Langjährige Bewohner und Newcomer geben Auskünfte, weshalb sie gerne an der Karl-Mathy-Strasse am Hubelweg oder an der Lingerizstrasse wohnen.

Ein Hauch von Süden. Im Zentrum des Monbijoukreisels blüht Lavendel. Auf dem befestigten Platz beim Restaurant Monbijou wird eine Fischerrute gerichtet. Vera Winzenried, die den Laden mit Fischereiartikeln betreibt, hilft ihrem Mann, das Werkzeug für einen Fangausflug fit zu machen. «Ein Tischlein und ein Glas Pastis fehlen noch zur Ferienstimmung», scherzt Rudolf Winzenried. Die Betreiberin des Geschäfts hat auch Kunden aus dem Quartier. «Vor allem Männer aus dem früheren Jugoslawien sind ‹angefressene› Fischer», weiss sie. Ungewöhnlich sei nur die Tatsache, dass im Geschäft für Fischereiartikel eine Frau hinter dem Ladentisch stehe.

Adam, Denis, Albi, Anas, Illias und Yasser spielen Fussball. Die Familiennamen der Knaben lauten Barukcic, Imani, Isenschmid und Elkoudsi. «Die Leute sind nett und es hat viele Kinder», sind sich die Schüler einig. Der lange Schulweg ins Haldenschulhaus macht ihnen nichts aus.

Früher gab es noch drei Läden

Andreas Fankhauser hat in seiner sportlichen Karriere für den Fussball und als Trainer Grossartiges geleistet. «Mit Heinz Lüdi haben meine Söhne auf dem holprigen Feld gespielt», erinnert er sich. Lüdi hat später sowohl national als auch international im Fussball für Furore gesorgt. Seit 1949 lebt Fankhauser in Grenchen und hat das Lingerizquartier schätzen gelernt. Damals gab es noch drei Läden: eine Bäckerei, eine Metzgerei und eine Milchhandlung und natürlich die Coop-Filiale, wo heute Denner ein Geschäft führt. Er schätzt die Wohnlage, die Aussicht von seinem Balkon und die Ruhe. «Eisenbahn und Autos sind im Vergleich zu früher viel leiser geworden», erklärt er die letzte Aussage. Im Haus mit 14 Wohnungen, wo Fankhauser wohnt, leben vier Ausländerfamilien. «Der Hauswart stammt aus Kroatien und ist der Beste», sagt Fankhauser und schmunzelt.

Im Quartier haben immer Ausländer gewohnt, viele Industriearbeiter, die wie Schweizer günstigen Wohnraum zu schätzen wussten. Waren es früher mehrheitlich Italiener, Spanier und Portugiesen, so wohnen heute eben auch Türken, Menschen aus dem Balkan und vermehrt Farbige und Nordafrikaner im Lingeriz. Hupkonzerte nach Länderspielsiegen sind leiser geworden als noch vor Jahren. Die Huperei findet heute mehr im Zentrum der Stadt statt, vermutet Fankhauser, der sich als ehemaliger Tschütteler (Cupsieger 1959) überhaupt nicht daran stört. In letzter Zeit sind auch Zuwanderer aus Deutschland ins Quartier gezogen. Grosse Unterschiede im Verhalten der Quartierbewohner im Vergleich zu den 50er-Jahren kann er nicht nennen. «Fotzelcheibe gibt es bei Ausländern und Schweizern und in allen Quartieren», lautet sein Fazit.

Eine Auslage von Gemüsen und Früchten präsentiert Nassir Katergi. Riesige Wassermelonen, Kochbananen, Maniokknollen und bekanntes Gemüse warten auf Käufer. «Täglich frisch und günstig», preist der 34-jährige Syrer aramäischer Herkunft sein Angebot. Seinen Laden, die ehemalige Milchhandlung von Oberlis, hat er vor zwei Jahren von einem Kurden übernommen. Er hat ausländische und schweizerische Kundschaft. «Klar gibt es Schweizer, die nicht beim Ausländer einkaufen», sagt er aus Erfahrung, «aber auch Ausländer, die nicht beim Syrer einkaufen», schiebt er nach. In seinem Geschäft führt er Lebensmittel und viele Dinge für den täglichen Gebrauch.

Besser als in anderen Quartieren

Auf einem Parkplatz putzt eine Familie ihr Auto. Im Coiffeursalon herrscht Betrieb. Die Uhren im Swatchkreisel ticken genau. Unweit der Bushaltestelle wohnt seit 39 Jahren Therese Jost mit ihrem Mann. Das Paar ist nach der Hochzeit eingezogen, hat die Familie grossgezogen und ist geblieben. «Klar haben wir uns auch nach andern Wohnungen umgesehen», erzählt die pensionierte Kindergärtnerin. Aber im Vergleich zum Lingeriz schneiden neue Überbauungen schlechter ab: «Wo sonst stehen so grosse Balkone zur Verfügung und wo beeinträchtigt die Distanz zum Nachbarhaus die Aussicht so wenig?» Einziger Wermutstropfen ist der Zustand der Wohnung. Der Eigentümer hat in all den Jahren keine Investitionen getätigt. Josts haben es in die eigenen Hände genommen und die Wohnung selber renoviert. Auch Therese Jost rühmt die Wohnlage und den grosszügigen Umschwung. «Negative Zeitungsberichte machen mir am meisten zu schaffen», sagt sie und ärgert sich, wenn an ihrem Quartier wenig gute Fäden gelassen werden.

In den 50er-Jahren war das Lingerizquartier ein Vorzeigeobjekt. Die ersten Mehrfamilienhäuser wurden von der Miba (Milchverband der Nordwestschweiz) gebaut. Sanierungen in den in die Jahre gekommenen Häusern sind willkommen und werden auch von den Behörden der Stadt begrüsst.

Beim Gang zurück zum Monbijou winkt ein Knabe und ruft. Er sitzt bei seinem Grossvater auf dem Balkon. Eben hat er noch Fussball gespielt. Ein Abschied voller positiver und freundlicher Symbolik.