Grenchen
Dem Verbrechen auf der Spur: Was geschah mit Jolanda?

Im Jahr 1935 sorgte das Verschwinden einer hochschwangeren jungen Frau in Grenchen für viel Gesprächsstoff. Ihr Liebhaber, ein Grenchner Landwirt, wurde des Mordes angeklagt.

Fränzi Rütti-Saner
Merken
Drucken
Teilen
Was geschah mit Jolanda? Vor 78 Jahren wurde in Grenchen ein Verbrechen verübt
3 Bilder
Walter Ris, Verdächtigter.
Jolanda Ceretto, Opfer.

Was geschah mit Jolanda? Vor 78 Jahren wurde in Grenchen ein Verbrechen verübt

Etwas oberhalb Grenchen, an der Bergstrasse, liegt der Mohlerhof. Hier wohnte der des Mordes an der Italienerin Jolanda Ceretto angeklagte Walter Ris, geboren 1900, zusammen mit seinem alten Vater und der Haushälterin Frieda Heiniger», schreibt Lokalhistoriker Anton Ris in seinem Buch «Mordfall Ris auf dem Mohlerhof».

Es geht um eines der spektakulärsten und grausamsten Verbrechen im Kanton Solothurn, eine Tat, die 1935/36 in der ganzen Schweiz für viel Aufsehen sorgte.

Ris schreibt: «Die Eltern Ris galten als geizig. Sohn Walter musste auf dem Hof hart arbeiten und versäumte daher oft den Schulunterricht. Mit 27 Jahren entschloss er sich, das Elternhaus zu verlassen, da er von den Eltern keinen Lohn bekam. Daraufhin verkauften die Eltern ihm den Hof für 48'000 Franken, und erhielten im Gegenzug das Wohnrecht. Da sich der Hof in einem bedenklichen Zustand befand, musste Walter immer wieder Reparaturen durchführen lassen, was dazu führte, dass der Hof hoch über seinem Verkehrswert belastet war. Die Geldknappheit führte immer wieder zu Streit in der Familie. 1933 starb die Mutter Ris.»

Ein Beziehung mit Folgen

Unterhalb des Mohlerhofes, an der Allerheiligenstrasse, wohnte die Familie Ceretto, eine italienische Emigrantenfamilie mit ihrer Tochter Jolanda im Haus der Frau Monbaron. Im gleichen Haus wohnte auch noch eine alleinstehende Frau Favre, mit der Walter Ris im Jahr 1930/31 eine Beziehung unterhielt.

Diese blieb nicht ohne Folgen, denn Frau Favre reichte im Jahr 1931 eine Vaterschaftsklage gegen Ris ein, die jedoch vor Obergericht abgewiesen wurde. Grund für dieses Urteil waren die Aussagen von Frau Monbaron und Jolanda Ceretto zugunsten von Walter Ris. Von diesem Zeitpunkt an wurden Walter Ris und Jolanda Ceretto von verschiedenen Leuten zusammen gesehen. Man nahm an, dass die beiden ein Liebesverhältnis pflegten.

30 Franken Pensionsgeld

Jolanda wurde schwanger und erzählte im Sommer 1934 ihrer verheirateten Schwester, einer Frau Lehmann-Ceretto in Solothurn, von ihrer Schwangerschaft. Doch Ris bestritt energisch, der Vater dieses Kindes zu sein. Er veranlasste, dass Jolanda im November in La Chaux-de-Fonds eine Stelle als Dienstmädchen antrat. Doch schon am 7. Januar 1935 kehrte die junge Frau von dort zurück und nahm bei ihrer Schwester in Solothurn Wohnsitz, um die Entbindung abzuwarten.

Walter Ris konnte Frau Lehmann von einer «Schwängerungsanzeige» abhalten, als er versprach, die Kosten für die Unterbringung von Jolanda zu übernehmen. Ende Januar erhielt die werdende Mutter von Ris 30 Franken Pensionsgeld, im Februar bekam sie noch einmal 30 Franken.

Spur verliert sich am 10. März

Weil im März kein Geld kam, reiste Jolanda am 7. März nach Grenchen, um bei Ris Geld zu holen. Mit ihrer Schwester vereinbarte sie, dass sie am 10. März wieder zurück in Solothurn sei. Am 8. März besuchte sie ihre Mutter in Grenchen. Dieser erklärte sie, dass sie die Nacht zuvor bei Ris verbracht habe.

Am Abend des 10. März verabschiedete sie sich von ihrer Mutter und sagte, dass sie noch einmal bei Ris vorbeigehe, um die versprochenen 100 Franken zu holen. Ris werde sie dann zum Bahnhof begleiten.

Von diesem Zeitpunkt an blieb Jolanda Ceretto spurlos verschwunden. Am 14. März erkundigte sich die Schwester aus Solothurn bei Walter Ris nach Jolanda. Dieser erklärte ihr, dass er Jolanda seit Herbst 1934 nicht mehr gesehen habe. Daraufhin meldete man das Verschwinden der Hochschwangeren der Polizei in Grenchen.

Ris bestreitte Alles

Ris wurde befragt und als Hauptverdächtiger für ein begangenes Verbrechen am 19. März 1935 in Haft genommen. Er bestritt bei allen Vernehmungen, mit Jolanda jemals ein Liebesverhältnis gehabt zu haben. Er habe ihr auch nie Geld gegeben. Er versuchte alles zu vertuschen, was die Untersuchung äusserst schwierig machte. In der Bevölkerung kursierten in diesen Tagen die wildesten Gerüchte über das Verschwinden der Frau.

Für das Auffinden von Jolanda Ceretto wurde eine Belohnung von 300 Franken ausgeschrieben. Die Polizei suchte die Vermisste auch mit Hilfe von Arbeitslosen in der Umgebung des Hofes und im Wald, ohne jedoch den kleinsten Hinweis zu finden.

Erstaunlicherweise stütze Frau Monbaron sowie die Haushälterin von Ris, Frieda Heiniger, die Aussagen des Verdächtigten. Die Haushälterin, die offenbar Heiratsabsichten mit Ris hegte, gab aber an, dass dieser zwei Tage nach dem Verschwinden von Jolanda Briefe verbrannt habe. Ris bestritt dies.

Ein geladener Revolver

Die Polizei fand bei einer Hausdurchsuchung im Schlafzimmer einen Trommelrevolver, geladen mit vier scharfen Patronen. In einer Kammer steckte die Hülse einer abgefeuerten Patrone. Damit konfrontiert meinte Ris, er habe den Revolver gelegentlich zum Töten von kranken Ferkeln benutzt. Der beigezogene Waffenexperte fand heraus, dass mit dem Revolver nur ein Schuss abgefeuert worden sei.

Damit konfrontiert meinte Ris, er habe immer nur aus der gleichen Revolverkammer geschossen und die Hülse jeweils mit einem Metallstift ausgestossen. Über den Kauf der Munition gab er an, diese im Jahr 1932 oder 1933 in Biel gekauft zu haben. Erkundigungen ergaben, dass diese Munition im September oder Oktober 1934, also erst nach Bekanntwerden der Schwangerschaft von Jolanda, in Biel gekauft worden war.

Die Polizei fand auch mehrere Liebesbriefe von Ceretto an Walter Ris, versteckt im Haus, da – wie den Briefen zu entnehmen war – scheinbar der alte Vater Ris nichts vom Verhältnis seines Sohnes wissen durfte. Walter Ris stritt dennoch die Bekanntschaft mit Jolanda ab, auch wenn mehrere Zeugen ihre vermeintlich heimlichen Treffen beobachtet hatten.

Später gab er dann wenigstens zu, dass er «das Meitli gärn gseh het», sonst habe er nichts mit ihr gehabt. Die Beziehung zu ihr sei oberflächlich gewesen. Wahrscheinlich sei ihm deshalb auch alles über sie entfallen.

Jolanda Ceretto blieb verschwunden, die Untersuchung des Mohlerhofes durch die Polizei blieb erfolglos. Ungefähr ein Jahr nach diesen Ereignissen kam es in Solothurn zu einer Gerichtsverhandlung. Allgemein war man der Ansicht, dass Walter Ris mangels Beweisen freigesprochen würde. Doch kurz vor dem Gerichtstermin kam es zu einer unerwarteten Wendung.

Quellen: Anton Ris, «Mordfall Ris auf dem Mohlerhof»; Wittmer, «Polizei Kanton Solothurn – eine bewegte Organisation».