Grenchen
Dem Verbrechen auf der Spur: 300 Franken brachten den Erfolg

Wenige Tage vor dem angesetzten Termin für den voraussichtlichen Indizienprozess am 11. März 1936 gegen den Grenchner Landwirt Walter Ris nahm der Fall eine überraschende Wende. Zweiter Teil der Serie über das Verbrechen vor 78 Jahren.

Fränzi Rütti-Saner
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Die Polizei rekrutierte für die Suche nach der verschwundenen Jolanda Ceretto gar Arbeitslose. Auf dem Mohlerhof wurden sie instruiert. Bilder: zvg

Die Polizei rekrutierte für die Suche nach der verschwundenen Jolanda Ceretto gar Arbeitslose. Auf dem Mohlerhof wurden sie instruiert. Bilder: zvg

Kurz bevor der des Mordes an Jolanda Ceretto verdächtigte Walter Ris vor dem Richter stehen konnte, meldete ein Arbeitsloser, Julius von Burg, der Polizei den Fund von einigen Gegenständen, welch der vermissten Frau gehörten. Von Burg fand diese Ende Februar auf dem Gelände des Mohlerhofes. Der Gerichtstermin wurde sofort abgesagt. Ein paar Tage später fand von Burg auch noch die Leiche der Vermissten. Der erfolgreiche Hobby-Detektiv machte danach über seine Funde bei der Polizei folgende Aussagen:

«Als Waise erlebte ich eine trübe Kindheit, reich an Arbeit und Entbehrungen, arm an Freude und Menschenliebe. Nach der Schule versah ich verschiedene Stellen als Hilfsarbeiter oder als Knecht. Von Oberbuchsiten her kam ich nach Grenchen und fand bei meiner Schwester Unterkunft. Das war am 24. Februar 1935. Im Familienkreis wurde oft über den Fall Ris-Ceretto gesprochen.

Der Fall reizte mich, mich ein wenig als Detektiv zu betätigen, ohne eigentlich daran zu glauben, Erfolg zu haben. Auch stachen mir die 300 Franken Belohnung in die Augen. Meine Schwester und viele andere Leute meinten, Ris habe die Ceretto verbrannt. Ich selbst glaubte eher, dass sie irgendwo vergraben sein müsse. Da ich Ris von früher her kannte und wusste, dass er eine ziemlich schwache Sehkraft hatte, vermutete ich, dass er die Leiche in keiner grossen Entfernung zu seinem Haus vergraben hätte. Auch war kaum anzunehmen, dass er die Leiche in den Wald schleppte, wo er Gefahr laufen konnte, von Wildhütern beobachtet zu werden.»

«Ich suchte die Hofstatt ab, fand aber nichts Aussergewöhnliches. Im Holzschopf untersuchte ich eine Lattenwand mit einem Hohlraum. Dieser Hohlraum war mit Holzabfällen ausgefüllt und ich fing an, diese auszuräumen. Da fiel mir ein Sack in die Hände, der nur verknotet war. Ich verliess den Schopf und öffnete den Sack draussen. Es kam ein zugeschnürtes Paket zum Vorschein. Durch die Packschnur war ein Regenschirm gezogen.

Auf dem Paket stand als Adressat «Fräulein Jolanda Ceretto, Allerheiligenstrasse, Grenchen». Ich öffnete das Paket und fand Kaninchenfelle, die Vater Ceretto seiner Tochter mitgegeben hatte, um sie nach Solothurn zu bringen. Als ich die Felle auseinanderbreitete, erschrak ich, denn es sprangen einige Mäuse heraus. Im Paket fand ich ferner einen roten Frauenhut, eine Handtasche, einen Unterrock, einen Schal und Handschuhe.» Anstatt den Fund gleich zur Polizei zu bringen, ging von Burg zur Familie Ceretto. Beim Anblick der Gegenstände fing Mutter Ceretto an zu weinen und erklärte, dass dies alles ihrer Tochter gehört hätte. Jetzt informierte der Hobby-Detektiv die Grenchner Polizei.

Sofort wurden die Polizei und der Schwurgerichtspräsident aktiv und begannen, den Mohlerhof nochmals zu untersuchen. Doch blieb auch diese erneute Suche ergebnislos. Einziges Ergebnis: Jetzt verdächtigte die Polizei auch Julius von Burg des Mordes an Jolanda Ceretto. Von Burg wurde – ohne dass er etwas ahnte – unter Bewachung gestellt. Doch dieser setzte seine Suche auf dem Mohlerhof fort und erzählte weiter: «Durch den ersten Erfolg angefeuert, fing ich mit erneutem Eifer an, nach der Leiche zu suchen. Ich ging am Samstag, 15. März 1936, auf den Polizeiposten und fragte, ob man mir ein Sondierungseisen zur Verfügung stellen würde. Es war dort aber kein solches vorhanden. Ich stellte nun selbst eines aus Alteisen her.

Bis um halb fünf Uhr nachmittagd sondierte ich dann mit einer schweren, 2,5 Meter langen Stange noch einmal die Hofstatt und ein wenig im Wald. Als ich wieder aus dem Wald herauskam, gewahrte ich den greisen Vater Ris zum dritten Mal auf dem Weg zwischen dem Hühnerhof und der Jauchegrube hin und her gehen. Ich fragte mich: Warum muss ich ihn immer an dieser Stelle treffen? Diese Stelle hatte ich schon verschiedene Male abgesucht, ohne etwas zu finden. Von Neuem untersuchte ich dann ganz gründlich diese Stelle. Auf einmal, als ich den Stab wieder in die Erde trieb, entsank er meinen Händen und drang etwa einen Meter in den Boden ein. Daraus musste ich schliessen, dass hier vor nicht allzu langer Zeit Erde ausgehoben worden war. Ich trieb das Eisen zehn cm weiter weg noch einmal in die Erde und vernahm einen eigenartigen, dumpfen Ton, als wenn ich durch einen weichen, luftgefüllten Gegenstand stiesse.

Als ich das Eisen herauszog, nahm ich einen schwachen Verwesungsgeruch wahr. Ich kniete über das Loch und konnte jetzt starken Verwesungsgeruch feststellen. Mit einem Spaten fing ich an, Erde auszuheben und schon nach dem dritten Spatenstich stiess ich auf etwas Weiches, was mich am Weitergraben hinderte. Vorsichtig hob ich die Erde mit den Händen aus und bald hatte ich den Arm eines Menschen blossgelegt. Diese Entdeckung machte ich um 6.40 Uhr abends, als es schon zu dunkeln anfing. Ich war von diesem Fund selbst sehr erschüttert. Unverzüglich verständigte ich die Polizei und in kurzer Zeit waren Polizei und Arzt zur Stelle. Nachdem der Arzt den blossgelegten Arm geprüft hatte, sagte er zu mir: Es ist schon recht, von Burg, Sie brauchen nicht mehr weiter zu graben, sie haben ihren Taglohn gemacht.»

Am folgenden Tag, einem Sonntag, wurde die Ausgrabung der Leiche von Fachleuten des Gerichtsmedizinischen Instituts Bern, dem zuständigen Gericht von Solothurn und unter der Beobachtung von zahlreichen Schaulustigen, durchgeführt. Die Leichenschau erfolgte im Beisein von Walter Ris auf dem Mohlerhof. Ris verhielt sich so, als ginge ihn das Ganze gar nichts an. Die Gerichtsverhandlung folgte dann einen guten Monat später, am 28. April 1936. Walter Ris wurde jetzt des Mordes an Jolanda Ceretto angeklagt.

3. Teil in der nächsten Ausgabe der «Schweiz am Sonntag».

Quellen: Anton Ris, «Mordfall auf dem Mohlerhof»; Wittmer, «Polizei Kanton Solothurn –eine bewegte Organisation».

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