Dem Leiter des Rettungsdienstes Grenchen ist unlängst ein Erlebnis quer eingefahren. Auf der Strasse auf den Grenchenberg hat er auf dem Weg ins Jagdrevier einen älteren Mann vorgefunden, der wie leblos neben der der Strasse lag. Natürlich hat Grichting angehalten und erste Hilfe geleistet, auch wenn er nicht im Dienst war. «Der Mann war wohl unglücklich gestürzt und ist mit dem Kopf auf den Fels aufgeschlagen. Er hat geblutet und konnte aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen», berichtet Grichting. Natürlich hat er auch per Telefon seine Kollegen vom Rettungsdienst aufgeboten.

So weit, so gut. Wäre da nicht die Tatsache, dass vor ihm nicht weniger als fünf Fahrzeuge an dem offensichtlich hilfsbedürftigen Mann vorbeigefahren sind, wie dieser berichtete und Grichting selber feststellen konnte. «Der Mann hatte sogar noch die Beine auf der Fahrbahn. Er hätte überfahren werden können.»

Weiteren Fall erlebt

Dass niemand angehalten hat und Hilfe leistete, empört Grichting. «Sind wir schon so weit, dass in derart offensichtlichen Fällen die Gleichgültigkeit überwiegt?», fragt er sich. Und leider ist das nicht der einzige Fall von unterlassener Hilfeleistung, über den er berichten muss. «In den letzten Wochen haben wir beim Rettungsdienst weitere Beispiele erlebt, wo Mitarbeiter privat und zufällig an Situationen gerieten, in denen niemand sonst geholfen hätte», so Grichting.

Er berichtet von einer Frau mit Rollator, die völlig entkräftet auf dem Marktplatz vorgefunden wurde. Aber von den Passanten hat niemand reagiert, ausser einem Rettungsdienst-Mitarbeiter, der zufällig und auch in seiner Freizeit in der Nähe war. Anders verlief es, als kürzlich ein Mann auf dem Parkplatz der Landi einen Herzinfarkt erlitt. Hier leistete ein Kunde erste Hilfe, bis auch ein Rettungsdienst-Mitarbeiter zur Stelle war.

Lieber einmal zu viel

Zumindest eines könne und müsse man von jedermann erwarten: die Ambulanznummer 144 anzurufen. «Wir rücken lieber einmal zu viel aus als einmal zu wenig», betont Grichting. Auch sei es nicht verboten, sich in der Zwischenzeit um die Betroffenen zu kümmern. «Niemand kann bei uns dafür belangt werden, wenn er bei der ersten Hilfe etwas falsch macht. Hingegen wenn er gar nichts macht schon», ruft der Rettungsdienst-Chef in Erinnerung. 

Natürlich höre man auch gelegentlich «Räubergeschichten» von gestellten Unfallszenen, bei denen die vermeintlichen Opfer ihre Helfer ausraubten. «Aber bei uns habe ich das noch nie erlebt.»

«Können nicht überall sein»

Und auf belebten Plätzen kann das ja kein Vorwand für unterlassene Hilfeleistung sein. «Die Teilnahmslosigkeit ist wohl ein gesellschaftliches Phänomen. Aber ich hoffe doch, dass sie in Grenchen nicht weiter um sich greift», so der Rettungsdienst-Leiter.

Der Rettungsdienst mit seinen gut 20 Mitarbeitenden leistet pro Jahr 1700 bis 1800 professionelle Einsätze. Darüber hinaus seien die Mitarbeiter auch als Privatleute mit offenen Augen und Ohren unterwegs und würden helfen, wenn sie an Unfallsituationen geraten. «Sozusagen sind wir immer im Dienst. Doch überall können wir nicht sein.»

Im Fall des Mannes mit Herzstillstand auf dem Landi-Areal kam ein Defibrillator zum Einsatz, der in der benachbarten Firma Burgener Transporte stationiert war. Damit und dank dem beherzten Eingreifen des Passanten konnte der Mann rechtzeitig reanimiert werden. «Insbesondere an Orten mit grossem Publikumsverkehr wie beispielsweise bei Grossverteilern sollten Defibrillatoren greifbar sein», meint Grichting.

Etwa 30 Defibrillatoren

Auf dem Gebiet der Stadt befinden sich gemäss seiner Schätzung etwa 30 solcher Geräte, die automatisch eine Diagnose stellen und gegebenenfalls mittels Elektroschock die Herztätigkeit wieder in Gang zu bringen versuchen. Eine Lautsprecherstimme gibt zudem Instruktionen zur Herzmassage.

Die meisten Defibrillatoren befinden sich in Grenchen in grösseren Firmen, welche ihre Mitarbeitenden selber in der Handhabung der Geräte instruieren. Auch die Stadt selber hat vor einigen Jahren insgesamt acht Geräte an öffentlich zugänglichen Stellen installiert. Sie kamen bisher aber erst viermal zum Einsatz.

«Wir fragen uns, ob wir wieder einmal einen Kurs zu deren Handhabung anbieten sollten.» Obwohl die Geräte ja eigentlich selbsterklärend seien.