Möchten sie in einer Wohnung leben, die 26 Meter lang und 4 Meter breit ist, einer rechteckigen Röhre, sozusagen? «Kein Problem», sagen sich immer mehr urban geprägte Menschen. Ist das doch eigentlich nichts anders als die XXL-Version der zurzeit so gefeierten «Wohnboxen» in den trendigen Grossstädten weltweit.

Nur handelt es sich dabei um eine Genossenschaftswohnung in der Zürcher Agglo. «Wir haben noch fünf solche Wohnungen anzubieten und sind zuversichtlich, dass sich diese auch vermieten lassen», sagte Andreas Engweiler von der Wohn- und Baugenossenschaft Kraftwerk 1 in Dübendorf. Das Bauprojekt der Genossenschaft mit 126 Wohnungen auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei Zwicky wurde dieses Jahr von der SIA (Berufsverband der Ingenieure und Architekten) als eines von insgesamt acht Projekten ausgezeichnet. Es handle sich um «ein weitsichtiges und integratives Projekt, das seinen Anspruch an soziale Innovation mit einer qualitativ hochstehenden Architektur unterstreicht - in räumlicher, gesellschaftlicher technologischer und ökologischer Hinsicht», heisst es in der Begründung der Jury.

Der Schweizer SIA-Präsident Stefan Cadosch diskutierte zur Eröffnung der Wohntage mit an der Überbauung beteiligten Personen unter der Leitung «Hochparterre»-Redaktor Axel Simon. «Das Spezielle ist, dass wir an einem eigentlichen Unort gebaut haben, einer lärmigen Ecke zwischen Autobahn, städtischer Durchgangsstrasse und S-Bahn-Viadukt», sagte Architekt Ivo Hasler (der übrigens selber in der Überbauung lebt). Die 2009-2015 realisierten Wohnungen mussten diese schwierigen Rahmenbedingungen, insbesondere die Licht- und Lärmsituation meistern und gleichzeitig erschwinglich sein, was zu teilweise exotischen Grundrissen führte. Es gab Darlehen vom Bund und die Kostenmiete betrage heute unter 200 Fr. pro Quadratmeter und Jahr. (das bedeutet im Durchschnitt knapp 1700 Fr. für eine 100 m2-Wohnung pro Monat).

Heute Leben rund 300 Personen aus allen Bevölkerungsschichten in der Genossenschaftsüberbauung. Darunter sind Personen, die sich diesen Wohnraum sonst nicht leisten könnten und deren Miete aus einem Solidaritätsfonds der Gemeinschaft subventioniert wird. Auch Anschaffungen für die Gemeinschaftsräume und die Umgebung werden so finanziert.

Auch einige Flüchtlingsfamilien leben inzwischen in der Überbauung. Der Mietermix kann von der Verwaltung gesteuert werden, was laut Engweiler bisher noch nicht gross nötig war. «Es hat sich auch so eine Mischung ergeben, die in etwa der Stadt Zürich entspricht.»

Aufgrund der eher tristen Umgebung findet das soziale Leben in den Innenhöfen statt. «Wer sich Leben in der Stadt gewohnt ist, hat auch kein Problem damit, dass sein einziger Ausblick die Fassade des Nachbarblocks ist», sagte Ivo Hasler. Dafür gibt es andere Vorteile. Jeder Mieter wird gratis Mobility-Mitglied und das grösste Einkaufszentrum der Schweiz («Glattzentrum») ist ein paar hundert Meter entfernt, ebenso Bau-, Wohn- und Hobbymärkte in Hülle und Fülle. «Es ist reizvoll, dies zu entdecken.»

Vom SIA ausgezeichnet wurden ganz unterschiedliche Projekte, darunter auch das neue Kraftwerk Hagneck oder der Umbau des Bahnhofs Oerlikon im Rahmen der neuen Durchmesserlinie Zürich. In der alten Turnhalle werden die Projekte in einer audiovisuellen Schau vorgestellt, die gestern auch vom Gemeinderat Grenchen besucht wurde.

Die Ausstellung «Umsicht-Regards-Sguardi 2017» ist bis 15. November zu sehen, jeweils 17.30 bis 19 Uhr, Sa und So 14-17 Uhr.