Kurz vor halb sieben fegt eine ungemütlich kalte und starke Bise über die Pisten und Rollbahnen des Regionalflughafen Grenchen. Der Parkplatz ist abgesperrt, eine Gruppe von Menschen sucht an der Hauswand des Airport-Hotels Schutz vor dem beissenden Wind.

Manche von ihnen ausgerüstet mit gelben Warnwesten, Notizblöcken, in Feuerwehr- oder Polizeiuniformen. Auch Stadtpräsident François Scheidegger ist vor Ort und harrt der Dinge, die da kommen sollen.

Flammen beleuchten Szenerie

Plötzlich schlagen auf dem hinteren Teil des Parkplatzes Flammen aus zwei Behältern und beleuchten die Szenerie. Ein Flugzeugwrack steht da, am Strassenrand ein grauer Personenwagen, dazwischen die brennenden Behälter. Später wird Übungsleiterin Nicole Tribelhorn die Anlage erläutern: Einem Kleinflugzeug im Landeanflug reicht es nicht mehr bis auf die Piste. Es schlägt auf dem Parkplatz vor der Piste auf, und beim Crash wird auch noch ein Auto getroffen. Die Sirenen des Flughafens ertönen und keine Minute später ist die Feuerwehr des Airports mit zwei Einsatzfahrzeugen vor Ort.

Notfallübung der Grenchner Blaulichtorganisationen

Notfallübung der Grenchner Blaulichtorganisationen

Nur Momente später trifft die Polizei mit mehreren Einsatzfahrzeugen ein und sperrt die ganze Strasse vor dem Flughafen. Die Feuerwehrleute der Flughafenpolizei beginnen mit der Bergung der Insassen aus dem «Wrack». Mit Blaulicht, ohne Sirene, trifft der Rettungsdienst mit zwei Rettungswagen sowie die Feuerwehr der Stadt Grenchen mit Tanklösch- und Einsatzfahrzeugen am Unfallort ein.

Grosse Lichtstrahler werden hochgefahren, es wird beinahe taghell auf dem Unfallplatz. Im PW am Strassenrand sitzen offensichtlich verletzte Personen, die sich durch Hupen bemerkbar machen, an die Scheibe hämmern und um Hilfe rufen. Ein Mann läuft verwirrt auf dem Parkplatz herum, bis ihn ein Uniformierter zur Seite nimmt und zu den Sanitätern führt, die beim Velounterstand einen provisorischen Verwundeten-Sammelplatz erstellt haben. Dorthin haben die Feuerwehrleute auch die Verwundeten aus dem Flugzeugwrack gebracht. Die Rettungssanitäter des Rettungsdienstes Grenchen verlegen den Sammelplatz etwas später nach drinnen an die Wärme – in den grossen Saal des Airport-Restaurants.

Jeder der Verletzten trägt einen Zettel um den Hals, der ihm schon vor der Bergung umgehängt wurde. Auf dem Verwundetensammelplatz wird die sogenannte Triage vorgenommen, die Rettungssanitäter beurteilen anhand der Verletzungen den Zustand der Patienten. Infusionen werden gelegt, Bewusstlose beatmet, Transporte mit Rettungshelikopter und Sanitätsfahrzeugen in die für die jeweiligen Verletzungen geeigneten Spitäler organisiert. Die Sanitäter werden dabei von den Feuerwehrleuten und Polizeibeamten unterstützt, die Infusionen halten, mit den Verwundeten sprechen, sich um sie kümmern.

Hinteres Autofenster eingeschlagen

ie Insassen des Autos schlagen immer noch von innen an die Scheibe. Die Feuerwehrleute der Grenchner Stützpunktfeuerwehr versuchen, irgendeine Tür des Autos zu öffnen – ohne Erfolg. Einer schlägt hinten eines der Fenster ein und gleich darauf kriecht eine Rettungssanitäterin ins Auto, um den Zustand der Verletzten zu beurteilen und mit ihnen zu sprechen. Beide sind mittelschwer verletzt aber ansprechbar – im Gegensatz zu den beiden Verletzten aus dem Flugzeugwrack, die bereits geborgen wurden und die es schlimmer erwischt hat. Der eine ist nämlich bewusstlos und nicht ansprechbar, der andere hat offenbar Rückenverletzungen, und innere Verletzungen sind wahrscheinlich. Den beiden Figuranten im Auto werden Halsmanschetten angelegt, auch sie erhalten die orangen Zettel um den Hals. Ein Rettungssanitäter erklärt später, das sei immer so. Jeder Verwundete erhält so eine eindeutige Identifikationsnummer, die bei ihm bleibt, und alle wichtigen Infos werden auf dem Zettel notiert.

Flughafen zu, Luftraum gesperrt

Nun müssen die schweren Geräte ran: Mit hydraulischen Spreizen wird erst einmal die Motorhaube aufgestemmt, damit die Batterie abgeklemmt werden kann. Danach brechen die Feuerwehrleute auf beiden Seiten die Türen auf und bergen die beiden Verwundeten vorsichtig auf Anweisung der Rettungssanitäter. Auch sie werden zum Sammelplatz getragen.
Abseits des Geschehens war man in der Zwischenzeit nicht untätig: Hinter dem Haus vor einem der Hangare wurde die Kommandozentrale der Kantonspolizei aufgebaut. Ein hochmodernes Kommandofahrzeug mit Anhänger steht da, mit allem, was es für eine optimale Kommandostruktur braucht. Den Lead der gesamten Operation hat die Kantonspolizei, die hier regelmässig die Einsatzleiter der verschiedenen Dienste empfängt und die ganze Aktion koordiniert. Im Flughafen wurde derweil vom rückwärtigen Dienst ebenfalls ein Notfallszenario abgearbeitet, streng gemäss des dafür vorgesehenen Prozederes. Der Flughafen wurde geschlossen, der Luftraum gesperrt.

Mit dem Resultat zufrieden

Rund 90 Minuten später treffen sich die Einsatzleiter zu ihrem nächsten Rapport. Nachdem alle Beteiligten ihren Bericht abgeliefert haben, erklärt Nicole Tribelhorn die Übung für beendet.

Das Fazit der Prüfungsexperten fällt gut aus. Andi Lochmeier, selber Kommandant der Flughafenfeuerwehr Zürich, hat lediglich Kleinigkeiten zu bemängeln, die man noch verbessern könnte. Er lobt die reibungslose Einsatzleitung, die guten Absprachen und das Abarbeiten der Checklisten. Auch Peter Tschümperlin, Inspektor beim Bundesamt für Zivilluftfahrt, ist zufrieden mit dem Ablauf und erklärt die Übung als erfüllt. Ziel sei es gewesen, die Zusammenarbeit der verschiedenen Blaulichtorganisationen zu überprüfen. Er stelle fest, dass der Flughafen aufgerüstet habe, neue Einsatzfahrzeuge für die Flughafenfeuerwehr angeschafft wurden und man die Ausbildung intensiviert habe. Das trage Früchte, und er sei zufrieden mit dem Resultat.

Alle an der Übung Beteiligten wurden anschliessend zu einer warmen Suppe eingeladen – auch die Verwundeten liessen sich diese schmecken.