Spitalzentrum und Corona

«Den goldenen Mittelweg gibt es nicht», sagt der Spitaldirektor

Kristian Schneider, Direktor des Spitalzentrums Biel

Kristian Schneider, Direktor des Spitalzentrums Biel

Kristian Schneider, Direktor des Spitalzentrums Biel, das eng mit den Spitälern der Region - Solothurn, Olten, Bern - zusammenarbeitet, äussert sich im Interview zur aktuellen Situation inmitten der Coronapandemie, den Herausforderungen fürs medizinische Personal und zu Verschwörungstheorien.

Kristian Schneider, wie ist die aktuelle Situation im Spitalzentrum Biel bezüglich Covid-19-Patienten?
Kristian Schneider: Heute Morgen um 7 Uhr (Stand 4.12.) hatten wir 34 Covid-19-Patienten auf der Normalabteilung, drei Patienten auf der Intensivstation (IPS), wovon einer beatmet wird.

Haben sich die Zahlen etwas reduziert in den letzten Wochen?
Das ist so. Im letzten Drittel von Oktober ging es los mit der zweiten Welle, und wir erreichten ein Maximum von insgesamt 67 Covid-19-Patientinnen und -Patienten. Seit drei Wochen sind die Zahlen gesunken und wir betreuen jetzt im Schnitt zwischen 31 und 37 Covid-Patienten. Dieses Niveau hat sich eingependelt. Was wir allerdings anders gemacht haben als viele andere Spitäler: Wir haben schon im Frühling in Überdruckmasken für die Beatmung von Patienten investiert (High-Flow-The­rapie). Diese Geräte sind seit Oktober permanent im Einsatz. Damit konnten wir nicht nur verhindern, dass Intensivpatienten verlegt werden mussten, sondern auch bei vielen Patienten eine Intubation vermeiden. Denn: Hat man den Schlauch erst einmal im Hals, wird man ihn so schnell nicht wieder los.

Kann man etwas zur Demografie der an Covid-19-Erkrankten sagen?
Wir haben keine (und hatten auch nie) Kinder als Patienten. Die jüngsten
Patientinnen und Patienten sind um die 30 bis 35 Jahre alt. Auch ohne Vorerkrankungen haben sie zum Teil schwere Verläufe. Die grosse Masse der Patienten allerdings ist älter, meist mit Vorerkrankungen und in einem schlechten Gesundheitszustand, wenn sie im Spital aufgenommen werden.

Wie lange verbleiben Covid-19-Patienten im Schnitt im Spital oder auf der Intensivstation?
Das ist schwierig zu beantworten. Zwischen wenigen Tagen und Wochen, analog zu den sehr unterschiedlichen Verläufen bei diesem Virus: zwischen praktisch keinen Symptomen bis zu gravierenden Krankheitsverläufen. Mit zunehmendem Wissen über die Krankheit und erfolgversprechenden Therapien bleiben die Patienten auch weniger lang im Spital.

Westschweizer Spitäler mussten mit der Rega Patienten in die Deutschschweiz verlegen, weil ihre Intensivstationen voll waren. War oder ist das Spitalzentrum Biel auch betroffen?
Wir haben zur Hochphase der zweiten Welle Patienten aus anderen Spitälern bei uns aufgenommen. Ein bis zwei Tage waren wir selbst recht knapp bei den Intensivbetten. Die Statistiken des koordinierten Sanitätsdiensts zeigen klar: Zum Glück haben wir, schweizweit gesehen, die Bettenzahl hochgefahren, denn die Spitäler hätten es sonst nicht mehr geschafft. Es standen nur noch gerade rund 5 % der IPS-Betten für alle anderen, schwer kranken Menschen zur Verfügung.

Haben Sie in Biel die Anzahl IPS-Betten auch erhöht?
Nein, das mussten wir nicht. Unser Chefarzt Intensivmedizin, Marcus Laube, ist in ständigem Kontakt mit seinen Kollegen in anderen Spitälern. Alle führen Statistiken über ihre Patienten, sodass wir stets wissen, wie viele es sind, wie viele beatmet werden und so weiter. Solange es in der regionalen und überregionalen Koordination noch Platz für Verlegungen gibt, muss man keinen zusätzlichen Platz schaffen. Aber wir müssen garantieren, dass wir schnell reagieren können, falls Bedarf besteht. Was wir bisher nicht tun mussten und auch zukünftig nicht tun wollen, ist, aus Ressourcengründen eine Triage vorzunehmen; das heisst, einem Patienten etwas wegzunehmen, weil ein anderer Patient es dringend braucht. Solange es irgendwo in der Schweiz Platz gibt, wird ein Patient, falls wir ihn nicht bedarfsgerecht versorgen können, verlegt.

Hat das Spitalzentrum nach wie vor die Kapazität, die Region angemessen zu versorgen?
Ja. Wir führen nur keine nicht dring­lichen Wahleingriffe durch, bei denen wir von vornherein wissen, dass die Patienten zwei, drei Tage auf der Intensivstation verbringen müssen. Das ambulante Geschäft haben wir normal weitergeführt. Man muss wissen: Während der ersten Welle wurden vielerorts ein paar Krankheiten verpasst, weil die Menschen nicht mehr zum Arzt gingen, sei es, dass es kein Angebot gab, sei es, dass sie dachten: «Mit meinem linksseitigen Stechen will ich das System nicht auch noch überfordern», – und dann kam es zu verschleppten Herzinfarkten.

Wie sieht es beim Personal aus? Hatten Sie mit Ihrem Aufruf Erfolg?
Wir haben tatsächlich einige Leute gefunden, es haben sich auch sehr viele Menschen gemeldet. Nur mussten wir bezüglich Qualifikation und Eignung eine Auswahl treffen. Man muss verstehen: Das Personal kam im Peak der zweiten Welle nicht nur wegen der vielen Patienten an seine Belastungsgrenze. Wir Spitäler machen dasselbe durch, wie die Gesellschaft auch: Auf 1500 Mitarbeitende hatten wir zeitweise jeden Tag zwischen zwei bis zehn Leute, die in Quarantäne oder Isolation bleiben mussten. Den Aufruf haben wir aber auch gestartet, weil wir in Zeiten des Fachkräftemangels tendenziell zu wenig Pflegepersonal haben. Die Pandemie dauert an, und viele Pflegende sind langsam sehr müde. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu schauen – und das bedeutet auch, dafür zu sorgen, dass wir grundsätzlich über genügend Mitarbeitende verfügen.

Trotz sinkender Fallzahlen in den letzten Tagen und Wochen sind die Todesfallzahlen hoch. Skeptiker behaupten, diese Menschen seien nicht an, sondern höchstens mit Corona gestorben und die Spitäler würden sie nur als Covid-19-Patienten ausweisen, weil sie damit Geld verdienen. Was sagen Sie dazu?
Das ist Mumpitz. Fakt ist: Covid-19-Patienten sind Patienten, bei denen wir als Spital grundsätzlich drauflegen: Die Berechnung für einen vollen Covid-19-Fall wurde in der ersten Welle gemacht. Jetzt sind die Patienten weniger lang im Haus, weshalb wir einen Abzug kriegen und an einem Covid-Fall nichts verdienen. Im Gegenteil: Die High- Flow-Therapie können wir nicht einmal abrechnen. Das sind 50 Liter Sauerstoff pro Minute und sehr aufwendige Pflege – das wird alles nicht bezahlt. Wir wären schlecht beraten, Todesfälle als Covid-19-Patienten auszuweisen, um unsere Gewinn- und Verlustrechnung zu frisieren. Es ist so: Wir haben hier im Spital Covid-19-Todesfälle. Ins Spital kommt man ja erst, wenn’s einem schlecht geht; sonst lässt man sich zu Hause vom Hausarzt oder der Spitex betreuen. Täglich sterben in der Schweiz 100 bis 150 Menschen an Covid-19. Das ist sehr tragisch und wir würden gerne jeden Todesfall verhindern, das ist unsere Mission. Für das Personal ist das eine riesige Belastung: Wir haben ein neues Virus seit bald einem Jahr und uns sterben die Menschen teils einfach weg, manchmal täglich. Glauben Sie mir: Da kommt kein Finanzdirektor und «tagged» einen Patienten so, dass er besser abrechnen kann.

Weshalb haben solche Reaktionen dermassen Aufwind?
Wahrscheinlich, weil die Leute genug haben von Corona. Auch wir würden gerne ohne Covid-19 leben. Wir haben es hier aber mit einem Virus zu tun, das sehr gefährlich sein kann. Leider hat sich nicht die ganze Bevölkerung an die Empfehlungen gehalten – grösser hätten die Plakate ja nicht sein können,
mit Abstand einhalten, Masken tragen, Händehygiene und den ganzen Vorsichtsmassnahmen. Die Bevölkerung scheint Mühe zu haben, ihre Eigenverantwortung wahrzunehmen, vielleicht, weil die Menschen nicht direkt betroffen sind; es kommt ihnen zu wenig nahe. Sie schreien nach Freiheit, aber unter Pandemie-Bedingungen können sie mit Freiheit nicht umgehen. Das ist auch verständlich, weil sie nicht – wie die Pflegenden in den Spitälern – fast jeden Tag Covid-19-Patienten sterben sehen.

Halten Sie die verordneten Massnahmen für passend, ausreichend oder zu streng?
Um die aktuellen Diskussionen zusammenzufassen: Es gibt viele Leute, die sagen: «Wir können doch nicht unsere gesamte Wirtschaft an die Wand fahren, nur weil ein paar alte Menschen an dem Virus sterben. Wir müssen Umsatz machen und Arbeitsplätze erhalten.» Folglich versucht man, einen Zwischenweg zu finden. Also verschiebt der Regierungsrat beispielsweise die Öffnungszeiten von Restaurants nach vorne, statt sie ganz zu schliessen, um die Dauer der Gefährdung etwas zu verkleinern. Wenn die Zahlen dann nicht so schnell sinken, wie man es gerne hätte, heisst es schnell, die Politik macht nicht genug. Hätte sie aber mehr gemacht, wäre die Wirtschaft noch mehr an die Wand gefahren worden. Mit anderen Worten: Die goldene Mitte gibt es bei diesem Virus nicht.

Was also ist zu tun?
Wir alle müssen dafür sorgen, dass es nicht schlimmer, sondern langsam besser wird, und uns jetzt alle zusammenreissen. Wir müssen uns gewissermassen bis zum Impfstoff «duresüüche». Wir haben gar keine andere Wahl. Deshalb mein dringender Appell an die Bevölkerung, sich angesichts der bevorstehenden Feiertage korrekt zu verhalten. Jede und jeder müsste in den Spiegel sehen und sich fragen: Was kann mein Beitrag sein?

Rechnen Sie mit einer dritten Welle nach Weihnachten?
Ja, bestimmt. Die Frage ist bloss, wie gross sie wird. Das können wir jetzt entscheiden. Die Frage ist nur, muss das über Gesetze geschehen oder kriegen wir das auch mit einer Anpassung unseres Verhaltens hin? Die erste Welle hat die Bevölkerung hervorragend gemeistert und dabei alles richtig gemacht. Im Sommer und Frühherbst schien aber alles vergessen, und die Rechnung haben wir jetzt bezahlt. Geschafft haben wir es nur, weil wir in der Schweiz über ein gut ausgebautes Gesundheitswesen verfügen. Dafür müssen wir der Politik und der Bevölkerung dankbar sein. Unter italienischen Gesundheitssystem-Verhältnissen wäre die Schweiz zur zweiten Lombardei geworden. Mit viel zu wenig Intensivbetten wären uns die Menschen wie Fliegen weggestorben. Für mich steht fest: Als einer der Corona-Hotspots Europas ist die Schweiz nur dank ihres gut ausgebauten Gesundheitssystems bisher glimpflich davongekommen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1