Zuhause am Girardplatz
Der 60 plus AG steht das Wasser bis zum Hals

Den Bau der Senioren- und Familienresidenz «Zuhause am Girardplatz» hat die Bauherrin 60 plus AG dem Totalunternehmer Baumag AG zu über 20 Millionen Franken übertragen. Doch der hat hohe Schulden bei den Handwerkern.

Patrick Furrer
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Die 60 plus AG, Bauherrin von «Zuhause am Girardplatz», reicht Strafanzeige ein, weil sie betrogen wurde.

Die 60 plus AG, Bauherrin von «Zuhause am Girardplatz», reicht Strafanzeige ein, weil sie betrogen wurde.

Patrick Furrer

Den allergrösste Teil des Geldes hat die 60 plus AG der Baumag bereits überwiesen, doch die beauftragten Subunternehmer warten zum Teil immer noch auf ihren verdienten Lohn, und dies, obwohl das Geld längst zur Zahlung fällig gewesen wäre. Gerüchten zufolge soll es sich um rund 3 Millionen Franken handeln, die die Baumag den Handwerkern schuldig bleibt. Der Grund für die offenen Rechnungen: Der Totalunternehmer Baumag hat grosse Liquiditätsprobleme, der Konkurs droht. «In Grenchen sind offene Forderungen vorhanden, die wir aufgrund unseres akuten Liquiditätsengpasses nicht mehr begleichen können», erklärt Sandra Wetzel, Sprecherin der Baumag Generalbau AG, die Situation.
Medienberichten zufolge soll sich die Baumag bei anderen Projekten verkalkuliert haben. Damit gerät nun auch das Projekt der «Wohlfühloase am Girardplatz» in Schieflage. Obwohl für Mieter kein akuter Grund zur Sorge bestehe, sei das «eine ganz schwierige Situation», sagt Frank Schneider, Architekt und Verwaltungsratspräsident von «60 plus». Obschon man die letzte Tranche an die Baumag zurückbehalten und nicht mehr ausbezahlt habe, stehe man nun vor grossen Problemen.
Strafanzeige gegen «unbekannt»
Denn obwohl die Handwerker nicht direkt bei «60 plus» unter Vertrag stehen, könnte die Bauherrin dazu verpflichtet werden, die millionenschweren Ausstände zu begleichen. Ein Teil der Handwerker will zur Wahrung ihrer eigenen Interessen nun das Bauhandwerkerpfand beanspruchen, um sich ihren Lohn zu sichern. Das würde bedeuten, dass die 60 plus AG die Rechnungen quasi ein zweites Mal bezahlen müsste. Recherchen zeigen zudem, dass nebst den rund 36 Mietwohnungen auch insgesamt 23 Wohnungen zum Verkauf stehen, wovon 12 bereits veräussert wurden. Pikant: Die neuen Privateigentümer könnten durch das Pfand ebenfalls dazu genötigt werden, einen Teil der Ausstände zu begleichen.
Frank Schneider ist über das Geschäftsgebaren der Baumag AG entrüstet. Aber auch die Bank des Totalunternehmers ist in seiner Wahrnehmung nicht über alle Zweifel erhaben. Das Geld von «60 plus» sei bei der Credit Suisse auf einem eigens für das Girardplatzprojekt eingerichteten Konto einbezahlt worden. Doch genutzt wurde es offenbar vertragswidrig und für andere Zwecke. Wofür sei unklar, ebenso, wer die Zweckentfremdung zu verantworten habe. «Die Zahlungsbelege wurden uns bisher vorenthalten», sagt Frank Schneider, weshalb er einen Anwalt eingeschaltet hat. «Wir prüfen ernsthaft, Strafanzeige wegen Veruntreuung gegen unbekannt einzureichen.» Für ihn stehe es ausser Frage, dass der Schuldige bei der Credit Suisse oder der Baumag zu finden sein muss. Die Credit Suisse verzichtete gestern auf eine Stellungnahme.
Bauherrin braucht mehr Zeit
An einem Strohhalm hält sich Schneider noch fest: Die Baumag hat ein Gesuch um Nachlassstundung gestellt. Wird dem Begehren nicht stattgegeben, muss «60 plus» einzeln mit den Subunternehmern verhandeln und nach Fall-zu-Fall-Lösungen suchen. Es würde aber nicht einfach sein, das nötige Geld zu beschaffen, und es könne lange dauern, bis dieser «erhebliche Schaden» aus eigener Kraft überwunden werden kann, sieben bis acht Jahre, schätzt Schneider.
Wie es nun weitergeht, hängt zum einen davon ab, ob dem Totalunternehmer Baumag die Nachlassstundung gewährt wird (der Entscheid fällt am 26. Oktober), zum anderen davon, wie die weiteren Verhandlungen zwischen Bauherrin und Subunternehmer ausgehen. Erste Gespräche haben stattgefunden, und Frank Schneider sieht sich auch moralisch in der Pflicht, dass die Handwerker zumindest teilweise zu ihrem Recht kommen. Auch dafür, dass die zwölf Wohnungskäufer nicht für die Fehler anderer den Kopf hinhalten müssen, wolle er sich einsetzen.