75 Minuten.

Nach 67 Minuten im Flugzeug flog E. J. den Hang des Bettlachstocks entlang und kollidierte im Verlaufe einer Kurve mit dem Wald. Die Bäume erwiesen sich auch bei ihm als Lebens­retter. Er konnte das schwer­beschädigte, erst zwei Jahre alte Segelflugzeug, unverletzt ver­lassen. Die Rhönlerche wurde wieder repariert.

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