Stadtbaumeister
Der Baumeister spricht über die Gross-Baustelle Grenchen

Claude Barbey ist seit 14 Jahren als Stadtbaumeister tätig. In der ganzen Amtszeit hat er noch nie so viele Baustellen aufs Mal gesehen. Barbey macht sich Gedanken über die Zukunft des Marktes in der Stadt Grenchen.

oliver menge
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Nur eine der vielen Baustellen auf dem Platz Grenchen; die Baustelle der Raiffeisenkasse. Hanspeter Bärtschi

Nur eine der vielen Baustellen auf dem Platz Grenchen; die Baustelle der Raiffeisenkasse. Hanspeter Bärtschi

Solothurner Zeitung

Die Bautätigkeit in Grenchen ist so gross, wie lange nicht mehr. Nebst den Grossbaustellen Landi, Lidl, Girardplatz sind auch etliche private Bauvorhaben im Gang oder geplant. Was sagen Sie dazu?

Claude Barbey: Das ist höchst erfreulich, natürlich! Andererseits wirft es auch gewisse Fragen auf: Wird der Markt das schlucken, vor allem beim privaten Wohnungsbau? Dass es für Firmen interessant ist, in Grenchen zu investieren oder sich anzusiedeln ist unbestritten. Dass Grenchen ein Ort mit hoher Wohnqualität ist, hat man etwas vergessen. Lange hat man versucht, privaten Investoren Grenchen schmackhaft zu machen und stellt jetzt fest, dass diese die Stadt «entdeckt» haben. Wir hatten in der Vergangenheit im Eigentumsbereich immer Wohnungsbau, neu ist eine Bautätigkeit bei Mietobjekten, also Investitionsobjekten. Wir werden im guten Sinn fast etwas überrollt durch diese Bautätigkeit.

Die Wohnbevölkerung hat in den letzten zehn Jahren nicht zugenommen. Gleichzeitig ist der Wohnungsbestand gewachsen. Der Leerwohnungsbestand ist relativ hoch. Macht das Sinn?

Auf den ersten Blick: Nein. Aber da spielen vermutlich wirtschaftliche Gesetzmässigkeiten mit. Der grösste Teil der Leerwohnungen besteht aus Objekten, bei denen der Zeitpunkt für eine Re-Investition verpasst wurde. Sie sind nicht mehr konkurrenzfähig. Geografisch lassen sich diese Objekte auch festmachen: Sie liegen zum Teil an verkehrsreichen Hauptachsen oder bestimmten Gebäudegruppen. Ich denke, diese Objekte kommen an einen Punkt, bei dem sich ein Besitzer überlegen muss, ob der Rückbau eines solchen Hauses nicht intelligenter wäre als eine Sanierung. Ein Beispiel in diesem Sinne ist das Areal des vormaligen Restaurant Ticino, wo kürzlich eine Baueingabe für ein Wohnhaus eingereicht wurde. Das Phänomen, dass immer mehr Wohnraum benötigt wird, ist schweizweit bekannt. Da spielen soziologische oder demografische Aspekte sicherlich eine Rolle. Stichwort sind Scheidungen, kleinere Familien, Single-Haushalte und Einwanderer.

Besteht mehr Bedarf nach Eigentum oder nach Mietwohnungen?

Wir haben deutliche Signale, dass die Nachfrage nach guten Mietobjekten steigt – besonders bei Besserverdienenden. Sie können flexibler und selbstständiger bleiben, als wenn sie Eigentum kaufen.

Viele Menschen arbeiten in Grenchen, wohnen aber woanders. Wirtschaftlich geht es der Stadt doch nicht schlecht, dennoch nimmt die Wohnbevölkerung nicht zu.

Grenchen verfügt über eine Industrie, die nur ein gewisses Segment von Berufsbildern einstellen kann. Akademiker oder Wissenschafter ziehen kaum aus beruflichen Gründen nach Grenchen. Viele der Arbeitskräfte, die nach Grenchen pendeln, kommen aus dem Jura, aus der Westschweiz, was vermutlich mit der traditionellen «Uhrenstadt» Grenchen zu tun hat. Ausserdem verlangt zum Beispiel die Swatch Group als Konzern von ihren Mitarbeitern diese Flexibilität und Mobilität.

Bewirkt die Erstellung von neuem Wohnraum und die damit verbundene Verlagerung aus alten Wohnbauten in neue nicht auch, dass eher problembelastete Quartiere noch mehr Probleme bekommen?

Nein. Ich sehe aber woanders ein Problem. Ich befürchte, dass es im Bereich der klassischen Einfamilienhäuser zu längeren Leerbeständen kommen könnte. Zahlreiche Einfamilienhäuser in Grenchen haben ein gewisses Alter. Und hier müssen sich die Besitzer darüber klar werden, ob sie nun sanieren oder verkaufen wollen. Ein Verkauf wird nicht einfach, mangels Kundschaft. Die Anzahl der Leute mit dem das nötigen Eigenkapital, um selber kaufen zu können, nimmt tendenziell ab. Bei vielen dieser Objekte muss meines Erachtens der nötige Effort zu einer Sanierung oder minimalen Werterhaltung vorgenommen werden. Insgesamt ist die Entwicklung aber durchaus positiv.

Wie steht es um leer stehende Industriebauten, die umgenutzt werden könnten?

Es gibt nur noch marginale leer stehende Industrie- oder Gewerbeflächen in Grenchen, grössere Objekte gibt es keine mehr. Besitzer von Liegenschaften mit gemischter Nutzung sind zum Schluss gekommen, entweder jetzt zu investieren, um eine Rendite zu erwirtschaften oder sie fürchten, in ein bauliches Dilemma zu geraten. Ich stelle immer noch fest, dass man von extern den Eindruck hat, in Grenchen gebe es noch grosse, leere Gebäude, aber das stimmt einfach nicht. Was wir haben, ist eine anständige Baulandreserve, aber auch diese verdichtet sich langsam. Und wir müssen sie klug bewirtschaften.

Alterswohnungen: Mehrere Projekte sind im Bau oder in der Planung. Besteht nicht die Gefahr, dass Grenchen zum «Altersheim» des Kantons mutiert und zu viel gebaut wird?

Auf den ersten Blick: Ja. Auf den zweiten Blick muss man zuerst anschauen, wie die Projekte konzipiert sind. Sind die Gebäude so geplant, dass sie mit wenigen Änderungen zu normalen Wohnbauten verändert werden können, ist das positiv zu werten. Investoren sind gut beraten, flexibel zu bauen, sodass den Bedürfnissen polyvalent Rechnung getragen werden kann. Zum anderen habe ich ein wenig das Gefühl, dass das Schlagwort «Alterswohnungen» en vogue ist. Rollstuhlgängig muss man sowieso bauen und das einzige wirkliche Alterswohnzentrum mit medizinischer Versorgung ist das Projekt 60+. Und auf dieses hat man in Grenchen gewartet.

Wäre damit das Bedürfnis gestillt?

Danach denke ich, braucht es nicht mehr, aber ich kann mich täuschen... Aber: Wir müssen in der Stadt einen Effort leisten, jüngere Leute und Familien nach Grenchen zu bringen. Es ist unter anderem eine Aufgabe des Standortmarketings, aufzuzeigen, dass die Stadt ein attraktiver Wohnstandort ist. Ich kann einfach immer nur die Wohnqualität betonen, die man vielleicht erst auf den zweiten Blick erkennt, die aber nicht herbeigeredet ist, sondern tatsächlich vorhanden ist.

Sind die tiefen Mieten einer der Pluspunkte für die Attraktivität?

Die Mieten dürften ruhig noch etwas steigen. Die Frage ist nur, wie der Markt reagiert. Grenchen unterliegt derselben tendenziellen Entwicklung bei den Mietzinsen wie die ganze Schweiz, aber Spitzenreiter werden wir wohl kaum. Für Investoren sind die günstigen Bodenpreise interessant. Andererseits sind die Mieten anderswo sicherlich eher zu hoch.

Zeichnen sich bei den geplanten Bauwerken Prunkstücke ab?

Im Industriebereich hat sicherlich Breitling die Nase vorne. Es gibt einige schöne neue Einfamilienhäuser und einige sehr gelungene Sanierungen, wie zum Beispiel die Swatchbauten an der Schmelzistrasse. Im Zentrum wird Raiffeisen sicherlich einen anständigen Bau aufstellen. Auch 60+ überzeugt architektonisch. Prunkstücke im Sinne von überragenden Bauten könnte die Wakker-Stadt vielleicht wieder einmal einen gebrauchen, vielleicht wird ja das Velodrom so einer. Jedenfalls wäre das wünschenswert. Wenn sich der Wettbewerb, den die Berntor AG auf dem Areal des Spitals lanciert hatte, umgesetzt würde, gäbe das sicher einen guten Wurf. Letztlich ist das aber nicht entscheidend, wir können erst korrigierend bei drohenden ästhetischen Entgleisungen einwirken.

Wie sieht es mit dem geplanten Hochhaus aus?

Soviel ich weiss, ist das noch nicht ganz gestorben, aber so ein Objekt zu initiieren ist schwierig. Man muss auf dem Papier schon alle Nutzer im Boot haben. Mit den Eigentümern, Real Estate, haben wir ein ausgezeichnetes Verhältnis und die werden ganz sicher etwas bewegen. Es gibt viele Signale, die extrem zuversichtlich stimmen. Es gab Zeiten anfangs 2000, da war es einfach nur schwierig, da passierte nichts.