Ahnfrauen, Sonnenlöcher, Quellenkulte, Hexenplätze und Steinheiligtümer: Die Ausschreibungen der Studienreisen von Kurt Derungs zu europäischen Kraftorten sind gespickt mit solchen Begriffen. Dem Ethnologen geht es nicht um die Förderung der Esoterik. Für ihn steht die Erforschung und Vermittlung der mythologischen und kulturellen Bedeutung der Orte im Lauf der Jahrtausende im Vordergrund.

Ausgehend von der Bronze- oder Jungsteinzeit, nimmt er Interessierte mit auf eine Zeitreise bis zur Gegenwart. Bräuche aus vorchristlicher Zeit münden dabei oft in Heiligenverehrung und lassen sich heute, ergänzt mit ökologischen Argumenten, für den Tourismus nutzen.

Die drei Elemente

«Ideal sind für mich Orte, an denen sich eine Sage mit einem sichtbaren Merkmal und einem Volksbrauch verbindet. Solche Merkmale können eine Quelle, eine Höhle, eine Schlucht, ein Baum oder ein Stein sein, zum Beispiel in Form eines Menhirs.»

Plätze, an denen alle drei Bedingungen erfüllt sind, gibt es in Europa einige. Der Bekannteste ist das englische Stonehenge. Nicht verwunderlich ist deshalb, dass sich der Kulturanthropologe Kurt Derungs in seinem Spezialgebiet mit Gleichgesinnten in Grossbritannien austauscht. «Dort geht die Forschung zurück bis ins 17. Jahrhundert, bei uns in Mitteleuropa steckt sie noch in den Kinderschuhen», sagt er. Entsprechend leiste er mit seiner Akademie der Landschaft in der Schweiz Pionierarbeit.

Fehlende Puzzleteile in Grenchen

In Grenchen findet Kurt Derungs abgesehen vom Schalenstein keinen Bezug zu seiner Tätigkeit, und dieser ist weder Mittelpunkt einer (noch) bekannten Legende noch eines Brauchs. «In Grenchen fehlen mir eine Menge Puzzleteile», ist er sich bewusst. «Besonders gern hätte ich eine Sage zum Grenchenberg.»

Dass der Fachautor und Forscher nach der Promotion an der Uni Bern seine Zelte vor 13 Jahren dennoch hier aufgeschlagen hat, begründet er mit der guten Verkehrslage und der hohen Lebensqualität, die die Kleinstadt im Grünen bietet. Im Übrigen sei er nicht so weit ab vom Schuss, wie vermutet. «Von Oberbipp quer durch den Kanton Solothurn bis nach Genf zieht sich eine Megalith-Kultur, in der der Schalenstein ein Bindeglied bildet. Das ist vielen Leuten nicht bewusst.» Eine Bildungslücke, der er nächstes Jahr mit einer Reise entgegenwirken will.

Dieses Jahr plant der Wahlgrenchner mit Bündner Wurzeln drei Reisen nach Galicien (Spanien), ins Burgund und in die Vogesen. Gebucht würden diese von kulturell und mythologisch Interessierten aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und Frankreich.

Die Stammgäste, die sich Kurt Derungs in seiner über 20-jähriger Reiseleitertätigkeit angeschlossen haben, sind eine bunte Schar: vom Museumskurator über die Historikerin, den Lehrer und die Heimatforscherin, bis zum kulturell interessierten Rentner sei alles dabei. Die meisten gehören zum Alterssegment 40plus: Die Vermittlung von Fachwissen abseits ausgetretener Pfade hat ihren Preis.

Mathe und Sprache verbinden

Angefangen hat für Kurt Derungs alles mit der sogenannt strukturalistischen Mythenforschung. Er erklärt: «Dabei verbinden sich Sprache und Mathematik. Es zeigen sich Motive, die sich wiederholen.» Eines der bekanntesten hierzulande sei der Tell-Schuss, ein Geschehen, das in mehreren Ländern in ähnlicher Form erzählt wird. «Mit der Sagenforschung ist es natürlich nicht getan. Nötig sind auch Kenntnisse zu Volksbräuchen und Astronomie.» So sei er im Studium vom Text auf den Ort gekommen.

Etwa 30 Bücher habe er inzwischen zur Landschaftsmythologie publiziert. Unter anderem ist Kurt Derungs der Legende der heiligen Verena nachgegangen und den Märchen der Gebrüder Grimm. Bei den Essays in Fachzeitschriften habe er längst aufgehört zu zählen.